Strafe gegen das Neumarkt-Theater

Wegen der umstrittenen «Entköppelungsaktion» hat der Zürcher Regierungsrat dem Theater am Neumarkt die Subventionen gekürzt.

Die Künstlergruppe «Zentrum für politische Schönheit» performte im März mit Künstler Philipp Ruch (sitzend) das Stück «Roger Köppel - Eine Abschiebung».

Die Künstlergruppe «Zentrum für politische Schönheit» performte im März mit Künstler Philipp Ruch (sitzend) das Stück «Roger Köppel - Eine Abschiebung». Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Erst am Morgen nach der in Minne verlaufenen Generalversammlung des Zürcher Theaters am Neumarkt von Mittwoch hat der Regierungsrat heute Morgen die Katze aus dem Sack gelassen. Statt 330'000 Franken wie bisher erhält das Kleintheater im nächsten Jahr bloss 280'000 Franken vom Kanton. Begründung im aktuellen Regierungsbeschluss: «Damit werden die Aufwendungen der kantonalen Stellen im Zusammenhang mit der umstrittenen Vorstellung im Programm 2016 berücksichtigt.»

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50'000-Franken-«Strafe» wegen der «Entköppelungsaktion»: Das ist ...




Mit anderen Worten: Der Regierungsrat hat eine Formulierung gefunden, um das Theater zu bestrafen, ohne sich dem Vorwurf der Zensur auszusetzen. Im letzten März hatte eine von 300 Vorstellungen im Neumarkt für Schlagzeilen und politischen Unmut gesorgt: die «Entköppelung» der Schweiz. In einer Voodoo-Performance konnten Zuschauer und Online-User Flüche an die Adresse von «Weltwoche»-Chef Roger Köppel ausstossen, ihm Ebola oder einen Autounfall wünschen. Zuständig für Kultur ist im Regierungsrat SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr.

Video – Prozession der «Entköppeler»:

Philipp Ruch wollte mit einem Exorzismus die Schweiz «entköppeln». Die Meinungen des Publikums waren geteilt. (19. März, 2016)

In der Antwort auf eine dringliche SVP-Anfrage im Kantonsrat zu dieser Aktion steckte der Regierungsrat den Bogen zwischen Zensur und kultureller Freiheit ab: Eine wichtige Aufgabe der Kultur sei es, «sich ohne thematische Einschränkungen mit sämtlichen Belangen und Aspekten des Lebens zu befassen und kritisch auseinanderzusetzen, mithin auch mit politischen, religiösen und anderen gesellschaftlich relevanten Fragen». Die künstlerische Freiheit gelte aber nicht unbeschränkt und finde ihre Grenze dort, wo «dem Recht anderer auf Achtung ihrer Persönlichkeit und ihres Privatlebens sowie ihrer Meinungsfreiheit nicht genügend oder keine Beachtung zukommt».

So sieht TA-Karrikaturist Felix Schaad das Thema.

Nach Ansicht der Regierung hat die Köppel-Aktion «die Grenzen des Hinnehmbaren klar überschritten». Eine Kürzung des Betriebsbeitrages sei dann denkbar, so die Regierung, «wenn die Qualität des ­Gesamtprogramms und die Nachfrage – auch wegen fragwürdiger politischer ­Aktionen – nicht mehr gegeben wären». Das war bei dieser Aktion offenbar der Fall. Die Subventionen des Kantons ans Theater Neumarkt werden ab 2018 wieder auf 330'000 Franken erhöht.

«Diese eine Aktion hatte uns arg gefordert, wir wurden zum Spielball der Politik», sagte Verwaltungsratspräsident Thomas Brusin an der gestrigen ­Generalversammlung im Neumarkt. «Diese Aktion war ein übles Foul, aber das Spiel wurde nicht abgebrochen.» Das Team spielte die Saison denn auch erfolgreich zu Ende. 20'214 Besucher ­kamen in der letzten Spielzeit, das sind 13 Prozent mehr als im Vorjahr und doppelt so viele wie vor zwei Jahren, als das neue Duo Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler seine Arbeit aufnahm.

Drei Millionen mehr für die Filmstiftung

Das Theater am Neumarkt ist eine von über 100 Kulturinstitutionen, die vom Kanton Zürich unterstützt werden. Die 50 000-Franken-Strafe ist Bestandteil einer Gesamterneuerung der Betriebsbeiträge, die der Regierungsrat heute präsentiert hat.

Insgesamt fliessen 16 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds in die Zürcher Kultureinrichtungen. Davon erhalten zehn einen Jahresbeitrag, der 200 000 Franken übersteigt – diese Beiträge müssen vom Regierungsrat genehmigt werden.

Bei diesen zehn Einrichungen handelt es sich um das Fotomuseum Winterthur, den Kunstverein Winterthur, das Musikkollegium Winterthur, das Technorama in Winterthur, das Zürcher Theater am Neumarkt, das Theater Winterthur, die Zürcher Filmstiftung, die Zürcher Festspiele, das Zürcher Theater Spektakel sowie das Zurich Film Festival.

Eine markante Erhöhung des Betriebsbeitrages um 3 auf 4,65 Millionen Franken erhält die Zürcher Filmstiftung. Damit solle die Stiftung «ihre Position als schweizweites Kompetenzzentrum für das Filmschaffen weiter ausbauen und einen Innovationstopf zur Förderung für Projekte an der Schnittstelle zwischen Film und digitalen Medien aufbauen», schreibt die Regierung.

Einen weiteren Schwerpunkt setzt der Regierungsrat beim Kunstverein Winterthur mit der Erhöhung des Betriebsbeitrages auf neu 1,2 Millionen Franken. Damit soll die Umsetzung des Museumskonzepts ermöglicht werden. Dieses sieht vor, dass das Kunstmuseum Winterthur, das Museum Oskar Reinhart mit den Sammlungen Briner und Hahnloser/Jäggli sowie die Villa Flora in ein einziges Kunstmuseum integriert werden.

Erstellt: 23.11.2016, 22:47 Uhr

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