Neuer Streit ums Kasernenareal

Die Stadt soll die Sanierung der alten Zeughäuser in Zürich allein bezahlen. Das will die bürgerliche Mehrheit im Kantonsrat.

In die Jahre gekommen, aber politisch umkämpft: Gebäude auf dem Zürcher Kasernenareal. Foto: Dominique Meienberg

In die Jahre gekommen, aber politisch umkämpft: Gebäude auf dem Zürcher Kasernenareal. Foto: Dominique Meienberg

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Im Winter ist das Kasernenareal ein abweisender Ort. Wenige Menschen eilen über den Platz, die Kragen ihrer Mäntel hochgeschlossen. Die Gebäude auf dem historischen Militärgelände sind in die Jahre gekommen. Der gewölbte Durchgang des Zeughauses zur Wiese hin ist mit Graffiti überzogen, an den Wänden fehlt der Putz, die Türen sind verriegelt. Man sagt, einige Räume könne man nur noch mit einem Bauhelm betreten, so einsturzgefährdet seien sie.

Der Zustand des Areals sollte sich in naher Zukunft eigentlich verbessern, sobald die Kantonspolizei ihr neues Domizil im Polizei- und Justizzentrum beim Güterbahnhof bezogen hat. Dann würde die Stadt Zürich die historischen Zeughäuser vom Kanton im Baurecht übernehmen, sie renovieren, beleben und die Wiese in einen Park verwandeln.

Bei diesen Plänen sind sich die Stadtzürcher und die kantonale Regierung einig. Sie haben eine Vereinbarung ausgehandelt, die Baurecht, Kosten und Nutzung der Zeughäuser regelt. Das Stadtparlament hat bereits seinen Segen dazu gegeben.

Nun droht Stillstand

Doch dem Kasernenareal droht nun ein anderes Schicksal: Der Kantonsrat hat den Ideen der beiden Regierungen noch nicht zugestimmt – und wird sie am Montag womöglich kippen. SVP und FDP wehren sich gegen die Vereinbarung und damit auch gegen die von SVP-Baudirektor Markus Kägi ausgearbeitete Vorlage. Sie wollen neue Verhandlungen mit der Stadt.

Die bürgerlichen Parteien lehnen es unter anderem ab, der Stadt 30 Millionen Franken an die Renovation der Zeughäuser zu zahlen. Das sind jene Gebäude, die weiter weg von der Sihl stehen. Sie zu sanieren, wird nach Schätzungen mindestens 55 Millionen Franken kosten. Die 30 Millionen Franken gehören zur ausgehandelten Vereinbarung. Die Kantonsregierung willigte in die Zahlung ein, weil sie den Unterhalt vernachlässigt hat.

Hinter der Ablehnung steckt allerdings mehr als Sparwille. So vermutet die SVP, dass die Stadt mehr kommerziellen Nutzen aus den denkmalgeschützten Gebäuden ziehen kann, als sie vorgibt. Sie könnte etwa Wohnungen anbieten. SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher sagt: «Wir erachten die ausgehandelten Konditionen mit der Stadt Zürich als viel zu tief.» Dies, weil im Baurechtsvertrag auf eine Marktmiete verzichtet wird. Der Stadt noch 30 Millionen für die Renovation beizusteuern, sei ein Geschenk, das «wir nicht machen wollen». Dalcher ist im Kantonsrat in der zuständigen Baukommission. Setzt sich die SVP am Montag im Kantonsrat durch, gebe es zwischen Stadt und Kanton eine «Eiszeit», sagt Dalcher. Doch das nimmt er in Kauf.

Kein Vertrauen in die Stadt

Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel (FDP) ist zwar Stadtzürcherin, sagt aber trotzdem: «Wenn die Stadt die Gebäude unbedingt will, soll sie für die Kosten aufkommen.» Rueff-Frenkel stört sich daran, dass man private Investoren beim Entwickeln der Zukunftsvision aussen vor gelassen habe. Nun habe sie wenig Vertrauen in die rot-grüne Stadtregierung, dass diese die Nutzung der Zeughäuser wirklich sinnvoll vorantreibe.

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Kantonsrätin Céline Widmer (SP, Zürich) tönt verstimmt. Sie lebt im Quartier beim Kasernenareal. Bereits vor Jahren hat sie sich am Prozess beteiligt, aus dem der Masterplan für die Zukunft des Kasernenareals entstanden ist. «Verweigern die Bürgerlichen das Geld, stehen wir vor einem Scherbenhaufen.» Später müsse der Kanton als Eigentümer die ganzen Kosten für die Sanierung selbst tragen.

Im Sommer lassen Widmers Kinder auch mal Drachen auf der Kasernenwiese steigen. Sie müssen ständig vorsichtig sein, dass die Drachen nicht im Stacheldraht hängen bleiben. Sie findet deshalb, das Areal solle künftig «offen und durchlässig sein». Ein Ort, wo sich die Bevölkerung trifft und der ein Kontrast ist zur durchgestylten Europaallee.

Weitere Konflikte

Für den Stadtzürcher SP-Kantonsrat Andrew Katumba hat die Ablehnung der Bürgerlichen noch einen anderen Hintergrund: «Sie wollen die Stadt in den Schraubstock zwingen.» Das Kasernenareal sei dafür aber das falsche Thema und komme nur auf, weil Wahlkampf sei.

Zwischen Stadt und Kanton Zürich flammen immer wieder Konflikte auf. Etwa zum Bau des Rosengartentunnels oder zur Hoheit über die Kantonsstrassen. Wer diese innehat, darf bestimmen, ob eine Spur abgebaut oder Tempo 30 eingeführt wird. Umstritten ist auch, ob am Bürkliplatz dereinst ein Seerestaurant gebaut werden darf. Der Kantonsrat will eins, die Stadt ist skeptisch. Nun könnte am Montag ein weiterer grosser Konflikt dazukommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2019, 09:19 Uhr

So soll das Areal genutzt werden

Auf dem Kasernenareal in der Nähe des Hauptbahnhofs stehen mehrere Gebäude. Die Hoheit über Polizei- und Militärkaserne will der Kanton behalten und dort unter anderem ein Bildungszentrum für Erwachsene einrichten. Die Kasernenwiese ist heute zur einen Hälfte öffentlich, zur anderen Hälfte eingezäunt, weil sich dort das Polizeigefängnis befindet. Wenn es weg ist, soll die Wiese von der Stadt in einen Park verwandelt werden.

Die Gebäude im anderen Teil des Areals sind die alten Zeughäuser. Ein Teil davon ist heute nicht zugänglich. Ein anderer Teil wird rege genutzt. Dort befinden sich unter anderem das Restaurant Zeughaushof und das Ambulatorium Kanonengasse. Im Zeughaushof gastiert jeweils die Beiz «Summergarten». Dieser Teil soll für 50 Jahre im Baurecht an die Stadt übergehen.

Der Masterplan zum Areal, den Kanton und Stadt seit 2013 ausgearbeitet haben, sieht eine sanfte Entwicklung der denkmalgeschützten Zeughäuser vor, Kleingewerbe, Kunst, Kultur und öffentliche Räume soll es dort geben.

Damit die Mietzinse nicht zu hoch werden, soll der Baurechtszins mit jährlich 410'000 Franken tief bleiben und die Sanierung der Gebäude gemeinsam bezahlt werden. (meg)

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