Naegeli schliesst mit Zürich ab

Der «Totentanz» im Grossmünster bleibt nach einem Streit mit dem Kanton unvollendet. Spraykünstler Harald Naegeli macht nun reinen Tisch.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Verbindung zwischen Harald Naegeli und Zürich begann mit einem Missverständnis. Und es endet mit einem selbigen. Vor 40 Jahren wurde der «Sprayer von Zürich» geschnappt, verhaftet und verurteilt. Zuvor hatte er jahrelang Mauern mit sonderbaren Figuren besprayt und das Publikum in Verachter und Bewunderer geteilt.

Im vergangenen Herbst begann er, ein Treppenhaus des Grossmünsters mit seinen Strichfiguren zu verzieren – diesmal mit amtlichem Segen. Bis der damalige Baudirektor Markus Kägi (SVP) intervenierte und ihm das Weitersprayen verbot. Der inzwischen 80-jährige Künstler hatte den vertraglich festgelegten Zeichenperimeter überstrichen. Kürzlich wurde bekannt, dass der neue Baudirektor Martin Neukom (Grüne) nicht bereit ist, auf Kägis Entscheid zurückzukommen.

«Auch als Fragment vollkommen»

Damit endet das künstlerische Wirken Naegelis in seiner Heimatstadt. Das Werk im Grossmünster, das er ohne Honorar in Angriff nahm, werde unvollendet bleiben. Dies erklärt Naegeli in einem Interview mit der NZZ. «Kunst lässt sich nicht mit staatlichem Massstab definieren», sagt er. «Den Vogelflug misst man auch nicht mit dem Zollstock.» Etwas bitter stellt er fest, dass sogar «ein Geschenk gemassregelt» wird. Aber: «Der Totentanz ist wie jede grosse Kunst auch als Fragment vollkommen.» Nun werde er das Werk auch dann nicht vollenden, wenn ihn «der liebe Gott darum bittet».

«Den Totentanz vollende
ich selbst dann nicht,
wenn mich
der liebe Gott darum bittet.»
Harald Naegeli

Naegeli hatte Zürich Mitte der 1980er-Jahre verlassen und lebte 35 Jahre lang in Düsseldorf. Im letzten Herbst erfolgte das überraschende Comeback an der Limmat.

Naegeli will in Zürich sterben

Naegeli hat das Interview im Unispital geführt, es liest sich wie ein Abschied. «Ich werde immer schwächer», sagt er. «Mein Leben ist weitgehend abgeschlossen.» Es gebe nicht mehr viel, das ihn hier halte. Er wolle in Zürich sterben, gibt er bekannt. «Zürich ist wunderschön, viel schöner als Düsseldorf.»

«Früher wurde ich
als Schmierfink angesehen,
als Sachbeschädiger.
Nun gelte ich als Pionier
der Street Art,
als ernsthafter Künstler.»
Harald Naegeli

Versöhnlich gibt er sich auch gegenüber den Behörden, mit denen er ein Leben lang im Clinch lag. «Auch wenn der Totentanz nun nicht weitergeführt werden kann, ist es eine grossartige Manifestation, dass die Kirche sich überhaupt darauf eingelassen hat», sagt er. Er sieht das als Anerkennung, nach der er sich lange gesehnt hat: «Früher wurde ich als Schmierfink angesehen, als Sachbeschädiger. Nun gelte ich als Pionier der Street Art, als ernsthafter Künstler.»

Erstellt: 19.06.2019, 18:09 Uhr

Artikel zum Thema

«Es tut mir leid»: Auch Neukom lässt Sprayer Naegeli abblitzen

Der neue Zürcher Baudirektor Martin Neukom schwenkt in Sachen Grossmünster-Totentanz nicht um. Harald Naegeli will sein Werk trotzdem fortsetzen. Unter einer Bedingung. Mehr...

«Sprayer von Zürich» muss wegen Flamingo-Graffiti zahlen

Eine Spray-Aktion in Deutschland kommt den berühmten Zürcher Künstler Harald Naegeli teuer zu stehen. Mehr...

Harald Naegeli provoziert im Zürcher Grossmünster

Der Graffitipionier hat mit seinen Strichfiguren eine rote Linie überschritten. Baudirektor Markus Kägi ist verärgert. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...