Starbucks geht, Quartierbäcker zieht ein

Die US-Kaffeekette schliesst zwei Filialen in Zürich. Am Schaffhauserplatz profitiert ein Traditionsbetrieb.

Nicht die einzige Verabschiedung: Starbucks schliesst sein Geschäft am Max-Bill-Platz in Neu-Oerlikon. Foto: Tom Kawara

Nicht die einzige Verabschiedung: Starbucks schliesst sein Geschäft am Max-Bill-Platz in Neu-Oerlikon. Foto: Tom Kawara

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Der Starbucks am Schaffhauserplatz ist verschwunden, der grüne Schriftzug ist abmontiert. Nach 13 Jahren verlässt der US-Konzern das Lokal an der Ecke am Eingang zur Hotzestrasse. Es wird derzeit umgebaut. Mitte September eröffnet die Bäckerei Gnädinger vis-à-vis ihrem Hauptgeschäft einen Ableger.

Und auch der Starbucks am Max-Bill-Platz in Neu-Oerlikon schliesst, ebenfalls nach 13 Jahren. Vor und im Laden sind Hinweise für die Gäste aufgehängt, wonach hier am Samstag der letzte Kaffee verkauft wird. Starbucks bestätigt das auf Anfrage dennoch nicht.

Gleichzeitig geht auch die Filiale am Winterthurer Neumarkt zu, wie der «Landbote» kürzlich berichtete. Im ganzen Kanton gibt Starbucks also gleich drei Standorte auf. Das ist erstaunlich für ein Unternehmen, das seit seinem Markteintritt in der Schweiz vor allem durch seine aggressive Expansion aufgefallen ist.

Neu eröffnet hatte in der Stadt zuletzt vor einem Jahr das Geschäft im Bahnhof Stadelhofen. Wenn Starbucks ein Lokal schliesst, dann war das bis vor kurzem eine Meldung gegen den Trend. Und es bleibt eine, die bewegt. Die einen lieben die Atmosphäre und die Kaffeekreationen des amerikanischen Konzerns, die anderen finden diese überteuert oder sehen in der Kette den Inbegriff für die Verdrängung von kleineren und individuelleren Geschäften. Umso hämischer waren die Reaktionen in den sozialen Medien, als bekannt wurde, dass Starbucks in Winterthur an prominenter Lage einen Laden aufgeben muss.

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Am Schaffhauserplatz beerbt Gnädinger den Multi. Das ist bemerkenswert, weil manche Anwohnerinnen und Anwohner vor 13 Jahren angesichts der Starbucks-Eröffnung auf der anderen Strassenseite den baldigen Untergang der Traditionsbäckerei prophezeiten. Nun expandiert diese mit neuen Ideen. «Wir haben unser veganes und vegetarisches Sortiment Schritt für Schritt ausgebaut», sagt Andy Gnädinger, der die Bäckerei gemeinsam mit seiner Frau Yasmine betreibt. Und weil die fleischlosen Alternativen so gut funktionierten, habe er zugeschlagen, als er vor Ostern von der geplanten Schliessung gehört habe.

Bereits geräumt: Auf Starbucks folgt ein Ableger der Bäckerei Gnädinger, der ganz auf vegetarische und vegane Produkte setzt. Foto: Tom Kawara

Er glaube aber nicht, dass der Standort für Starbucks rote Zahlen geschrieben habe, sagt Gnädinger. Die Miete der Ladenfläche bezeichnet er als moderat. Der Umsatz habe wohl schlicht nicht den Vorstellungen der Starbucks-Unternehmensleitung entsprochen. Diese sagt nichts zum Geschäftsgang der geschlossenen Filialen – lediglich, dass man alle Standorte regelmässig überprüfe, dass diese relevant für die eigene Kundschaft sein müssten und man dabei ein «gesundes Unternehmenswachstum» anstrebe. Die Zahlen haben am Max-Bill-Platz, am Schaffhauserplatz sowie am Neumarkt in Winterthur offenbar nicht gestimmt.

«Hier gibt es nur wenig Laufkundschaft – umso mehr ist eine Identifikation mit den Stammkunden wichtig.»Andy Gnädinger

Die Lage am Schaffhauserplatz sei für Starbucks nicht optimal, glaubt auch Gnädinger. «Hier gibt es nur wenig Laufkundschaft – umso mehr ist eine Identifikation mit den Stammkunden wichtig», sagt er. Das sei schwierig, wenn die Mitarbeiter – wie bei Starbucks üblich — häufig zwischen den Filialen wechselten. Und auch die Konkurrenzsituation am Schaffhauserplatz sei nicht zu unterschätzen.

Coffee-to-go an jeder Ecke

Nicht nur dort ist Starbucks einer grösseren Konkurrenz ausgesetzt als noch in seinen Anfängen. Kaffees im Pappbecher bietet mittlerweile fast jeder Kiosk und jede Bäckerei an, neue Kaffeehäuser werden an jeder Ecke eröffnet. Und Starbucks hat Kaffee zu einem Lifestyleprodukt gemacht. Davon profitieren heute neue Labels wie Vicafé, das an seinen Zürcher Espressobars Kaffee mit hohem Anspruch an Qualität über die Gasse verkauft – und das für deutlich weniger Geld als der grüne Riese. Die Goldgräberstimmung herrscht jetzt bei anderen.

Ist in wenigen Tagen Geschichte: Die Starbucks-Filiale am Max-Bill-Platz. Foto: Tom Kawara

Ganz anders war die Situation Anfang der Nullerjahre, als die Kette das Konzept der US-amerikanischen Coffeeshops und der Coffee-to-go nach Kontinentaleuropa exportierte. Als Einfallstor fungierte Zürich – die Filiale am Central war 2001 die erste auf europäischem Festland. Noch im gleichen Jahr folgten zwei weitere am Bellevue und am Flughafen. Danach begann die grosse Expansion des Kaffeeriesen. Nach den erwähnten beschlossenen Schliessungen gibt es in der Stadt Zürich noch immer 16 Starbucks-Cafés, im Kanton sind es insgesamt 24, landesweit 54.

Die Starbucks-Filiale
am Central war
2001 die erste auf dem
europäischen Festland.

Beginnt jetzt der Rückzug von Starbucks dort, wo der Konzern zu seinem Aufstieg in der Schweiz angesetzt hat? Oder löst sich das Unternehmen lediglich von seinen weniger lukrativen Standorten? Gerüchteweise sollen in der Stadt Zürich nicht nur zwei Filialen schliessen, sondern bald auch eine neue eröffnet werden. Die Gesamtsituation ist schwierig zu beurteilen – auch, weil das Unternehmen kaum informiert.

Das Kaffeehaus-Konzept wurde tausendfach kopiert: Der Starbucks am Max-Bill-Platz von innen. Foto: Tom Kawara

Wieder geschlossen hatte Starbucks in der Stadt Zürich bisher nur drei Geschäfte: Bereits kurz nach der Eröffnung gab der US-Konzern 2002 die Filiale am Lindenplatz in Altstetten auf. 2013 musste Starbucks das Geschäft an der Bahnhofstrasse 39 verlassen. Und 2016 verschwand nach 9 Jahren der Starbucks an der Ecke Stüssihofstatt/Rindermarkt aus dem Niederdorf. Jetzt schliessen fast gleichzeitig zwei Filialen und eine weitere in Winterthur – nach 18 Jahren scheint die Starbucks-Euphorie etwas gebremst.

International kämpft der Konzern zunehmend mit Konkurrenz. In den USA will er noch in diesem Jahr rund 150 unrentable Standorte schliessen. Und in China will die Kette Luckin Coffee die Starbucks-Dominanz brechen und eröffnet tausende neue Läden.

Erstellt: 27.08.2019, 11:17 Uhr

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