Ein Novum für Schwule und Lesben in Zürich

Im Stadtzentrum soll es das landesweit erste Gemeinschaftszentrum für die LGBT-Community geben.

Bauen am Regenbogenhaus: Das soll möglichst bald das Motto in Zürich sein.<br />Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Bauen am Regenbogenhaus: Das soll möglichst bald das Motto in Zürich sein.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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«Das weltoffene und tolerante Zürich brachte in den letzten Jahrzehnten eine lebendige Schwulen- und Lesbenszene hervor.» So wirbt Zürich Tourismus derzeit auf der eigenen Website aktiv um die Zielgruppe der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen (LGBT). Dies unter anderem mit dem Hinweis auf ein Nachtleben, «das farbiger ist als ein Regenbogen». Tatsächlich sind in Zürich seit Jahren verschiedene Vereine und Verbände aktiv, die sich für die Anliegen der LGBT-Gemeinschaft einsetzen. Was ihr dagegen noch fehlt, ist ein gemein­sames Zentrum. Dieses beschränkt sich bisher auf die Büro- und Sitzungsräume der Homosexuellen Arbeitsgruppen ­Zürich (HAZ) am Sihlquai.

Das soll sich ändern. Eine Interessengemeinschaft (IG) hat das Projekt für ein Regenbogenhaus in Zürich neu lanciert, wie aus dem aktuellen Newsletter der HAZ hervorgeht. «Die Vision: Ein Haus mitten in Zürich für Lesben, Schwule, ­Bisexuelle, Transmenschen und queer lebende Menschen», heisst es auf www.dasregenbogenhaus.ch. «Als Treffpunkt, Kulturort und Anlaufstelle, mit einem Café, Informationsmöglichkeiten und Räumen für Events, Sitzungen und Beratungen, mit einer Bibliothek, einem Gesundheitszentrum und anderen Dienstleistungen, mit altersgerechtem Wohnen und Wohnungen für Menschen in Not­lagen (z. B. queer refugees).»

«Offenes und öffentliches Haus»

Die IG hat eine Projektleitungsstelle geschaffen, um Planung und Finanzierung des Vorhabens voranzutreiben. Die 40-Prozent-Stelle ist vorerst auf zehn Monate befristet. «Zürich ist für die LGBT-Community ein wichtiges über­regionales Zentrum», erklärt Projekt­leiterin Laura Pestalozzi. Das Regen­bogen­haus soll das Angebot für die Community verbessern, als «offenes und öffent­liches Haus» zum Bindeglied ­zwischen der LGBT-Community und der Öffent­lich­keit werden und so zu mehr gegenseitiger Akzeptanz beitragen. Als Vorbild dienen etwa die Rosa Lila Villa in Wien, das Outhouse in Dublin oder das Centre LGBT in Paris.

Derzeit läuft die Suche nach einer geeigneten Liegenschaft in Zürich. «Wichtig ist ein zentraler, gut zugänglicher Standort mit Publikumsverkehr», sagt Pestalozzi. Es gebe bereits konkrete Ideen und Gespräche. In einem Fall werde sich die IG demnächst für ein Haus bewerben. Aber man will sich zeitlich nicht unter Druck setzen lassen. «Ziel ist es, das Regenbogenhaus bis spätestens 2020 zu eröffnen», so Pestalozzi.

Es ist das Ziel, das Haus bis ­spätestens 2020 zu eröffnen.

Die IG Regenbogenhaus ist ein Zusammenschluss von derzeit 15 Organisationen, von der Aids-Hilfe Schweiz über das Transgender Network Switzerland, Pink Cross und die Lesbenorganisation Schweiz bis zum Zurich Pride Festival. «Jede dieser Organisationen finanziert ihren Betrieb und ihre Aktivitäten heute selbstständig», sagt Pestalozzi. Das Finanzierungs- und Betriebskonzept für das geplante Zentrum «wird derzeit konkretisiert». So sei noch offen, ob es auch ein Gesuch um Unterstützung durch die ­öffentliche Hand geben wird. Die Stadt Zürich steht dem Projekt positiv gegenüber. «Die Idee hat Potenzial, das zeigen auch Beispiele aus anderen Städten wie Wien oder Brüssel», sagt Nat Bächtold, Sprecher von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Ein Regenbogenhaus könne dazu beitragen, die LGBT-Organisationen und ihre Aufklärungs- und Informationsarbeit in Zürich zu stärken. Bereits hat die Stadt einen finanziellen Zustupf geleistet: Für die Erarbeitung des Konzepts hat sie 9500 Franken beigesteuert, wie Bächtold bestätigt. Dieser Beitrag sei kein Präjudiz für eine allfällige spätere Unterstützung. «Ein konkretes Gesuch oder eine Förderungsanfrage liegt der Stadt derzeit nicht vor. Sollte eine solche eingehen, wird diese sorgfältig geprüft.» Bereits jetzt in den Genuss städtischer Gelder kommen die HAZ: Sie erhalten jährlich 39 000 Franken.

Zürcher Politiker aus der LGBT-Community begrüssen die Initiative für das Regenbogenhaus. «Es ist höchste Zeit, dass es das auch in Zürich gibt», sagt Alan David Sangines, SP-Gemeinderat und Co-Präsident der Fachkommission sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität der SP. In anderen Städten habe man gesehen, dass ein solcher Begegnungsort sehr wichtig sei – als Treffpunkt ausserhalb von Clubs und Partys, oder für Junge, die ihr Coming-out noch nicht hatten. «Es wäre ein Meilenstein für die Stadt Zürich mit ihrer langen Tradition als Vorkämpferin für die Rechte der LGBT-Community», so Sangines. Markus Hungerbühler, Präsident der Stadtzürcher CVP und Leiter der Arbeitsgruppe Homosexualität der CVP Schweiz, sagt: «Zürich braucht ein solches Haus.» Ob und wie viel Geld die Stadt allenfalls beisteuern soll, werde das konkrete Projekt zeigen.

2008 zerschlugen sich Pläne

Pläne für ein Regenbogenhaus gab es ­bereits 2008. Damals suchten Schwule, Lesben und Transgenders ein Zentrum an der Langstrasse oder im Niederdorf. 2009, rechtzeitig zur damals in Zürich stattfindenden Europride, sollte es den Betrieb aufnehmen. Der damalige Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP) hatte die Unterstützung der Stadt zugesagt, doch die Pläne zerschlugen sich. Das soll diesmal nicht passieren. Projektleiterin Pestalozzi zeigt sich zuversichtlich, dass es klappen wird. Vor allem auch, weil diesmal so viele Organisationen mitmachen.

Erstellt: 29.07.2016, 08:48 Uhr

«Rosa Lila Villa»
als Vorbild für Zürich

Sie gilt als Pionierinstitution der Lesben-, Schwulen-, Bi- und Trans-Bewegung: die «Rosa Lila Villa» in Wien, die Wohnhaus, Beratungsbüro, Treffpunkt und Veranstaltungsort in einem ist. Die Einrichtung im 6. Wiener Gemeinde­bezirk dient auch als Vorbild für das geplante Regenbogenhaus in Zürich.

Entstanden ist die «Rosa Lila Villa» 1982 aus der Hausbesetzerbewegung. «Nach zähen Verhandlungen mit der ­Gemeinde Wien übertrug die Stadt das Haus dem Verein Rosa Lila Tip für 30 Jahre zur Selbstverwaltung», heisst es auf der Website der Villa. Später wurde das Gebäude mithilfe privater und öffentlicher Subventionen saniert. Das Projekt stehe «für einen utopischen Gegenentwurf zu den dominierenden Mainstreamkonzepten von Hetero­normativität, Patriarchat und binären Identitätskonstruktionen», heisst es ­weiter. Zudem werden das Zusammenwohnen und die Zusammenarbeit von Lesben, Schwulen und Transpersonen «abseits der Kernfamilie» gelebt.

In der Rosa Lila Villa gibt es regel­mässig Veranstaltungen, Kurse sowie Coming-out- und Rechtsberatungen. Bis vor kurzem existierte im Erdgeschoss auch ein Café-Restaurant. Doch die «warme Küche in der Villa» (Website) wurde im letzten März geschlossen, zumindest vorerst. Die Neuübernahme des Lokals habe nicht funktioniert, schrieb die Zeitung «Der Standard».

Die Villa betreibt nicht nur Lobbying für nicht heterosexuelle Personen, sie engagiert sich auch politisch: «Die Bekämpfung verschiedenster Formen von Diskriminierung sind ein wichtiger Bestandteil der politischen Arbeit.» Zudem organisiert sie Wohnraum für Flüchtlinge, die wegen ihrer sexuellen Orientierung nach Österreich gekommen sind.

Die Einrichtung blieb von Anfeindungen nicht verschont. So soll sich ein ÖVP-Politiker über die «sittenverderbende Aufschrift» an der Fassade empört haben. Und ein FPÖ-Politiker soll die Villa ein «subventioniertes Bordell» genannt haben. Laut den Organisatoren der Einrichtung kam es auch schon mehrmals zu Übergriffen wie eingeschlagenen Fensterscheiben und Farbbeutelattacken von rechtsgerichteten Gruppierungen. Die Rosa Lila Villa befindet sich weiterhin im Eigentum der Stadt Wien. Sie erhält jährlich eine Grundsubventionierung von 17 000 Euro, wie «Der Standard» schreibt. Das Weiterbestehen sei unter der Voraussetzung der Gemeinnützigkeit durch die neuerliche Aushandlung eines Baurechtsvertrages bis 2045 gesichert. (mth)

Alternatives Altersheim

Eine ähnliche Idee wie das «Regen­bogen»-Haus will auch der Zürcher Verein «QueerAltern» verwirklichen. 2014 gegründet, sucht dieser ebenfalls eine ­Liegenschaft in der Stadt, um dort ein Alterszentrum für Schwule, Lesben, ­Bisexuelle und Transmenschen einzurichten. Laut Vincenzo Paolino, Co-Präsident des Vereins, soll dieses kein ­«Altersghetto» werden, sondern ein Ort, wo sich die Gemeinschaft trifft. Er stellt sich vor, im Gebäude nebst 30 Alterswohnungen und zwei Wohngruppen für Pflegebedürftige ein Bistro, eine Bibliothek und allenfalls eine Beratungsstelle für Lesben und Schwule einzurichten.

Das Konzept für dieses Altersheim ist geschrieben, die Finanzierung angedacht, die Haussuche läuft intensiv. Der Verein wünscht sich eine Eröffnung in drei, vier Jahren. Er hat auch eine Idee, was die Alterswohnungen kosten würden. Paolino sagte jüngst im Magazin «Display», die günstigste 1,5-Zimmer-Wohnung werde für 1150 Franken vermietet.

Der Verein «QueerAltern» hat rund 200 Mitglieder und das Vorhaben stosse auf grosses Interesse, sagt er. Vor allem, weil sich viele Schwule und Lesben nicht vorstellen können, in ein normales Alters­heim zu ziehen. Sie fürchten, dass sie ihre Homosexualität dort nicht mehr ausleben können.

Das Vorbild des Altersheims für Schwule ist der «Lebensort Vielfalt» in Berlin. Paolino arbeitet auch beim Zürcher «Regenbogen»-Haus mit und könnte sich vorstellen, die beiden Projekte zu einem verschmelzen zu lassen. «Wenn wir für das Altersheim zuerst eine Liegenschaft finden, nehmen wir gern das ‹Regenbogen›-Haus darin auf.» (meg)

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