Neue Zürcher Fussballarena: Abzocker-Projekt oder fairer Deal?

Zürich entscheidet über ein Stadion und 740 Wohnungen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Worüber wird abgestimmt?
Die Fragestellung ist vergleichsweise unspektakulär. Das Stadtzürcher Stimmvolk hat über vier Baurechtsverträge und einen hypothetischen Einnahmeverzicht von 1,73 Millionen Franken im Jahr zu entscheiden. Zudem geht es darum, den Landwert von 50,16 Millionen für zwei Bau­felder vom einen Stadtkonto aufs andere zu verschieben, genauer: vom Finanz- ins Verwaltungsvermögen. Zweck der Übung ist aber der Bau eines Fussball­stadions, zweier Wohntürme sowie einer Genossenschaftssiedlung auf dem Hardturmareal.

Wieso Einnahmeverzicht?
Die Stadt könnte für das Land mehr verlangen. Doch sie reduziert den Baurechtszins von 2,94 auf 1,21 Millionen im Jahr. Sie tut dies, weil sie der Ansicht ist, dass Stadion und Stadionbetrieb im öffentlichen Interesse sind. Und sie ist froh, dass Private die neue Arena bauen und sie dafür keine Steuergelder verwenden muss.

Wer sind denn diese Privaten?
Die Baufirma HRS ist Investorin und Bauherrin beim Stadion. Die Türme werden von Anlagefonds der Credit Suisse (CS) finanziert, die gemeinnützigen Wohnungen von der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ).

Was ist mit dem FC Zürich und den Grasshoppers?
Sie und ihre Fans sind Nutzniesser des Deals. Die beiden Stadtclubs werden das Stadion als Joint Venture führen, wie sie sagen. Sie halten je 49 Prozent an der Stadion-Betriebs-AG. 2 Prozent hält die Meier Finanz-Treuhand AG von Daniel Meier. Er ist Präsident von Pro Sport Zürich und übernimmt als neutraler Vermittler das Verwaltungspräsidium der Betriebs-AG.

Die Clubs haben doch schon den Letzigrund.
Das stimmt. Aber die städtische Arena ist für die Fussballvereine eine Notlösung. Sie wurde für die Leichtathletik und als Event-Stadion gebaut. Die Strategie der Stadt ist seit 20 Jahren, neben dem Letzigrund ein «echtes Fussballstadion» zu bauen. ­Viele Fans beklagen die «Kühlschrank-Atmosphäre» im Let­zi­grund. Das Spielfeld ist aufgrund der Tartanbahn weit weg vom Publikum, die offene Bauweise macht die Arena windig.


Video: Die Vorlage in Kürze

Über was stimmen die Stadtzürcher ab? Bilder: Urs Jaudas/Stadt Zürich/Sabina Bobst/Samuel Schalch/Keystone/Wibbiz


Was soll denn im neuen Stadion anders werden?
Die Zuschauer sind viel näher am Geschehen, die Rampen sind steiler. Ausserdem sind «nur» 18'000 Plätze geplant, was die neue Arena zu einem Hexenkessel machen soll. Entgegen der Abbildung in der Abstimmungszeitung wird es nach einer Projektänderung nur einen kom­pakten Publikumsrang geben, nicht zwei. Im Letzigrund gibt es 26'000 Plätze, für gute Stimmung braucht es mehr Zuschauer als im geplanten Stadion. In den Kurven der neuen Arena gibt es je nach Heimspiel im Norden (GC) oder Süden (FCZ) 4400 Stehplätze. An internationalen Spielen sind nur Sitzplätze zugelassen. Dann sinkt die Kapazität auf 16'000 Zuschauer.

Geht es nicht um Geld?
Doch, auch. Die Vereine müssen heute der Stadt eine Miete zahlen und profitieren kaum von Catering und Vermarktung im Letzigrund. Im neuen Stadion können sie laut ihren Präsidenten je rund 5 Millionen mehr im Jahr generieren. Damit hätten sie gleich lange Spiesse wie die Konkurrenz aus Bern oder Basel. Auch rechnen die Club-Bosse mit deutlich mehr Zuschauern.

Was geschieht mit dem Letzigrund?
Die fussballspezifischen Einbauten wie Stehplätze oder Abschrankungen werden entfernt. Das Stadion soll flexibler und vermehrt für Veranstaltungen sowie den Breitensport genutzt werden. Vor allem die Leichtathleten vom LC Zürich können sich freuen. Weiterhin gilt: maximal vier Open-Air-Konzerte im Jahr und alle drei Jahre ein fünftes. Die Stadt rechnet nicht mit höheren Defiziten, da auch die Kosten sinken. Die Jahresdefizite im Letzigrund belaufen sich auf 9 bis 10 Millionen. Die Fussballtore werden übrigens eingelagert und nicht vernichtet, damit Länderspiele und Cupfinals im Letzigrund stattfinden könnten.

Das Stadion wird voraussichtlich nach einer Firma benannt werden. Die Namensrechte werden verkauft.

Wie viel kosten Rückbau und Altlastenbereinigung auf dem Hardturmareal? Und wer zahlt?
Es fallen insgesamt etwa 9 Millionen an. Für die Grundstücke mit den Hochhäusern und dem Stadion kommen die Investoren auf, für den Teil mit der ABZ-Siedlung die Stadt.

Wie soll das Stadion heissen?
Das ist noch unklar. Klar ist, dass die Namensrechte verkauft werden, ähnlich wie in Luzern oder St. Gallen. Das Stadion wird also voraussichtlich nach einer Firma benannt werden.

Profitieren nur Clubs und Fans?
Nein. Der Stadiondeal beinhaltet auch den Bau von 570 privaten und 174 gemeinnützigen Wohnungen. Es kommen also auch Hochhausfans und Personen mit beschränktem Budget zum Zug. Ausserdem sind drei Plätze geplant sowie Kleinläden und Gastronomiebetriebe, welche dem Quartier ganzjährlich zur Verfügung stehen. In zwei Tiefgaragen gibt es 650 Parkplätze, für Velos sind 2500 Abstellplätze vorgesehen. Das Areal ist bestens mit dem ÖV erschlossen.

Wieso «Deal»?
Die Investoren zahlen das Stadion mit einem Teil der Rendite auf den privaten Wohnungen. Dafür dürfen sie zwei 137-Meter-Hochhäuser bauen. Bedingung des Investorenwettbewerbs der Stadt war zudem, dass 160 gemeinnützige Wohnungen gebaut werden. Es wurden etwas mehr.

Der Prime Tower, das bisher höchste Gebäude, ist 11 Meter kleiner als die zwei 137 Meter hohen Wohntürme.

137 Meter? Das ist irre hoch!
Für Zürich ja. Der Prime Tower – bisher das höchste Gebäude – ist 11 Meter kleiner. Hochhäuser gelten aber auch als Beitrag zur gewünschten Verdichtung.

Warum reden Befürworter von 299 günstigen Wohnungen?
Weil es noch einen zweiten Deal gibt. Wenn es am 25. November ein Ja gibt und die Hochhäuser stehen, verkauft die CS der Stadt fünf Gebäude mit 125 Wohnungen, welche gemeinnützig werden sollen. Wo diese sind, ist nicht bekannt. Dieses Geschäft ist auch nicht Bestandteil der jetzigen Abstimmung, kommt bei einem Nein aber nicht zustande. Es müsste zudem von Parlament und Volk abgesegnet werden.

Was kosten Hochhäuser, Stadion und ABZ-Siedlung?
Insgesamt 569 Millionen: Die beiden Türme kosten 405, das Stadion 105 und die Genossenschaftssiedlung 59 Millionen.

Wie hoch sind die Mieten?
Die 2,5- bis 6,5-Zimmer-Wohnungen der ABZ-Siedlung werden zwischen 1150 und 1850 Franken im Monat kosten. Für eine 2,5-Zimmer-Wohnung (65 m²) wird in den Hochhäusern gemäss Angaben der Investoren durchschnittlich 2300 Franken zu bezahlen sein, für eine 3,5-Zimmer-Wohnung (80 m²) 2500 Franken und für eine 4,5-Zimmer-Wohnung (110 m²) 3200 Franken.

Wann ist fertig gebaut?
Der erste Anpfiff im Stadion soll im Jahr 2022 sein, die anderen Gebäude folgen ab 2023.

Ist das realistisch?
Es ist gut möglich, dass es gegen die Hochhäuser Rekurse gibt – und es damit zu Verzögerungen kommt. Gut situierte Personen in Höngg stehen bereit. Sie sorgen sich um ihre Aussicht.

Wer ist dafür und warum?
Hinter dem Projekt stehen Stadtrat, FDP, SVP, GLP und EVP. Ebenfalls dafür sind die Wohnbaugenossenschaften, das Gewerbe und die Sportszene. Sie halten den Deal für fair und wichtig. Auch verweisen sie auf die Volksabstimmung von 2013, als ein städtisch finanziertes Stadion abgelehnt wurde. Diesmal sollen es Private richten. Die AL hat Stimmfreigabe beschlossen.

Wer ist dagegen und wieso?
Die SP und die Grünen, aus teils unterschiedlichen Gründen. Die SP spricht von einem «Abzocker-Projekt», will ein staatliches Stadion und statt der privaten Wohnhochhäuser gemeinnützige Wohnungen. Sie hat eine Volksinitiative lanciert und wird die 4000 Unterschriften morgen Freitag einreichen. Die Grünen argumentieren vor allem mit Freiräumen. Sie wollen die Brache auf dem Hardturmareal erhalten. Beide Parteien sprechen von überflüssigen «Luxuswohnungen» in den Wohntürmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2018, 21:10 Uhr

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