Facelifting für einen vergessenen Zürcher Platz

Die Stadt will den Vorplatz des Bahnhofs Wiedikon aufwerten. Offen bleibt, ob der WC-Notstand behoben wird.

Wie der Platz ab 2020/21 aussehen soll, ist noch unklar. Die VBZ-Gleise bleiben aber unangetastet. Foto: Doris Fanconi

Wie der Platz ab 2020/21 aussehen soll, ist noch unklar. Die VBZ-Gleise bleiben aber unangetastet. Foto: Doris Fanconi

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Er ist ein belebter Umsteigeort – und ein Unikum: der Bahnhof Wiedikon mit seinen diversen S-Bahn-, Tram- und Busverbindungen. Allein die SBB zählen dort im Schnitt täglich knapp 10'000 ein- und aussteigende Passagiere. Beim denkmalgeschützten Bahnhofsgebäude, vor genau 90 Jahren von Stadtbaumeister Hermann Herter (1877–1945) erbaut, handelt es sich um den einzigen Reiterbahnhof der Schweiz – um eine Bahnstation, bei der das Empfangsgebäude wie eine Brücke quer über den Gleisen liegt.

Im Gegensatz zum architektonisch interessanten Bahnhof fristet sein Vorplatz ein Schattendasein. Die asphaltierte Fläche zwischen Birmensdorfer- und Baumgartnerstrasse dient als Busparkplatz und -wendeplatz, den zugige Wartehäuschen und eine eher kümmerliche Baumrabatte zieren. Fünf Postautolinien verkehren vom Bahnhof Wiedikon aus, unter anderem jene nach Affoltern am Albis, nach Muri AG und nach Berikon AG, zudem auch mehrere VBZ-Busse.

Nach Ansicht des Tiefbaudepartements von FDP-Stadtrat Filippo Leuten­egger liegt bei diesem Platz – er ist im Besitz der Stadt – Potenzial brach. Deshalb will die Stadt dem Areal ein Facelifting verpassen. «Wir planen 2020/2021 eine Neugestaltung und Aufwertung des Bushofs Wiedikon», bestätigt Mike Sgier, Sprecher des Tiefbaudepartements. Ziel seien eine Optimierung des Busbetriebs und eine Verbesserung der Situation für ÖV-Passagiere.

Entlastung für Anwohner

Die Busse sollen künftig in der Baumgartnerstrasse wenden, damit die Anwohner der benachbarten Freyastrasse entlastet werden. Bisher wenden Busse und Postautos in dieser Strasse, teils parkieren sie auch dort.

Laut Mike Sgier fragten Anwohner der Freyastrasse Stadtrat Leutenegger an, ob sich der Busbetrieb so organisieren liesse, dass die Freyastrasse vom Busverkehr entlastet werde. Leutenegger gab darauf eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die eine Lösung ergab.

Wie der neue Platz dereinst aussehen soll, ist noch unklar. «Die Gestaltung mit Bäumen, Sitzbänken und weiterem Mobiliar wird erst im Rahmen des Vorprojekts geplant», sagt Sgier. Fest steht: Einen grossen Wurf mit Wohn- und Gewerbebauten wird es auf dem zentral gelegenen Areal nicht geben. Die VBZ-Gleise, die über den Platz verlaufen, bleiben unangetastet. Die Kosten für die Aufwertungsmassnahmen kann Sgier noch nicht beziffern: «Das erfolgt bei der Ausarbeitung des Bauprojekts.»

«Die Quartiervertreter äusserten sich positiv.»Filippo Leutenegger, Stadtrat

Das Quartier ist bereits informiert – von Leutenegger persönlich. Er hat Quartiervertreter von Wiedikon und Aussersihl in die Pläne eingeweiht. «Sie äusserten sich positiv», erklärt der Stadtrat. Ebenfalls ins Bild gesetzt hat er die Projektgruppe Greulich, die ein weitaus spektakuläreres Aufwertungsprojekt ganz in der Nähe plant: eine Überdeckung des Seebahngrabens samt Park über dem Bahneinschnitt.

Urs Rauber, Präsident des Quartiervereins Wiedikon, begrüsst das Vorhaben der Stadt beim Bahnhof Wiedikon. Dieses bringe eine gewisse Verbesserung, weil die Busstation unbefriedigend sei für die Anwohner der Freyastrasse. Gerne hätte das Quartier auch einen weiteren Abgang von der Zweierstrasse auf die SBB-Perrons.

Offen bleibt derweil die WC-Frage. «Ein Dauerbrenner», sagt Rauber. Seit Jahren fordere der Quartierverein ein öffentliches WC beim Bahnhof Wiedikon, bisher erfolglos. Jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer: «Der Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich prüft im Rahmen der Aufwertung, ob im Bereich des neuen Buswendeplatzes ein Züri-WC erstellt werden kann», sagt Mike Sgier. Der Bedarf nach einem öffentlichen WC an diesem Ort wird auch in dem vom Stadtrat abgesegneten «Masterplan Züri-WC» von 2015 ausgewiesen. Immerhin befindet sich die nächste öffentliche WC-Anlage bei der Schmiede Wiedikon – 350 Meter entfernt. Allerdings hält der Toiletten-Masterplan wenig verheissungsvoll fest: «Geplant für: unbestimmt».

Bahnhof-WC fehlte schon immer

Laut SBB-Sprecher Reto Schärli war der Bahnhof Zürich-Wiedikon noch nie mit öffentlichen Toiletten ausgerüstet. Derzeit gebe es seitens der SBB auch keine Pläne für den nachträglichen Einbau öffentlicher Toilettenanlagen. Schärli weist darauf hin, dass den Kunden des Café Spettacolo in der Bahnhofshalle ­Toiletten zur Verfügung stehen.

Grundsätzlich unterscheiden die SBB zwischen Kundentoiletten in ihrem Rollmaterial und öffentlichen Toiletten an Bahnhöfen. «Der Betrieb dieser öffentlichen Toiletten ist nicht im Leistungsauftrag des Bundesamtes für Verkehr vorgeschrieben, und es werden dafür keine öffentlichen Gelder gesprochen», sagt Schärli. Die SBB seien also rein rechtlich nicht dazu verpflichtet, ihren Kunden an den Bahnhöfen Toiletten zur Verfügung zu stellen. «Wer den öffentlichen Verkehr nutzt, kann in den fahrenden Zügen ein WC benützen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2017, 20:28 Uhr

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