Die Wohnbaufrage entscheidet die Wahlen

Für Zürich gehts im März 2018 um die Frage: Soll die ganze Stadt werden wie Zürich-West? Oder sich doch sein inneres Schwamendingen erhalten?

Das Alte macht Neuem Platz: Bauprofil am Brüderhofweg im Kreis 6 (aufgenommen 2015). Foto: Urs Jaudas

Das Alte macht Neuem Platz: Bauprofil am Brüderhofweg im Kreis 6 (aufgenommen 2015). Foto: Urs Jaudas

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Spielte Zürich in einem High-School-Film mit, müsste es die Rolle der populärsten Schülerin übernehmen – jenes Mädchens, mit dem alle unbedingt abhängen wollen.

Zürichs Beliebtheit hat sich als unglaublich zäh erwiesen. Das Reservoir an Menschen, die in der Stadt wohnen möchten, will sich seit über zehn Jahren einfach nicht leeren. Das bestätigen neue Zahlen von Statistik Stadt Zürich. So hat der Anteil an freien Wohnungen dieses Jahr leicht abgenommen (von 0,22 auf 0,21 Prozent), und das, obwohl gleichzeitig über 2500 neue Wohnungen auf den Markt gekommen sind.

Das ist erstaunlich. Normalerweise gilt: Wird viel gebaut, bleiben mehr Wohnungen frei. So geschah es im restlichen Kanton Zürich, wo die Leerwohnungsziffer von 0,84 auf 0,9 gestiegen ist. Nur in Zürich greift der Mechanismus nicht. Hier geht fast alles weg, sofort. Nur Luxuswohnungen lassen sich etwas schwieriger vermitteln.

Die Zürcherinnen und Zürcher werden nicht nur mehr. Sie machen auch mehr Geld. Seit dem Jahr 2000 hat sich ihr Einkommen um 16,2 Prozent (Verheiratete) und 18,2 Prozent (Unverheiratete) erhöht. Die Teuerung im gleichen Zeitraum betrug die Hälfte davon, rund 8 Prozent. Zu diesem Reicherwerden trugen die Einheimischen aber wenig bei. Ihr Einkommen entwickelte sich ungefähr parallel zu den restlichen Preisen. Für den entscheidenden Unterschied sorgten die Zuzüger. Sie verdienen deutlich mehr als die Ansässigen; und deutlich mehr, als jene Menschen, die Zürich verlassen haben.

Zürcher Hauseigentümer leben damit in der besten aller möglichen Welten: Der Zustrom zahlungskräftiger Mieter scheint nie auszutrocknen. Immer mehr nutzen diese Situation, um ihre Häuser zu renovieren und dafür allen Mietern zu künden. Zwischen 2014 und 2016 machten solche «Leerkündigungen» 46 Prozent aller Umbauten aus. Verglichen mit der Zeit von 2008 bis 2010, hat sich der Anteil fast verdoppelt. Wie sich die Preise nach den Renovationen entwickelt haben, weiss die Statistik nicht. Klar ist aber: Nach Leerkündigungen dürfen Eigentümer die Mieten viel stärker erhöhen als nach einem bewohnten Umbau. Auf dieses Recht verzichten wohl wenige freiwillig.

Als eine Art Vergrösserungsglas für das, was in Zürich passiert, lässt sich der Kreis 5 beiziehen. Dort sind seit Ende der 90er-Jahre mehr als 2000 neue Wohnungen entstanden – viel Hochpreisiges, viel Stockwerkeigentum, kaum Gemeinnütziges. Als Folge hat sich im Escher-Wyss-Quartier das Durchschnittseinkommen besonders ein- drücklich vermehrt. Wo einst Industriearbeiter den Alltag prägten, wird heute mehr Geld versteuert als am Zürichberg.

Gegensätzliche Rezepte

Diese Zahlen heizen einen zentralen Konflikt an, der den Wahlkampf für die Erneuerungswahlen vom 4. März 2018 prägen wird: die Wohnbaufrage. Dabei stehen sich zwei unvereinbare Ansätze gegenüber. Die Linke würde am liebsten den ganzen Boden «der Spekulation entziehen», ihn also an Genossenschaften oder an die Stadt übergeben. Nur so blieben die Mieten bezahlbar. Die Bürgerlichen ihrerseits wollen die Privaten mehr bauen lassen. Dafür soll man Vorschriften lockern und Aufzonungen erlauben. Nur so entstünden in Zürich ausreichend Wohnungen. Nur so sänken die Preise.

Die neuen Auswertungen von Statistik Stadt Zürich scheinen eher die linken Befürchtungen zu bestätigen: Solange genug Wohlhabende nach Zürich ziehen oder ihr Geld in Zürcher Häuser anlegen wollen (und ein Ende dieses Trends zeichnet sich nicht ab), solange steigen auch die Mieten. Bauen allein hat bisher nicht ausgereicht, um die Lage zu entspannen. Genossenschaften und die Stadt hingegen garantieren nachweislich tiefere Mieten. Das liegt daran, das Sie keinen Gewinn mit ihren Häusern machen dürfen.

Bei den Wahlen vom März 2018 geht es auch um die Zusammensetzung der Zürcherinnen und Zürcher, das heisst, um die Seele der Stadt. Wer darf künftig sagen: «Wir leben Zürich»? Nur Menschen, die viel verdienen? Oder alle? Soll sich ganz Zürich so entwickeln, wie es Zürich-West oder das Seefeld getan haben? Oder muss sich die Stadt ihr inneres Schwamendingen erhalten?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2017, 23:15 Uhr

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