Nicht überall ist Italien drin

Matschige Pasta aus Deutschland, aber mit italienischem Namen und Trikolore auf der Packung: Dieses Übel soll weg – auch in Zürich.

Im April 2018 werden in Zürich Produkte für ein Blind Tasting gekocht. Foto: iStock

Im April 2018 werden in Zürich Produkte für ein Blind Tasting gekocht. Foto: iStock

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Eigentlich klingt «Italian Sounding» ja trendig und verheissungsvoll. Im Trend ist das Phänomen tatsächlich, aber für die italienische Exportwirtschaft verheisst es nichts Gutes. «Italian Sounding» bedeutet, dass Produkte italienische Namen tragen, ohne aus Italien zu stammen. Es sind vor allem Nahrungsmittel, die der Kundschaft italienische Herkunft und Qualität suggerieren, obwohl sie ausserhalb Italiens hergestellt werden.

Italienische Handelskammern haben nun in verschiedenen europäischen Städten, darunter auch in Zürich, eine Kampagne gegen die Produkte-Flunkerei gestartet. Sie findet im Rahmen der «Woche der italienischen Küche in der Welt» statt – einer Veranstaltung, in der italienische Botschaften und Konsulate weltweit die kulinarischen Vorzüge ihres Landes anpreisen.

Hersteller schummeln

Das Problem für die italienische Handelskammer in der Schweiz besteht jedoch darin, dass sie den schummelnden Herstellern zwar ethisch etwas vorwerfen kann, aber nicht juristisch. Denn auch einer nichtitalienischen Firma ist es erlaubt, ihre Schokolade «Bella Milano» oder ihre Spaghetti «Viva l’Italia» zu taufen, um zwei erfundene, aber typ­ähnliche Beispiele zu nennen. Und auch die Verwendung der italienischen Trikolore auf Packungen ist gestattet, anders als bei der französischen.

Die Mitarbeiter der Handelskammer sind zwar in Zürcher Lebensmittel­geschäfte und Einkaufszentren ausgeschwärmt, um Italian-Sounding-­Produkte zu fotografieren und zu klassifizieren. Aber um welche Marken es sich konkret handelt, möchte der Generalsekretär der Handelskammer, Fabrizio Macrì, nicht in der Zeitung lesen. «Wir riskieren sonst, verklagt zu werden», sagt er.

Pseudoitalienische Produkte

Bei ihren Streifzügen die Regale entlang haben die Mitarbeiter der Handelskammer etwa 40 pseudoitalienische Erzeugnisse entdeckt, vor allem Fertig­gerichte, Kaffee, Saucen, Pasta und Milchprodukte. Statt die Schummler-­Firmen – es sind laut Macrì vor allem deutsche und schweizerische – beim Namen zu nennen, will die Kampagne Importeure, Händler, Einkäufer, Küchenchefs und Hotelketten dazu animieren, authentische italienische Produkte zu verwenden.

Die Handelskammer organisiert hierzu Seminare sowie Reisen nach Italien, und ein riskanter Anlass ist im ­April 2018 in einem Zürcher Restaurant geplant: Ein Blind Tasting, bei dem Journalisten, Gastrokritiker und Branchenkenner authentische und nichtauthentische Produkte zum Probieren und ­Beurteilen vorgesetzt bekommen, ohne dass sie deren Herkunft kennen.

Sollten Viva-l’Italia-Spaghetti selbst bei raffinierten Gourmets besser abschneiden als die altehrwürdigen Barilla, stehen den Vertretern der Handelskammer peinvolle Momente bevor. «Ich bin sicher, dass die italienischen Erzeugnisse siegen werden», sagt Macrì. Auch wenn die Qualität hiesiger Italian-Sounding-Produkte deutlich besser sei als an seinem früheren Arbeitsort Deutschland. «Dort gab es Spaghetti mit italienischem Namen, die nach vier Minuten zu einem Brei verkochten. Grauenhaft.»

Italian Sounding betrifft auch Restaurants. Vor einigen Jahren hat die Handelskammer deshalb angeblich italienische Restaurants in Zürich auf ihre Italianità getestet, anhand eines Katalogs mit 34 Kriterien. Kann mindestens ein Mitarbeiter des Restaurants die Gäste in korrektem Italienisch bedienen? Stammt mindestens jeder dritte Wein auf der ­Menükarte aus Italien? Sind Olivenöl und Espresso italienisch? Verwendet der Koch italienische Nahrungsmittel und sonstige Zutaten, und bereitet er die Gerichte auf korrekt italienische Weise zu? Hängen Bilder mit italienischen Motiven oder eine Landkarte Italiens an den Wänden? Nach der Auswertung durften sich in der Stadt Zürich 14 Restaurants original italienisch nennen.

Ökonomischer Schaden «enorm»

Exorbitante Staatsverschuldung, hohe Jugendarbeitslosigkeit, Flüchtlingskrise, Silvio Berlusconi als furchteinflös­sender politischer Wiedergänger und nun auch noch die verpatzte WM-Teilnahme: Angesichts solcher Widrigkeiten könnte der Eindruck entstehen, die Handelskammer schlage sich bei ihrem Kampf gegen Italian Sounding mit einem Luxusproblem herum. Das ist falsch. Denn laut einer 2016 veröffentlichten Studie der Vereinigung italienischer Handelskammern beträgt der ­globale Umsatz von Italian-Sounding-Produkten» 54 Milliarden Euro, während sich jener der authentischen Exporterzeugnisse auf 31 Milliarden beläuft. «Der ökonomische Schaden von Italian Sounding ist enorm, und entsprechend gross ist das Potenzial unserer Bemühungen», sagt Macrì.

Bei aller Verärgerung über Italian Sounding erkennt der italienische Generalkonsul in Zürich, Giulio Alaimo, in dem Phänomen auch etwas Tröstliches: «Es ist eine Bündelung aller positiven Klischees über mein Land. Offensichtlich sind sie viel einprägsamer und durchschlagender als die negativen.»

Erstellt: 15.11.2017, 20:27 Uhr

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