Neue Idee für Zürichs grösstes Veloproblem

Niemand ist zufrieden mit der Situation an der Rämistrasse. Der VCS hat einen neuen Vorschlag – die Fussgänger müssten ausweichen.

Ungelöst seit Jahren: Die Rämistrasse verfügt über keine Velostreifen.

Ungelöst seit Jahren: Die Rämistrasse verfügt über keine Velostreifen. Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Velofahrer gibt es einige grosse, ungelöste «Baustellen» im Stadtzürcher Zweiradwesen – und dann gibt es die Rämistrasse zwischen Kunsthaus/Heimplatz und Bellevue. Dort befindet sich wohl die grösste «Baustelle». Eigentlich ist es unmöglich, in diese enge, schluchtartige Strasse zwei Radstreifen hineinzuquetschen. Doch der regionale Richtplan sieht genau dort seit 1999 eine Veloroute vor, und auch der Gemeinderat hat in dieser Angelegenheit immer wieder insistiert. Die Stadt wollte 2015 bergwärts die Velos auf das Trottoir lenken und talwärts lediglich einen schmalen Streifen anbieten. Der Gemeinderat lehnte ab. Er verlangte eine richtige funktionstüchtige Veloroute.

Der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), Sektion Zürich, schlägt nun eine Lösung vor, die trotz enger Platzverhältnisse laut eigener Aussage realisierbar wäre. Für den VCS ist wichtig, dass der Vorschlag schnell umsetzbar sei und keine der übrigen Verkehrsteilnehmer beeinträchtige. «Wir haben eine Lösung ausgearbeitet, bei der ein durchgehender Veloweg auf der Rämistrasse berg- wie talwärts möglich ist», sagt Hans Jörg Käppeli, Projektleiter, VCS-Vorstandsmitglied und SP-Gemeinderat. Und zwar ohne Verschiebung der bestehenden Mauer oder Veränderungen der bestehenden Tramgleise.

Um Platz auf der engen Rämistrasse zu schaffen, schlägt der VCS vor, das Trottoir auf der Seite des Parkhauses Hohe Promenade einfach wegzulassen. Dies schaffe den nötigen Raum für eine 1,8 Meter breite und sichere Velospur. Die Fussgänger nutzen entweder das breite Trottoir auf der gegenüberliegenden Seite entlang der Häuser an der Rämistrasse oder haben einen Fussweg oberhalb der Mauer der Rämistrasse.

Passerelle über die Rämistrasse

Der Fussweg entlang der Häuserzeile Rämistrasse 23 bis 27 wird deutlich verbreitert – entgegen den städtischen Vorschlägen im März 2015. Käppeli: «Statt einem 1,82 Meter breiten Trottoir entlang der Rämistrasse auf der Westseite kann neu ein mindestens 2,6 Meter breites Trottoir angeboten werden.» Um einen Veloweg und gleichzeitig ein breiteres Trottoir zu ermöglichen, müssen sich der Autoverkehr und die Trams auf einem kleinen Teilstück die Spur teilen. Dank der neuen Verkehrsführung des Trams am Heimplatz (Verschiebung der Tramhaltestelle) und einer intelligenten Lichtsignalanlage am Heimplatz, am Zeltweg und am Hirschengraben könne der Verkehr so gesteuert werden, dass ein reibungsloser Trambetrieb garantiert werden könne und es gemäss VCS zu keinem Kapazitätsabbau und zu keinem Stau für den Autoverkehr kommt.

VCS-Visualisierung vergrössern.

Der VCS nimmt die Idee einer Visualisierung des Tiefbaudepartementes auf, den Personenzugang zum Parkhaus entlang der Rämistrasse aufzuheben und neu oberhalb der Stützmauer der Rämistrasse anzubieten. Eine Passerelle über die Rämistrasse soll einen Zugang vom Parkhaus zum Hirschengraben, zum Heimplatz und zur Altstadt ermöglichen. «Die Anpassungen am Parkhaus sind problemlos möglich, weil die Stadt Zürich selber Eigentümerin des Parkhauses Hohe Promenade ist», sagt VCS-Projektleiter Käppeli. Klar ist, dass die bestehenden Fusswege (Caroline-Farner-Weg, Olgaweg und Hohe Promenade) attraktiver zu gestalten seien.

«Unser Projekt stellt einen tauglichen Lösungsvorschlag dar und ist nicht einfach ein unrealistisches Planspiel», sagt Markus Knauss, Co-Geschäftsführer VCS Zürich. Er spielt damit auf den Befreiungsschlag von FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger an. Dieser stellte Anfang Jahr seinen Vorschlag vor. Er will an der Rämistrasse zwischen Bellevue und Kunsthaus eine Art Velobalkon schaffen. Der Weg soll in die heutige Stützmauer bei der Kantonsschule Hohe Promenade gebaut werden.

Schieben Sie den Regler nach links, um die Velobalkon-Idee von Stadtrat Leutenegger zu sehen.

Für Hans Jörg Käppeli ist das keine Lösung: «Die Idee würde zu sehr hohen Kosten von 20 bis 30 Millionen Franken führen, die wohl niemand bereit ist auszugeben.» Zudem erfordere ein solches Projekt eine lange Projektierungszeit mit entsprechend grossem Einspracherisiko. Die VCS-Lösung hingegen lasse sie nicht nur schneller realisieren, sie koste auch nur einen Bruchteil von Leuteneggers Vorschlag. Käppeli: «Wir rechnen bei unserem Projekt mit ungefähr fünf Millionen Franken.»

Video – Brenzlige Situationen im Zürcher Morgenverkehr:

Auch wer sich an die Gesetze hält, riskiert einiges auf Zürichs Strassen. (Video: Felix Schindler, Lea Blum, Simon Eppenberger)

Kritik am VCS-Vorschlag kommt von bürgerlicher Seite. FDP-Gemeinderat Andreas Egli: «Der Vorschlag ist sicher prüfenswert. Wenig begeistert bin ich allerdings von der Aufhebung des Trottoirs auf Seiten des Parkhauses.» Dies sei seiner Meinung nach auch kaum genehmigungsfähig. Noch weniger angetan ist Egli vom Mischverkehr für Auto und Tram auf der Rämistrasse. Da seien Stau, Wartezeiten und Kollisionen absehbar. «Schnelle Fahrten vom und zum Unispital sollten ja auch in Zukunft nicht nur mit dem Velo möglich sein.»

Die Nutzung des Parkhauses Hohe Promenade werde klar weniger kundenfreundlich, dies sei bei den Herren Knauss und Käppeli ohnehin Programm. Eglis Fazit: «Insgesamt ein weiterer Vorschlag für die Rämistrasse – mit klar einseitiger Priorität auf die Velowege.»

Erstellt: 12.12.2017, 10:58 Uhr

Artikel zum Thema

Veloweg suchen zwischen bösen Blicken am Bellevue

Video Eine Testfahrt zeigt, was das neue Bellevue für Radfahrer bedeutet: Es ist verwirrend, gefährlich, und Velos werden aufs Trottoir gedrängt. Mehr...

Packt die Polizei Velofahrer zu hart an?

Pro & Kontra An der Rämistrasse in der Zürcher Innenstadt hat die Stadtpolizei innert zweier Stunden 80 Radfahrer gebüsst. Mehr...

60 Zentimeter müssen für das Velo genügen

2016 soll die enge Zürcher Rämistrasse auf beiden Seiten eine Velospur erhalten. Das Bauprojekt liegt jetzt öffentlich auf. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...