Nach uns die Abfallflut – das Zürcher Littering-Abc

Sind die Strassen wirklich schmutziger als früher? 17 Fakten zur Littering-Debatte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man kann sich an herumliegendem Müll stören, aber einen Sommer lang nur schimpfen wird langweilig. Wir liefern deshalb hier ein Konversationslexikon für den gepflegten Trash-Talk über Güsel, damit Ihnen der Stoff nicht ausgeht:

Berufsfischer, der: Er ist im Nebenamt so etwas wie der Müllmann des Sees. Littering im Wasser (--> Fluss) hat in den letzten Jahren tendenziell zugenommen, vor allem entlang der stark besuchten öffentlichen Seeanlagen. Im Zürichsee gibt es zwar keine Teppiche von schwimmendem Müll wie in den Ozeanen, wo sich Plastikreste in Strömungswirbeln sammeln. Das meiste wird ans Ufer geschwemmt. Unter Wasser aber gibt es laut den Fischern richtige Müllhalden: Was auf den Grund sinkt und nicht zu schwer ist, wird von der Strömung mitgetragen, bis es in einer Absenkung landet. Oft verheddert sich solcher Abfall in den Grundnetzen der Fischer. Zum Beispiel Aludosen oder Sonnenbrillen.

Ehrenlegion, die: Seit einem Jahr gibt es ein offizielles Abzeichen für die Kämpfer gegen die Vermüllung des öffentlichen Raums: das No-Littering-Label. Damit dürfen sich Gemeinden und Schulen schmücken, die ein überprüfbares Leistungsversprechen abgeben. Die Stadt Zürich etwa verpflichtet sich unter anderem, Anti-Littering-Aktionstage mit Schulklassen zu veranstalten. Leider wird das Label bisher nicht an Privatpersonen verliehen (--> Zivilcourage).

Fluss, der: Die Limmat ist die natürliche Schwemmkanalisation der Stadt Zürich und führt Abfälle zuverlässig ab. Allerdings nur bis zum Rechen der Kraftwerke Letten und Höngg. Die Leute vom Elektrizitätswerk füllen im Sommer wöchentlich eine Mulde mit PET-Flaschen, Plastiksäcken, Windeln oder Kleidern. In Höngg wurde vor Jahren einmal ein kompletter VW-Golf angeschwemmt.

Die Schwemmkanalisation: Zürcher genehmigen sich eine Abkühlung in der Limmat. Bild: Keystone / Ennio Leanza

Güselranger, der: Dieser Titel ist eine Spezialität der Stadt Dietikon. Drei Jahre lang zog Niels Michel dort im Auftrag der Behörden durch die Strassen. Er suchte das Gespräch mit Abfallsündern und mass den Verschmutzungsgrad neuralgischer Stellen (--> Störfaktor). Aktuell wird diskutiert, den Güselranger zu reaktivieren. Kritiker ziehen das Verhältnis von Aufwand und Ertrag in Zweifel.

Hai, der: Der Abfallhai ist ein moderner Designklassiker, made in Knonau. Seit er vor 16 Jahren eigens für die Stadt Zürich entwickelt wurde, haben es die geschätzten 1000 Stadtfüchse dort schwer. Anders als bei älteren Mülleimern kommen sie kaum noch an den Abfall und können diesen deshalb nachts nicht überall verteilen. Der Hai wirkt auch gegen Vandalen, die die alten Gitterkörbe gerne umkickten. Ein Mittel gegen vermüllte Strassen, das international Schule machte. Abfallhaie gibt es sogar in Alaska – dort sind sie bärensicher.

Unter der Woche wird geraucht,
am Wochenende gesoffen.

Jahrtausendwende, die: Der Eindruck, dass heute mehr Müll auf Zürichs Strassen liegt als früher (--> Tradition), trügt nicht. Zwischen 1998 und 2003 nahm die Menge stark zu, von 4000 auf 8000 Tonnen pro Jahr. Entsorgung + Recycling sieht dafür zwei Gründe: Erstens die ­Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes von 1997, die viele neue Nachtclubs und damit mehr Volk auf den Strassen zur Folge hatte. Zweitens einen Boom der Take-away-Verpflegung, weswegen mehr Verpackungen auf den Strassen landeten (--> Polizei). Die Entwicklung hat sich aber nicht fortgesetzt: In den letzten 14 Jahren blieb die Müllmenge relativ konstant bei rund 9300 Tonnen.

Produzieren jedes Jahr rund 90 Tonnen Müll: Besucher an der Street-Parade. Bild: Keystone / Ennio Leanza

Kuh, die: Für sie kann Littering tödliche Folgen haben. Weil die Bauern das Gras heute maschinell mähen, werden Dosen und Glasflaschen geschreddert. Sie landen als scharfe Kleinteile im Futter. Im schlimmsten Fall verblutet eine Kuh innerlich daran. Ebenfalls gefährlich sind Plastikteile, weil sie gesundheitsschädigende Weichmacher enthalten.

Littering, das: Dieser Anglizismus hat es längst in den Duden geschafft, wonach der Begriff für das «Wegwerfen von Müll in die Umgebung» steht. Dass man sich hier eines englischen Begriffs bedient, trotz deutscher Wörter wie Abfall, Kehricht, Müll, Unrat oder dem schweizerischen Güsel, ist in diesem Fall aber nicht bloss der Mode geschuldet. Das Englische ist in diesem Fall einfach präziser, steht doch der Wortstamm Litter nicht einfach für irgendwelchen Abfall, sondern für «kleine Teile von Abfall, die im öffentlichen Raum auf dem Boden zurückgelassen wurden». In Deutschschweizer Medien tauchte der Begriff im Zusammenhang mit einem anderen Kulturimport erstmals auf: Als 1991 in der «Hotel-Revue» die Ökobilanz von McDonald’s thematisiert wurde, sagte Emil Wartmann, Gründer der Firma Gastrag, man müsse «zwischen Abfall und Littering differenzieren». McDonald’s erweiterte also womöglich nicht nur unser Menu, sondern auch unseren Wortschatz. Ende der Neunzigerjahre fand der Begriff dann sprunghaft grosse Verbreitung (--> Jahrtausendwende).

Monsterspiess, der: Eine Zeit lang war der Einweggrill im Sommer das Ärgernis Nummer eins. Er blieb nach der Party nicht nur im Park liegen, sondern hinterliess auch hässliche Brandnarben auf der Wiese. Das Problem ist inzwischen entschärft, weil die Grills der Grossverteiler neuerdings über Ständer verfügen, damit sie nicht direkt auf dem Boden aufliegen. Die aktuellen Problem­artikel sind 50 Zentimeter lange Grillspiesse und voluminöse Verpackungen wie Salatboxen. Sie verstopfen die Öffnungen der Abfallbehälter und machen diese so nutzlos (--> Unterflurbehälter).

Steckt da eine dieser unsäglichen Salatboxen drin? Ein verstopfter Abfallhai. Bild: Keystone / Martin Rütschi

Nummer 1, die: Der Zürcher Sauberkeitsindex (--> Störfaktor) von 2015 zeigt, welches anteilsmässig die wichtigsten Verschmutzungsarten sind, die den öffentlichen Raum vermüllen. Auf Platz eins mit über 20 Prozent: Papier, Karton und Kunststoff. Dahinter folgen mit je 15 Prozent Zigarettenstummel sowie Flaschen und Dosen. Wobei Erstere am Samstag und Sonntag jeweils nachlassen, während Letztere anziehen. Unter der Woche wird geraucht, am Wochenende gesoffen. Gefährliche Abfälle wie Scherben oder Spritzen machen zum Glück nur etwa ein bis zwei Prozent aus.

Obolus, der: Knapp 2 Steuerfranken zahlt jeder Bewohner von Zürich pro Woche an die Stadtreinigung. Laub von Bäumen macht nur wenige Prozent des Aufwands aus, der Rest ist Littering.

Polizei, die: Der erste Reflex auf die Vermüllung des öffentlichen Raums lautet oft: härtere Strafen. Die Wirkung ist aber umstritten. Polizisten verweisen darauf, dass man Abfallsündern die Tat kaum nachweisen könne. Selbst wenn man sie in flagranti erwischt, gibt es zahlreiche Ausreden: Er habe den Abfall nur abgelegt, um ihn später mitzunehmen. Die Polizei müsste den Verdächtigen also beobachten, bis er sich entfernt – da hat sie Wichtigeres zu tun. Entsprechend hat der Nationalrat eine landesweite Abfallsünder-Strafnorm vor knapp zwei Jahren abgelehnt. In vielen Zürcher Gemeinden ist das Wegwerfen von Abfall gleichwohl verboten, auch in der Stadt Zürich, wo es seit 2012 laut Polizeiverordnung mit 80 Franken Busse geahndet wird. Die Stadtpolizei verhängt solche Bussen immer öfter: 2017 hat sie erstmals über 300 Abfallsünder zur Kasse gebeten. In der Polizeiverordnung steht zudem, dass Take-away-Anbieter Vorkehrungen treffen müssen, um den öffentlichen Grund sauber zu halten. Entsorgung + Recycling sagt dazu: Wenn man wiederholt auf Relikte stosse, die sich auf bestimmte Anbieter zurückführen liessen, suche man das Gespräch mit den Verantwortlichen. Ansonsten seien die Einflussmöglichkeiten beschränkt. Immerhin: Bei McDonald's (--> Littering) ist es heute so, dass die Angestellten die Flächen um die Filialen reinigen.

Auch am 1. Mai stösst die Polizei immer wieder auf Abfallsünder: Blick auf die Langstrasse am Tag der Arbeit. Bild: Keystone / Alessandro Della Bella

Störfaktor, der: Littering wird in Schweizer Städten mit wissenschaftlicher Präzision vermessen, damit man weiss, wo man auf dem Sauberkeits­index gerade steht. In Zürich macht das ein Team von Entsorgung + Recycling (ERZ) unter Leitung von Niels Michel, der früher in Dietikon als Experte unterwegs war (--> Güselranger). 50-mal im Jahr suchen sie 170 Hotspots auf und halten nach 14 verschiedenen Arten von Dreck Ausschau. Nicht alles gilt als gleich gravierend. Kaugummis oder Zigaretten haben bloss Störfaktor 1. Das bedeutet: «weniger störend». Ärgerlicher sind Papier, Karton und Kunststoffe, gefolgt von Flaschen und Dosen. Unter Störfaktor 4 fallen schliesslich ­sicherheitsgefährdende Hinterlassenschaften wie Exkremente, Scherben und Spritzen. Die Abfallspione bewerten all diese Verschmutzungsarten auf einem iPad nach Menge. Die Skala reicht von «keine Verschmutzung» bis «starke Verschmutzung». Ist alles miteinander verrechnet, ergibt das eine Note auf dem Sauberkeitsindex. Die Ergebnisse gibt ERZ nicht bekannt. Es handle sich um ein internes Arbeitsinstrument, die Werte seien nicht repräsentativ.

Tradition, die: Die Schweiz gilt ja als reinlich, weshalb Littering als neues Phänomen empfunden wird. Grabungen in Augusta Raurica beweisen aber das Gegenteil. In der Antike wurde dort ein Strassengraben zwischen Theater und Therme richtiggehend zugemüllt mit Scherben, Fischskeletten und Exkrementen. Laut Archäologen ist unklar, ob dies absichtlich geschah oder ob die zuständige Stadtbehörde aus finanziellen oder personellen Gründen nicht mehr in der Lage war, den Graben zu reinigen (--> Obolus).

Unterflurbehälter, der: Besucher der Zürcher Seeanlagen haben oft den Eindruck, die Abfalleimer seien zu knapp bemessen. Das liegt daran, dass ein Grossteil des Fassungsvermögens den Blicken entzogen ist: Sichtbar sind nur die Stahlcontainer, die im Sommer zur Entlastung ausgestellt werden, nicht aber die fest installierten Unterflurbehälter, die etwa das Sechsfache eines Abfallhais schlucken können. Der Müll lässt sich daraus von den Reinigungsequipen einfach absaugen. Dieses System hat auch in anderen Gemeinden Schule gemacht – und wird dort als grosser Fortschritt gewertet: Herumliegender Müll ziehe erfahrungsgemäss mehr Müll an. Weil die Unterflurbehälter nicht so schnell überquellen, lasse sich diese Dynamik brechen. Es sei denn, die Zufuhr werde mit sperrigen Gegenständen verstopft (--> Monsterspiess).

Verpackungen, die: Sie seien oft überflüssig, sagt eine Gruppe Studenten der Zürcher Hochschule für Gestaltung. Sie haben kürzlich die Kunden einer Coop-Filiale gebeten, unnötige Verpackungen bei ihnen abzugeben. Innert weniger Stunden seien 220 Liter Plastik zusammengekommen, vor allem von eingeschweissten Bioprodukten. Material, das sonst vielleicht irgendwo am Boden liegen geblieben wäre. In einem Brief an Coop-Chef Joos Sutter verlangten die Studenten Lösungsvorschläge, wie man auf alle Plastikverpackungen im Obst- und Gemüsebereich verzichten könne. Antwort von Coop: Bio-Karotten oder Bio-Salatköpfe würden verpackt angeboten, weil eine Kennzeichnung mit einem Sticker wie bei Bananen nicht möglich sei. Man überprüfe aber derzeit, wie man solches Verpackungsmaterial reduzieren oder ganz weglassen könne.

Zivilcourage, die: Wird oft als Lösung für das Litteringproblem angepriesen. Abfallsünder müsse man vermehrt ansprechen. Allerdings gehört zur Zivilcourage laut einer aktuellen Präventionskampagne der Polizei auch eine Einschätzung der Lage. Kopflos intervenieren kann gefährlich sein – wenn man etwa eine Gruppe volltrunkener Radaubrüder zurechtweist. Auf einen weniger riskanten Ansatz setzt der Quartiervereinspräsident von Hegnau bei Volketswil, Michel Fässler. Er versucht dort gerade eine Bewegung ins Rollen zu bringen: das «Clean Walking». Man geht spazieren und sammelt dabei mit Zange und Kübel Abfall ein. Auch ein Label (--> Ehrenlegion) hat Fässler entworfen, eine Ameise. Mitmachen erwünscht. Die etwas sportlichere Variante davon ist «Plogging», eine in Skandinavien erfundene Kombination von Jogging und Müllsammeln. Die Läuferplattform Züri rännt hat dies Anfang Juni erstmals in der Stadt Zürich ausprobiert.

Erstellt: 15.06.2018, 17:24 Uhr

Artikel zum Thema

Joggen und Müll entsorgen: Trend erreicht Zürich

Beim «Plogging» macht man Sport und gleichzeitig etwas gegen Littering. Am 2. Juni findet der erste Event in Zürich statt. Vorbild ist Skandinavien. Mehr...

Ein Orden für die härtesten Littering-Gegner

Städte, Gemeinden und Schulen, die sich gegen Littering einsetzen, werden künftig mit einem Label gekennzeichnet. Mehr...

Die Kantone müssen jetzt selbst für Littering-Bussen sorgen

Der Nationalrat lehnt eine landesweite Abfallsünder-Strafnorm ab. Ob sanktioniert wird, hängt nun von den Kantonen ab. Einige prüfen eine Reform. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Mamablog Nehmt euch Zeit fürs Kranksein!

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...