Naht das Ende des Schlachtens in Zürich?

Die Stadt klärt derzeit ab, was künftig auf dem Schlachthofareal im Zürcher Letzi-Quartier geschehen soll. Seit 110 Jahren werden im denkmalgeschützten Bau Tiere geschlachtet.

Schlachten im Grossbetrieb: Seit 110 Jahren arbeiten die Metzger am Standort in Zürich Aussersihl.

Schlachten im Grossbetrieb: Seit 110 Jahren arbeiten die Metzger am Standort in Zürich Aussersihl. Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

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Es stinkt bisweilen bestialisch im Letzi-Quartier. Die üblen Gerüche sickern aus dem Schlachthof in die umliegenden Wohnquartiere. Als das Gebäude Anfang des 20. Jahrhunderts fertiggestellt wurde, lag es noch fernab auf einem Feld. Inzwischen hat die Stadt das Areal eingeholt – doch Tiere werden dort noch heute geschlachtet. Der Stadtrat hat 2012 beschlossen, an der aktuellen Nutzung bis 2029 festzuhalten und die Mietverträge mit der Schlachtbetrieb Zürich AG (SBZ) zu verlängern.

Was ab 2030 mit dem denkmalgeschützten Bauwerk geschehen soll, klärt die Stadt derzeit ab. Heute Montagabend informiert sie die Mieterschaft, benachbarte Unternehmen und Grundeigentümer, Quartierorganisationen und Interessenverbände über Ziele und Ablauf des Projekts. Im Vorfeld der Veranstaltung werden keine Details bekannt gegeben. Konkrete Ansätze für Neunutzungen liegen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor. Selbst die Frage, ob das Areal über das Jahr 2029 hinaus Platz für einen Schlachtbetrieb bieten kann und soll, ist Gegenstand des laufenden Projekts. Der Stadtrat hat diesbezüglich keinen Vorentscheid gefällt.

Sanierung vor Neunutzung

Der Schlachthof, nach Plänen von Gustav Albert Uhlmann errichtet, befindet sich heute grösstenteils in der Industrie- und Gewerbezone. Im regionalen Richtplan ist das Areal als «Arbeitsplatzgebiet» definiert mit der Bestimmung «Schlachthof». Sollte das Gebiet künftig anders genutzt werden, wäre eine Anpassung des Planungsrechts notwendig. Ein solches Verfahren allein würde rund zwei Jahre dauern.

Vorerst aber arbeitet die Stadt als Eigentümerin des denkmalgeschützten Gebäudes an dessen Sanierung. Die Flachdächer sind undicht und werden derzeit für 3,45 Millionen Franken erneuert. 2018 haben die Bauarbeiten begonnen, 2020 sollen sie abgeschlossen sein.

Pro Jahr werden dort rund 270'000 Tiere geschlachtet. Für die Viehanlieferung, Abholung der Schlachtkörper und Entsorgungen sind jährlich 9700 Fahrten nötig.

Auch während der Sanierungsphase läuft der Betrieb weiter. Und das im grossen Stil: Pro Jahr werden dort rund 270'000 Tiere geschlachtet. Für die Viehanlieferung, Abholung der Schlachtkörper und Entsorgungen sind gemäss Informationen des Stadtrats jährlich 9700 Fahrten nötig. Wie viel Fleisch aus dem Schlachthof letztlich in der Stadt Zürich konsumiert wird, ist unklar.

Zentraler Schlachthof aus Hygienegründen

Dass das grosse Schlachten genau an dieser Stelle von Zürich vollzogen wird, hat seinen Ursprung in der Eingemeindung vor 126 Jahren. Weil ab 1866 jeder Metzger sein eigenes Geschäft eröffnen konnte, war es für die Stadtverwaltung kaum mehr möglich, die Hygienevorschriften bei der Fleischproduktion aller Metzgereien zu kontrollieren. Die Stadt musste den Schlachtbetrieb zentralisieren.

Allein auf weiter Flur: Als der Schlachthof zwischen 1905 und 1909 erbaut wurde, war Aussersihl noch Niemandsland.

Zunächst geschah diese Bündelung auf dem Walcheareal. Alle Metzger hatten den stadteigenen Schlachthofs zu nutzen. Doch bald war auch dieser Standort wegen des rasanten Wachstums der Stadt nicht mehr geeignet. 1915 wurde der Schlachthof in der Walche abgetragen. Auf einem Feld in Aussersihl, zu jener Zeit noch fernab der Wohnhäuser von Zürich, begann die Stadt um 1905 mit dem Bau einer neuen Anlage.

Der erste grosse Industriebetrieb, den die öffentliche Hand in Angriff nahm, feierte am 1. August 1909 Eröffnung. Der repräsentative Bau zählte damals zu den modernsten Schlachtbetrieben Europas und wurde zum Vorbild im In- und Ausland. Zwei Weltkriege übersteht der Betrieb. Zwar wird während des Zweiten Weltkrieges nur noch an drei Tagen pro Woche geschlachtet, das Personal wird aber mit Unterhaltsarbeiten weiterbeschäftigt oder findet Arbeit in der Landwirtschaft.

Arbeiten im neuen Schlachthof: Das Gebäude wurde 1909 zum Vorbild im In- und Ausland. (Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

Grundsatzentscheid erfolgt Ende 2020

1980 sagt das Zürcher Stimmvolk Ja zum 42,1-Millionen-Franken-Kredit für den Bau eines neuen Schlachthofgebäudes auf dem Areal, das 1985 den Betrieb aufnimmt. Der alte Schlachthof wird als Objekt von überregionaler Bedeutung unter kantonalen Denkmalschutz gestellt. Ein Jahr nach Eröffnung übernimmt die Schlachtbetrieb Zürich AG die Betriebsleitung. Ein Drittel des Aktienkapitals lag damals bei der Stadt Zürich. 1995 verkauft sie ihre Aktien jedoch und beschränkt sich auf gesundheitspolizeiliche Aufgaben.

Der Zürcher Schlachthof mit seinen fast 500 Arbeitsplätzen gehört noch immer zu den wichtigsten Fleischproduzenten und -verarbeitern der Schweiz. Gut möglich, dass mit dem Auslaufen des Mietvertrags 2029 auch die Metzgerei-Ära auf dem Areal endet. Läuft alles nach Plan, wird der Stadtrat Ende 2020 die Nutzungsstrategie erarbeitet haben und einen Grundsatzentscheid für das Areal fällen.

Erstellt: 16.09.2019, 12:15 Uhr

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