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Nie mehr Bananencurry

Das Mandarin beim Zürcher Stadelhofen schliesst für immer. Was dieses Café so legendär macht.

Katharina und Max Karrer vor ihrem Mandarin. Der Schriftzug stammt aus dem Jahr 1970. Foto: Reto Oeschger
Katharina und Max Karrer vor ihrem Mandarin. Der Schriftzug stammt aus dem Jahr 1970. Foto: Reto Oeschger

In den 90er-Jahren machte sich Zürich auf, eine coole Stadt zu werden. Nicht alle marschierten mit. Das Café Mandarin zum Beispiel blieb stehen.

«Einmal überlegten wir, eine Lounge samt Tapas-Bar einzubauen», sagt Mandarin-Besitzer Max Karrer. Seine Frau Katharina und er entschieden sich dagegen. «Im Nachhinein waren wir sehr froh. Es gibt genug neue Lokale. Sie wirken oft kalt auf uns.»

Jetzt ist auch im Mandarin fertig mit Stehenbleiben. Das Haus aus dem Jahr 1819 wird abgerissen, Platz macht es einem Neubau von Santiago Calatrava, dem spanischen Architekten, der auch den benachbarten Bahnhof Stadelhofen entworfen hat. Morgen ist der Tag null im Mandarin, das letzte Mal wird Katharina Karrer ihre Gäste mit einem «Wie gehts, Frau . . .?» begrüssen. Dabei hätten die Karrers noch ein halbes Jahr weitermachen können, die Baubewilligung verzögert sich. «Aber wir haben schon dreimal Verlängerung bekommen. Das ist genug», findet sie. Zudem habe man für fast alle der zehn Angestellten einen neuen Job gefunden.

Chinabrunnen im Café

Max Karrer übernahm das Mandarin 1984. Das Café, das 1970 eröffnet hatte, lief gut – obwohl man keinen Alkohol ausschenken durfte. Die Lage stimmte, die schummrige 60er-Jahre-Einrichtung samt chinesischem Brunnen wirkte fortschrittlich, der gleiche Architekt hatte auch die Zürcher Cafés Mondial und 99 gestaltet. Doch der frühere Besitzer übernahm sich, ging in Konkurs. Das war Max Karrers Chance.

Der damals 33-Jährige leitete bereits das Café Lord am Kreuzplatz (heute befindet sich dort ein Starbucks). Er war im Quartier aufgewachsen, seine Eltern hatten ebenfalls gewirtet – das Pony und das Marokko an der Rämistrasse –, sie kannten auch den damaligen Besitzer des Mandarin-Hauses. Karrer bewarb sich und bekam den Zuschlag. Fünf Jahre später stieg seine Frau Katharina ein, sie hatte bis dahin in Büros gearbeitet.

1984 war Zürich eine andere Stadt: gemächlicher, strenger, grauer. Vom Bahnhof Stadelhofen fuhr man über die weite Schleife des Lettentunnels Richtung Hauptbahnhof. Das Wort «Seefeldisierung» war noch nicht erfunden, das Quartier galt als ein wenig herunter­gekommen. «Alles war ruhiger, die Leute gingen langsamer», sagt Karrer.

Um ein Café zu führen, brauchte man in den 80er-Jahren ein Wirtepatent. Nur ein Dutzend Beizen in ganz Zürich durften bis zwei Uhr nachts offen haben. Auch Max Karrer bemühte sich um eine solche Nachtbewilligung. «Als erstes ­alkoholfreies Café.» Vergeblich. Die schriftliche Absage des Stadtrats hat Karrer behalten. Sie ärgert den freundlichen Mann bis heute.

1990 stieg der Stadelhofen dank zwei neuen Tunneln (Richtung HB und Stettbach) zum Knotenpunkt der frisch gegründeten S-Bahn auf. Santiago Calatrava goss die neue Bedeutung des Bahnhofs in eine futuristische Betonstruktur. Bald erklärte man das Seefeld zum Trendquartier, die Mieten stiegen. Die Drogenszene vom Stadelhofen, die auch immer wieder ins Mandarin schwappte, verschwand Ende der 90er-Jahre.

Das Mandarin erlebte ebenfalls einen Umbruch: 1995 liessen die Karrers die alte Einrichtung samt Brunnen herausreissen. Sie machten den Raum heller, liessen die Wände gelb-beige streichen, hängten mehr Lampen auf. Diese Ausstattung hat sich bis heute gehalten.

Warum die Stammgäste blieben

Am Anfang kamen viele junge Leute ins Mandarin, oft aus den umliegenden Gymnasien. Sonst gab es wenig in der Gegend. Das änderte sich bald. Imbissstände eröffneten, Take-aways, der McDonald’s. «So verloren wir die Kanti­schüler», sagt Karrer. Dafür behielt das Mandarin seine Stammgäste. Und es erging den Karrers wie vielen Wirten: Sie alterten mit der Kundschaft.

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Heute herrschen zwei Tempi im Café. Es gibt die Pendler und Zufallsgäste, die kommen, bestellen, bald wieder gehen. Und es gibt jene, deren Namen Frau Karrer kennt, oft haben sie das Pensionierungsalter überschritten. Diese Treuen bleiben lange sitzen, frühstücken, lesen Zeitung. «Viele sind täglich da», sagt Karrer. «Wenn sie nicht erscheinen, rufen wir an und fragen, was los ist.»

Die Karrers zählen mehrere Gründe auf, warum sich das Mandarin zur Ersatzstube von vielen entwickelt hat.

Die Öffnungszeiten: Das Mandarin hatte jeden Tag offen, von halb sieben bis 23 Uhr, 365-mal im Jahr, auch an Silvester oder am Karfreitag. «Die Leute wussten: Zu uns kann man immer kommen.» Nur zwei Wochen lang blieb die Tür des Mandarin in den letzten 34 Jahren geschlossen – wegen des Umbaus.

Die Grösse: Dank den gut 100 Plätzen fand man praktisch immer einen freien Tisch. Ausser am Sechseläuten vielleicht. Oder am Züri-Fäscht.

Das Personal: «Wir stellten nur Leute an, die gut Deutsch können», sagt Katharina Karrer. «Unsere Gäste sollten mit ihnen plaudern können.» Viele Angestellte hätten sehr lange im Mandarin gearbeitet, dadurch entstand ein Vertrauensverhältnis zu manchen Gästen. Auch Katharina Karrer selber kümmerte sich fast täglich um die Mandarin-Besucher.

Das Essen: Die Karrers passten ihre Karte nur leicht der modernen Zeit an, dominant blieben 80er-Jahre-Klassiker wie Riz Casimir oder Toast Hawaii.

Die Atmosphäre: Das Mandarin ist ein Schalldämpfer in Turnhallengrösse. «Wegen des vielen Holzes wird es nie wirklich laut», so Max Karrer. Das schätzten die Leute. Gleichzeitig läuft leise Musik, deren Auswahl sich nach dem gleichen Prinzip richtet wie jene des Essens: das Beste von damals. Auffallend ist der Gegensatz zur Aussenwelt: Tritt man ins Mandarin, tauscht man die Hektik des Stadelhoferplatzes gegen eine aquariumhafte Bedächtigkeit.

Das Alleinsein: Das Mandarin sei ­beliebt unter alleinstehenden älteren Frauen, sagt Katharina Karrer. «Wo sonst können sie am Abend noch etwas Richtiges essen, ohne komisch angeschaut zu werden? Bei uns war das normal.» Manchmal seien die Gäste auch untereinander ins Gespräch gekommen.

Die Karrers betonen, dass man im Mandarin dank seiner Grösse auch sehr gut für sich bleiben konnte. Früher seien oft Prominente eingekehrt, Ruedi Walter aus dem Bernhard-Theater, Denise Biellmann oder Udo Jürgens, die beide in der Nähe wohnten. «Hier hat man sie in Ruhe gelassen.» Dieses Nebeneinander von Dörflichkeit und städtischer Ano­nymität habe das Mandarin ausgemacht.

Die Beliebtheit zeigt sich auch in zwei grossen Bänden, welche die Karrers im Lokal ausgelegt haben. In ihnen konnten sich die Gäste vom Lokal verabschieden. Unvorstellbar sei ein Leben ohne Mandarin, heisst es da oft. Auch über 60-Jährige hätten ein Anrecht für einen Treffpunkt in der Stadt. Viele schreiben, dass sie ihre Lieblingsgerichte vermissen werden, Poulet-Brüstli mit Pommes frites oder Bananencurry.

Ausharren bis zum Abbruch

Ein pensionierter Mann aus dem Quartier, der hier Tag für Tag seinen Morgenkaffee trinkt, sagt, dass er so lange weiter kommen werde, bis auch das Provisorium schliesse. Ab April übernimmt die Bindella-Gruppe das Mandarin. Ihr «Mandarino» wird sicher ein halbes Jahr bestehen. Danach, sagt der Stammgast, müssten er und seine Freunde sich einen anderen Treff suchen. Es werde sich schon etwas finden.

Die Karrers haben schon etwas gefunden: Sie ziehen endgültig in ihre Wohnung in Bad Ragaz, vergangenes Jahr ­haben sie während der Arbeitstage noch direkt über dem Café gewohnt. «Es ist ein harter Bruch», meint Katharina Karrer. Das frühe Aufstehen, die vielen bekannten Gesichter, die Hektik; alles falle auf einen Schlag weg, so die 61-Jährige.

Der sechs Jahre ältere Max Karrer findet den Wechsel weniger schlimm. Er habe sich schon länger ins Büro zurückgezogen und sich vom Mandarin gelöst.

Das Calatrava-Haus wird laut der Besitzerin Axa Winterthur frühestens Ende 2021 stehen. Im Erdgeschoss plane man eine «publikumsorientierte Nutzung», vielleicht ein Café oder ein Restaurant. Es wird wohl einer jener Betriebe werden, welche die Karrers «kalt» nennen.

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