Nach 147 Jahren ist endgültig Ladenschluss

Erneut verschwindet ein traditionsreicher Betrieb aus dem Stadtzentrum: Ende Monat schliesst in der Altstadt der Handschuhladen Böhny.

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Das geschmiedete Schild mit dem goldenen Handschuh hängt noch an der Hausfassade, aber der Name Böhny verschwindet auf Ende Jahr aus der Zürcher Altstadt. Seit 1870 war das Spezialgeschäft an der Augustinergasse die erste Adresse für exklusive Damen- und Herrenhandschuhe. Mit dem Wegzug des Traditionsgeschäfts verliert die Stadt Zürich nach 147 Jahren ein Stück Textilgeschichte. Es ist ein Laden mit Geschichte: Hier kauften Prominente wie der Sänger Udo Jürgens, TV-Schauspieler Richard Chamberlain («Dornenvögel») und Schriftsteller Hugo Loetscher ein.

Die Schliessung kommt für die Geschäftsinhaberin Margarethe Graf nicht überraschend: «Mein Mietvertrag läuft auf Ende Jahr aus und eine erneute Verlängerung war für mich kein Thema bei den derzeitig hohen Mieten in der Zürcher Altstadt.» Die wirtschaftlich guten Zeiten seien eh schon seit geraumer Zeit vorbei. Gründe gebe es viele, führt Graf aus: der starke Franken, weniger ausgabefreudige Touristen («Die Russen sind weg aus Zürich») und die vielen Onlinehändler, die ihr mit Rabatten die Kunden weglocken.

«Die vergangenen drei warmen Winter haben sich äusserst negativ auf das Geschäftsergebnis ausgewirkt.»Inhaberin Margarethe Graf

Die Umsätze bei Böhny gingen laufend zurück – dies auch wegen zu warmer Winter. «Die vergangenen drei warmen Winter haben sich äusserst negativ auf das Geschäftsergebnis ausgewirkt», sagt die Inhaberin. Wie hoch die Miete an der Augustinergasse ist, will Graf nicht verraten. Sie sagt nur: «Für mich geht die Rechnung nicht mehr auf.» Deshalb habe sie sich zur Schliessung entschlossen. Jetzt sei für sie auch altersbedingt der richtige Zeitpunkt gekommen. Ganz verschwindet der Name Böhny aber nicht aus dem Stadtbild. Margarethe Graf führt am Kreuzplatz noch das Wellis, welches auf Feinmasshemden und Blusen spezialisiert ist und in Zollikon ein Outlet. «Dort wird es weiterhin ein sehr kleines Böhny-Angebot geben», sagt sie.

Trost für die Stammkunden

Die Schliessung des alteingesessenen Geschäfts fällt ihr nicht leicht; immer wieder kommen Stammkunden auf einen Schwatz vorbei und schwärmen von alten Zeiten. Diese vertröstet sie jeweils damit, dass es an der Augustinergasse mit dem Verkauf von Handschuhen weitergehe. «Nach einer kurzen Umbauzeit im nächsten Jahr übernimmt Roeckl», sagt Graf. Die deutsche Firma ist bekannt für Handschuhe und Taschen.

Es war eine Neuheit, als 1870 ein gewisser Emil Böhny in Zürich einen Handschuhladen eröffnete. Begonnen hatte er als Verkäufer von Ziegenfellen, wie Margarethe Graf erzählt. Mit der eigenen Fabrikation begann Böhny in Zürich an der Peterhofstatt und mit einem kleinen Laden am Rennweg. Graf: «Er hatte eine gute Nase dafür, was Standorte betraf.» 1878 bis 1885 befand sich der Laden an der Storchengasse, 1886 bis 1904 im Hotel Schwert am Weinplatz und von 1905 bis 1925 an der Bahnhofstrasse. 1955 verkaufte der letzte Träger des Namens Böhny die Firma. Die Poststrasse 5 am Paradeplatz wurde für fast 45 Jahre das nächste Zuhause, bis im Jahr 2000 dieses Ladenlokal gekündigt wurde. Letzte Heimat wurde die Augustinergasse 22.

Böhnys Handschuh-Knigge

Margarethe Graf ist ein wandelndes Lexikon, was die Geschichte des Handschuhs betrifft. «Der Handschuh markierte früh Distanziertheit», sagt sie. «Die nackte Hand war das Zeichen der Bauern und Handwerker. Der Papst, die Kaiser, Fürsten und Adlige trugen immer Handschuhe», sagt sie.

Übrigens, das korrekte Tragen des Handschuhs will gelernt sein, heisst es in Böhnys Handschuh-Knigge: «Als Dame darf man auf der Strasse bei der Begrüssung einen Handschuh anbehalten, einen Sporthandschuh hingegen unbedingt ausziehen, und zwar gleichgültig, ob eine Frau, ein Mann, ein Vorgesetzter oder ein Untergebener, ein Älterer oder Jüngerer begrüsst wird.» Oder: «In Tram, Bahn oder Flugzeug darf man, wenn man dies aus hygienischen Gründen wünscht, die Handschuhe – ausser beim Essen – anbehalten. Reicht der Herr einer aus dem Auto steigenden Dame die Hand, dann die behandschuhte Rechte. Golf-/Reit- oder sonstige Sportspezialhandschuhe hingegen braucht man bei einer Begrüssung nicht auszuziehen.»

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Erstellt: 05.12.2017, 10:49 Uhr

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