Zum Hauptinhalt springen

Nachbarn am Online-Pranger

Die Mieter der Überbauung Freilager in Zürich können sich über eine App austauschen. Einige nutzen das, um ihrem Ärger über die Nachbarn Luft zu machen.

Zeichnung: Ruedi Widmer
Zeichnung: Ruedi Widmer

In der neuen Freilager-Überbauung in Albisrieden wird modern gewohnt. Dazu gehört eine App, die sich an die Mieter richtet und von der Verwaltung zur Verfügung gestellt wird. Rund die Hälfte der 2500 Bewohnerinnen und Bewohner hat sich bereits registriert. Auf der Online-Plattform können sie nachschauen, wo sich im Quartier die nächste Glas-Sammelstelle befindet oder wie ihr Backofen funktioniert. Sie können der Verwaltung kaputte Glühbirnen melden oder Mitglieder für eine Laufgruppe suchen. So weit, so nützlich.

So modern die App ist, so kleinbürgerlich verhalten sich manche Mieter: Sie nutzen sie als Ventil für ihren Ärger. Auf der Pinnwand beklagt sich zum Beispiel eine Mieterin über den «Lärmenden», der an einem Samstagmorgen seit 9 Uhr mit seiner Bohrmaschine beschäftigt ist. «Irgendwann hat man wohl all seine Bilder an die Wand gemacht!?» Ein anderer Mieter nervt sich, dass an einem Samstag nicht an Mittagsruhe zu denken gewesen sei. Der Motor eines Umzugkrans habe selbst von 12 bis 13 Uhr gelärmt. Ein Dritter schreibt: «Es geht gehörig auf die Nerven, wenn jemand jeden Sonntag so lärmt. Wir hatten jetzt genug lang Verständnis. Danke!»

Erfolgreiches ETH-Spin-off

Dass einige Mieter die Pinnwand zum Frustablassen benutzen, stört wiederum andere Mieter. «Dieses Medium hier finde ich nicht optimal, um seinen Ärger kundzutun», schreibt jemand als Reaktion auf einen Wutbeitrag. Einer ehemaligen Mieterin, die anonym bleiben möchte, hat die Atmosphäre im Freilager so gar nicht gefallen. Sie zog nach fünf Monaten wieder aus. Besonders gestört hat sie das Verhalten ihrer Nachbarn auf der App. «Man nimmt nicht mehr persönlich Kontakt auf, sondern postet etwas auf der Pinnwand», kritisiert sie. Die Online-Plattform führe zu einer Entfremdung unter den Nachbarn – das Gegenteil ihres eigentlichen Zwecks. «Auf der App herrscht der Grundton des Anprangerns. Das finde ich schade.»

Diesem Eindruck widerspricht Stefan Zanetti. Er ist der Entwickler der App und Geschäftsführer der Firma Allthings, die 2013 als Spin-off aus der ETH Zürich hervorging. Die App sei nachweislich eine Erfolgsgeschichte, gerade auf dem Freilager-Areal.

«Beiträge von wütenden Nachbarn sind die absolute Ausnahme», sagt Zanetti, «und nur 2 Prozent der Posts werden ausgefiltert, weil sie nicht den Spielregeln entsprechen.» Er betont, dass 98 Prozent der Beiträge konstruktiv seien. «Sie tragen zu einer guten Nachbarschaft bei, das beeindruckt uns immer wieder.» Zanettis Firma Allthings übernimmt das Freischalten der Pinnwand-Einträge für die Verwaltung Freilager AG. Dort bedauert man die Wutbeiträge einiger Mieter, aber hält es für zu früh, um eine Bilanz zu ziehen.

Möglichkeiten zum Austausch, wie die Pinnwand oder die Markt- und Leihplätze, seien bei den Mietern am gefragtesten, sagt Zanetti. «Community-Funktionen machen 70 bis 80 Prozent der Klicks aus.» Die Mieter können auf der Online-Plattform aber auch auf ein Servicecenter zugreifen oder Infos zum Gebäude oder dem Quartier abrufen.

In Zürich nutzen neben dem Freilager auch andere Überbauungen die App, etwa Haldengut in Winterthur oder Green City in Zürich, das im Sommer 2017 bezogen wird. «Die Nachfrage nach unserer App ist sehr gross», sagt Zanetti, «und die Digitalisierung der Branche hat gerade erst begonnen.» Innerhalb von drei Jahren wurde aus dem Start-up Allthings der führende Anbieter für Apps in der Immobilienbranche, 25 Angestellte arbeiten an den mittlerweile drei Standorten der Firma in der Schweiz und in Deutschland.

Dass der Online-Austausch mit den Nachbarn Gutes bringen kann, weiss eine Mieterin, die seit dem Sommer 2016 im Freilager wohnt und viel Freude an der App hat. Auf der Pinnwand hat sie kürzlich einen Aufruf veröffentlicht, als sie Kleider für Flüchtlinge sammelte. «Mehrere Nachbarn haben mit Likes und Kommentaren reagiert, zwei haben etwas vorbeigebracht», sagt sie.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch