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Neue Fälschungsvorwürfe gegen Zürcher Galeristin

Die Galerie Orlando soll einem renommierten Kunstsammler mehrere gefälschte Gemälde verkauft haben.

Wieder im Zentrum eines Kunstskandals: Galerie Orlando in Zürich. Foto: Thomas Egli
Wieder im Zentrum eines Kunstskandals: Galerie Orlando in Zürich. Foto: Thomas Egli

Im Mai 2016 sorgte die Zürcher Galerie Orlando für Schlagzeilen: Sie soll ein Gemälde des «Meisterfälschers» Wolfgang Beltracchi in den Handel gebracht und verkauft haben (Redaktion Tamedia berichtete). Es handelte sich um das Gemälde mit dem Titel «Kleines kubistisches Stilleben», das dem Landeskriminalamt (LKA) Berlin zufolge fälschlicherweise Louis Marcoussis zugeschrieben worden war.

Nun werden erneut schwere Vorwürfe gegen die Galeristin laut. Sie soll dem bekannten Liechtensteiner Kunstsammler Herbert Batliner gleich mehrere gefälschte Gemälde verkauft haben. Über Jahrzehnte war der heute 88-jährige Batliner wohl der mächtigste Treuhänder Liechtensteins. Zu seinen Klienten zählten vermögende Ausländer, deren Geld auf der Flucht vor der Steuer ihrer Heimatländer war.

Die mutmasslichen Fälschungen flogen bei den Vorbereitungen zu einer Ausstellung in der Wiener Albertina auf.

2007 überliess das Ehepaar Batliner dem Wiener Museum Albertina seine hochkarätige Sammlung als Dauerleihgabe. Die Sammlung Batliner ist eine der bedeutendsten europäischen Privatkollektionen von Malerei der klassischen Moderne. Sie umfasst 500 Gemälde, darunter Meisterwerke von Monet, Renoir und Degas, Cézanne und Picasso. Einen Schwerpunkt der Sammlung Batliner bilden die Künstler der russischen Avantgarde wie Larionow, Gontscharowa oder Chagall. Werke dieser Epoche sind bei Sammlern sehr gefragt und können an Auktionen Preise im Millionenbereich erzielen.

Vor Ausstellung entdeckt

Allem Anschein nach ist der leidenschaftliche Kunstsammler Batliner raffinierten Kunstschwindlern auf den Leim gegangen. Die mutmasslichen Fälschungen flogen bei den Vorbereitungen zu einer Ausstellung in der Albertina auf. Im ersten Halbjahr 2016 fand dort eine 150 Werke umfassende Schau zur russischen Avantgarde statt. Im Zuge der wissenschaftlichen Vorbereitung der Ausstellung hatte das Museum alle russischen Gemälde der Sammlung Batliner genau untersucht. Damit sollte sichergestellt werden, dass keine Fehlzuschreibungen oder Fälschungen den Weg in die Ausstellung finden würden.

Diese Untersuchungen waren umfangreich und umfassten auch Materialanalysen in London und an der ETH Zürich. Sie dauerten drei Jahre und disqualifizierten sieben Bilder aus der Sammlung Batliner. Von diesen sieben mutmasslichen Fälschungen sollen einige von der Zürcher Galerie Orlando verkauft worden sein, wie drei glaubwürdige Quellen bestätigen. Die Informanten, die dem «Tages-Anzeiger» namentlich bekannt sind, wollen anonym bleiben.

«Für uns war das leider keine grosse Überraschung», sagt Klaus Schröder, Direktor der Albertina, auf Anfrage. Werke dieser Epoche seien sehr gefragt und würden in Russland, aber auch in anderen Ländern gefälscht, oft mitsamt raffiniert erfundenen Herkunftsangaben, sagt Schröder. Sein Museum tue «alles Machbare, um Fälschungen zu erkennen». Kunstsammler Batliner selbst will sich dazu nicht äussern. Rechtliche Schritte gegen die Galeristin seien bisher keine eingeleitet worden, sagt der Albertina-Direktor, der auch im Namen des Sammlers spricht. Man behalte sich solche allerdings ausdrücklich vor.

Werke russischer Künstler

Die von der Albertina als mutmassliche Fälschungen eingestuften Gemälde befinden sich in den museumseigenen Depots. Es sind Werke der gefragten russischen Künstlerinnen und Künstler Ljubow Popowa, Alexandra Exter, Alexander Rodtschenko und Iwan Puni. Wer die Fälscher sind, ist nicht bekannt. Die Galeristin Susanne Orlando will sich nicht äussern.

Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft hat derweil eine Überprüfung des Fälschungsvorwurfs gegen die Galerie Orlando angekündigt. Es gilt ausdrücklich die Unschuldsvermutung.

Gerade bei den Werken der russischen Avantgarde erweist es sich für die Untersuchungsbehörden als besonders schwierig, den Straftatbestand der Warenfälschung nachzuweisen. Mit altem Papierbestand und einiger Materialkenntnis können Fälschungen hergestellt werden, die einer naturwissenschaftlichen Falsifizierung trotzen. Auch über ihre Herkunft lassen sie sich nicht identifizieren, denn zur Zeit ihrer Entstehung waren sie in der jungen Sowjetunion geächtet.

Die Galerie Orlando ist Mitglied im Kunsthandelsverband Schweiz. Auf Anfrage wollte der Verbandspräsident die Fälschungsvorwürfe nicht näher kommentieren. «Der Verband wäre gut beraten, rasch von der Galerie Klarheit über den Vorfall einzufordern», sagt dagegen der Zürcher Kunstrechtsexperte Andrea Raschèr. «Ein Verband kann es sich nicht leisten, dass schwarze Schafe bei ihm Unterschlupf finden.» Raschèr sagt: Gegebenenfalls sei eine Aussetzung der Mitgliedschaft zu prüfen.

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