Nächster Halt: Justizpalast?

Wann ist der Name einer VBZ-Haltestelle noch zeitgemäss? Und wann kann sich dieser ändern?

Bei der Haltestelle Güterbahnhof entsteht das Polizei- und Justizzentrum.

Bei der Haltestelle Güterbahnhof entsteht das Polizei- und Justizzentrum. Bild: Samuel Schalch

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Im Tram Nummer 8, die Haltestellen Hardplatz oder Bäckeranlage sind passiert, da kündigt die Stimme aus dem Lautsprecher die nächste Station an: Güterbahnhof. Doch von diesem ist längst nicht mehr viel zu sehen. Einen Güterbahnhof gibt es in der Stadt nicht mehr, die Bezeichnung erinnert an vergangene Zeiten.

Ein Grossteil des Gebäudes wurde 2014 abgerissen, auf der Fläche steht inzwischen der Rohbau des neuen Polizei- und Justizzentrums. Das wäre der ideale Zeitpunkt, sich an die Umbenennung der ÖV-Haltestelle zu machen. In der Regel dauert eine solche zwei Jahre, dann wäre sie direkt auf den Bezug des Gebäudes Anfang 2022 vollzogen.

So wächst das neue Polizei- und Justizzentrum in die Höhe. Bilder: Andrea Zahler/PD/Samuel Schalch

So weit sind die VBZ noch nicht. Eine Umbenennung ist derzeit kein Thema. Eine solche bringt Umtriebe und Kosten mit sich, weil Tafeln und Fahrpläne geändert werden müssen. VBZ-Mediensprecherin Daniela Tobler sagt: «Wir prüfen eine Umbenennung erst, wenn eine entsprechende Anfrage gestellt wird.» Im Fall des PJZ gibt es noch keine solche. Vor Bauende habe darüber wohl noch niemand nachgedacht, sagt Tobler.

Neue Verhältnisse, neuer Name

Grundsätzlich sind die VBZ zurückhaltend mit Umbenennungen. Sie beantragen eine solche nur, wenn eine bestimmte Haltestellenbezeichnung ihren ursprünglich namensgebenden Bezug verloren hat. Das schrieb die Stadt als Antwort auf eine Anfrage aus dem Gemeinderat im März 2019 bezüglich der neuen Haltestelle Kantonalbank an der oberen Bahnhofstrasse.

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Über eine Umbenennung entscheidet grundsätzlich das Bundesamt für Verkehr (BAV). Einen Antrag für Umbenennung dürfen konzessionierte Transportunternehmen sowie Gemeinden und Kantone stellen, auf deren Gebiet die Haltestelle liegt. Grundlage für Haltestellennamen ist die «Verordnung des Bundesrats über die geografischen Namen». Laut BAV passen sich Haltestellen mit einem neuen Namen den neuen Verhältnissen an. Folglich sind Haltestellen auch eine Art Stadtkarte. Und diese sollte aktuell sein.

Bau mit Strahlkraft

Der Güterbahnhof war seit 1897 über hundert Jahre lang identitätsstiftend für das Gebiet Aussersihl an der Hohlstrasse südwestlich des Hardplatzes. Er war Sinnbild für die wirtschaftlich florierende Stadt, stand für Pioniergeist und Wachstum. Der hufeisenförmige Kopfbahnhof galt damals als modernster seiner Art. Dank der sogenannten Sägezahntechnik konnten mehrere Güterzüge hintereinander zum Ein- und Ausladen ans Gebäude heranfahren. Seine Architektur, von den Architekten Robert Moser, Legani und Kirchen geplant, erinnerte an ein Schloss.

So sah das alte Gebäude des Güterbahnhofs 2012 aus. Bild: Marc Dahinden

Dass auch der Neubau auf dem Areal ähnliche Züge hat, ist unschwer zu erkennen. Der Bau von Theo Hotz ist gewaltig. 33’500 Quadratmeter Fläche, über 2000 Arbeitsplätze, 280 Gefängnisplätze. Der ganze Bau kostet 750 Millionen und wird 50 Millionen teurer als erwartet. Der Bau wird den Ort zweifelsohne das nächste Jahrhundert prägen.

Keine Seltenheit

Die Umbenennung der Haltestelle Güterbahnhof wäre zwar eine Seltenheit, aber keine Ausnahme. Auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2018 wurde etwa die Haltestelle Börsenstrasse in Kantonalbank unbenannt, obwohl die Haltestelle eigentlich nicht identisch sein darf mit einem Unternehmensnamen. Eine Station ZKB wäre also undenkbar gewesen. Die Kantonalbank aber hat den Ort schon vor Börse geprägt. Sie hatte an der Bahnhofstrasse 1870 einen Schalter eröffnet – zehn Jahre vor der ersten Börse.

Dennoch gibt es auf dem Zürcher Stadtgebiet einige Haltestellennamen, die stark an Unternehmensnamen erinnern. Etwas Siemens in Albisrieden. Diese Bezeichnung stammt laut VBZ aber aus einer Zeit, in der die BAV-Verordnung noch nicht galt, also vor Mai 2008.

In den vergangenen elf Jahren gab es zudem diverse kleine Anpassungen. Aus Kalkbreite wurde Kalkbreite/Bahnhof Wiedikon, aus Sihlpost wurde Sihlpost/Hauptbahnhof. Die Haltestelle Krematorium wurde in Altes Krematorium umbenannt, weil der namensgebende Bezug nicht mehr vorhanden war. Aus der Haltestelle Kehrichtverbrennungsanlage in Leutschenbach wurde Genossenschaftsstrasse.

Bier statt Damm

Das Präsidialdepartement der Stadt Zürich hat auf den kommenden Fahrplanwechsel hin zudem eine weitere Umbenennung beantragt. Die Haltestelle Dammweg, an der das Löwenbräu-Areal liegt, die ehemalige Bierbrauerei, in der heute unter anderem das Migros-Museum für Gegenwartskunst untergebracht ist, wird in Löwenbräu umbenannt.

Fragt sich nur, welcher Name den Güterbahnhof ersetzen könnte. Polizei- oder Justizzentrum wäre sicherlich korrekt. Oder: Justizpalast? Das wäre sicher eingängiger, dafür wertend. Es würde der Form, aber auch der Kostenüberschreitung beim Gebäude gerecht werden.

Welche anderen Haltestellen sollte man in Zürich umbenennen? Diskutieren Sie in der Kommentarspalte unten.

Erstellt: 18.09.2019, 12:33 Uhr

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