Zum Hauptinhalt springen

Neu-Schwamendingen

Die «Harry Hasler»-Ära ist vorbei, man schätzt den Multikulti-Groove als Lebensqualität: Erkenntnisse von Begegnungen auf dem Schwamendingerplatz.

Was beschäftigt die Schwamendinger im Hinblick auf die Wahlen? 1. Teil: Am Schwamendingerplatz. Video: Lea Blum

Ein bünzliges Nest voller eigenbrötlerischer «Harry Hasler»-Verschnitte, die Fremdem und Neuem mit viel Misstrauen begegnen: Ungefähr so geht das pointierte Schwamendingen-Klischee. Samstagmorgen, 11.25 Uhr, Schwamendingerplatz. Wir peilen ein älteres Paar an, das auf einer schattigen Parkbank sitzt: «Grüezi mitenand, mir sind vom ‹Tages-Anzeiger›, mir würd . . .» An dieser Stelle werden wir brüsk unterbrochen: «Nei, nei, mir säged nüt, mir chaufed nüt, uf Wiederluege.»

Klischee bestätigt? Zumindest ist das Intermezzo als Auftakt zu unserem Besuch verheissungsvoll – ein Besuch, bei dem es im Hinblick auf die Wahlen 2018 darum geht, in verschiedenen Quartieren das Sorgenbarometer zu messen. Herauszufinden, was die Bevölkerung ärgert und freut oder wo sie sich von der Politik im Stich gelassen fühlt.

Selber Ort, späterer Zeitpunkt, andere Protagonistin. Sie heisst Lavdie Azizi, ist im Quartier aufgewachsen und sagt, es habe sich viel verändert gegenüber früher – und sie meint das vorab positiv. Weshalb sie auch blieb, nachdem ihre Eltern nach Seebach disloziert hatten. «Ich habe dank der Genossenschaft eine günstige Wohnung, das Quartier ist ruhiger, moderner und sicherer geworden.» Es sei kein Vergleich mehr mit den 90er-Jahren, als sie hier zur Schule ging. Was ihr fehle, sei eine angenehme Bar, so die 28-Jährige: «Für den Ausgang gehe ich immer in die Stadt runter.»

Nichts für Sozialromantiker

Diese Lebensqualität bestätigt auch der Frankfurter Orhan Yesicyurt, der in Zürich als Banker arbeitet. Er hat bereits in den Kreisen 4 und 6 gewohnt – und zieht in seiner «Hitparade» Schwamendingen dem Langstrassenquartier vor. Mehr noch, Schwamendingen sei gar lebenswerter als das schönste Stadtgebiet von Frankfurt. «Besonders toll ist das friedliche Miteinander zwischen den verschiedenen Kulturen», findet der 31-Jährige, «dem muss unbedingt Sorge getragen werden.»

Lebendig und vielfältig: Ein typischer Samstag auf dem Schwamendingerplatz im Herzen des Kreises 12. Foto: Reto Oeschger
Lebendig und vielfältig: Ein typischer Samstag auf dem Schwamendingerplatz im Herzen des Kreises 12. Foto: Reto Oeschger

Peer Seemann sieht das ähnlich. Der Musiker lebt seit rund einem Jahr im Kreis 12 – und schwärmt: «Auf dem Schwamendingerplatz hast du alle sozialen Schichten: Junge, Rentner, Ausländer, Junkies, und es lebt! Diese Mischung wünschte ich mir für die ganze Stadt.» Der 46-Jährige sagt aber auch, wer nach Schwamendingen ziehe, dürfe kein Sozialromantiker sein: «Hier leben Menschen, die um 6 Uhr auf der Baustelle stehen und Geld verdienen müssen und darum froh sind, wenn man die Wäsche rechtzeitig aus der Maschine nimmt.» Schwamendingen sei halt etwas rauer als das restliche Zürich, findet Seemann, auch etwas verschrobener – «auf seine eigene, lebendige Art».

«Chrampfer» vernachlässigt?

Die 76-jährige Brigitte Brand gehört zum Kreis der «Dorfältesten» und hat schon etliche Auf und Ab mitgemacht: «Damals, zur Zeit des Jugoslawienkriegs, herrschte im Quartier eine aggressive Stimmung, da habe ich mich hier nicht mehr zu Hause gefühlt.» Diese Phase sei mitverantwortlich gewesen, dass das einst tiefrote Schwamendingen zur rechtsbürgerlichen Hochburg geworden sei.

Heute stelle der hohe Ausländeranteil kein Problem mehr dar. Dafür fänden viele, die rot-grün dominierte Stadtpolitik würde die Anliegen der alten Schwamendinger «Chrampfer» vernachlässigen. Sie zuckt mit den Schultern: «Trotzdem wähle ich SP, sicher nicht SVP.» Zum Schluss der animierten Plauderei formuliert Frau Brand ihr engagiertes Votum: «Die Jungen brauchen Freiräume, wo sie lärmen können. Dafür wünsche ich mir, dass die Jungen auch wieder stärker in die vielen Vereine gehen, sonst bleiben die alteingesessenen Schwamendinger da unter sich.»

Die Soziokultur beschäftigt auch den Quartierverein Schwamendingen, der beispielsweise eigens für Neuzuzüger Anlässe organisiert, um ihnen den Anschluss zu erleichtern. «600 haben wir angeschrieben, 35 haben teilgenommen», sagt Quartiervereinsvize Alfons Nievergelt. Er ist überzeugt: Könnte er die Neuankömmlinge persönlich einladen, wäre der Erfolg grösser. Und was im Kleinen gilt, stellt er auch im Grossen fest: «Der Stadtpolitik fehlt es an Volksnähe», das mache der jüngste Stadtratsbeschluss, etliche Kreisbüros zu schliessen, überdeutlich. «Alles wird automatisiert, das ist falsch und schade.» Dann muss er los, rüber in die Migros, seinen Samstagseinkauf erledigen.

Und auch wir brechen auf, zurück in die City. Das Fazit? Wir sind mit einem verkrusteten Klischee hergekommen und gehen mit dem Eindruck von einem frischen, lebenswerten Schwamendingen. Oder wie es eine Frau sagte, die aufs Tram eilte: «Schwamendingen ist auf dem besten Weg zum Trendquartier.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch