Nielsen ist raus – jetzt dürfen die Grünliberalen hoffen

Das Rennen um die vakanten Stadtratssitze wird eng, wie die neue TA-Umfrage zeigt.

Es wäre eine Premiere für Zürich: ein Grünliberaler in der Stadtregierung. Bei den Wahlen am 4. März könnte es dazu kommen. Laut der Wahlumfrage des «Tages-Anzeigers» liegt der GLP-Kandidat in der Gunst der Wähler auf dem neunten Platz. Die Umfrage, die das Forschungsinstitut Sotomo diese Woche durchgeführt hat, endete am Mittwoch, kurz bevor Stadträtin Claudia Nielsen ihren Verzicht auf eine weitere Amtszeit öffentlich machte. Das Resultat: Die andern sechs Bisherigen scheinen die Wiederwahl zu schaffen, und Karin Rykarts Chancen, für die Grünen einen zweiten Sitz zu erobern, stehen gut. Danach aber wird es spannend.

Die Abstände zwischen FDP-Kandidat Michael Baumer auf Platz 8 bis zu SVP-Mann Roger Bartholdi auf Platz 12 sind gering. Der Politgeograf Michael Hermann von Sotomo mahnt, die aktuelle Reihenfolge nicht überzubewerten. Er sagt aber auch: «Es würde mich überraschen, wenn am Wahlsonntag alles durcheinandergewürfelt wird.»

Auch ein zweiter Wahlgang ist laut Hermann möglich, weil nicht absehbar ist, ob genug Kandidaten das absolute Mehr erreichen werden. Davon könnte die SP profitieren, sagt er, denn sie hätte dadurch mehr Zeit, einen Ersatz für Nielsen aufzubauen. Verzichtet die SP auf eine kurzfristige Ersatzkandidatur, würde der Grünliberale Hauri profitieren. «Käme es zum Beispiel zu einem Duell zwischen SVP-Kandidatin Susanne Brunner und Andreas Hauri, würden viele Linke auf den Grünliberalen setzen.»

Schwächelndes Top-5-Ticket

Überraschend deutlich geschlagen liegt Markus Hungerbühler auf Platz 13 – der CVP-Kandidat, der eigentlich den Sitz des abtretenden Stadtrats Gerold Lauber (CVP) verteidigen sollte. Hungerbühlers Abschneiden zeigt, dass das bürgerliche Top-5-Ticket Mühe hat, seine Wähler parteiübergreifend zu mobilisieren. So geben laut der Umfrage nur 45 Prozent der FDP-Wähler Hungerbühler ihre Stimme, bei den SVP-Wählern sind es sogar nur 39. Dies, obwohl der CVP-Kandidat im Gegensatz zu Lauber eine offensichtliche Nähe zur SVP pflegt.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei FDP-Mann Michael Baumer und den beiden SVP-Kandidaten: Von der jeweils anderen Partei erhalten sie nur rund zwei Drittel der Stimmen. Dies, obwohl man sich alle erdenkliche Mühe gibt, vergangene Konflikte ruhen zu lassen, und die Einigkeit beschwört. FDP-Stadtparteipräsident Severin Pflüger etwa rief die Freisinnigen an einem parteiinternen Anlass dazu auf, diesmal unbedingt alle fünf bürgerlichen Namen auf die Wahlzettel zu schreiben. Sonst habe man keine Chance, die Wende in Zürich zu schaffen.

«Die Schwierigkeiten der Bürgerlichen sind angesichts der guten Ausgangslage mit drei vakanten Sitzen erstaunlich», sagt Politgeograf Michael Hermann. Spannend sei zudem, dass nicht nur die SVP unter der fehlenden Unterstützung leidet, wie das in früheren Wahlen der Fall war. «Sie treten zwar kommunikativ geschlossen auf, aber inhaltlich sind die Unterschiede zwischen der Politik der CVP und SVP gross.»

Linke vereint

Kann das bürgerliche Top-5-Ticket seine Schwäche in den letzten Wochen vor der Wahl nicht überwinden, könnte Hauri profitieren. Nielsens Rücktritt hingegen sei für ihn ambivalent, sagt Hermann: Vielleicht anerkennen die Sozialdemokraten die Grünliberalen als neue Kraft in der Mitte, welche die CVP im Stadtrat ersetzen könnte. Nominiert die SP aber zum Beispiel eine ihrer prominenten Nationalrätinnen, Min Li Marti oder Jacqueline Badran, nach, um ihren vierten Sitz zu verteidigen, werde es schwierig. Die Geschäftsleitung der Sozialdemokraten trifft sich heute Donnerstagabend, um über ihre Strategie zu befinden.

Video: Claudia Nielsen gibt auf

Die SP-Stadträtin gibt bekannt, dass sie sich nicht mehr der Wiederwahl stellt. Video: TA

Was den Bürgerlichen nicht gelingt, macht die Linke erfolgreicher. Innerhalb des linken Bündnisses hat Richard Wolff (AL) bei der SP-Basis am wenigsten Unterstützung, aber selbst dort wählen ihn noch knapp drei Viertel. Das erstaunt insofern, als die Alternativen die Sozialdemokraten immer wieder mit unbequemer Kritik in Verlegenheit bringen – und die SP wiederum eher frostig auf den Einzug der linken Konkurrenz in den Stadtrat reagierte.

Im Dezember hat Sotomo bereits eine Wahlumfrage für die NZZ durchgeführt. Die Ergebnisse haben sich seither kaum verändert. Eine auffallende Ausnahme sind die beiden FDP-Kandidaten, die in der TA-Umfrage deutlich weniger Wähleranteile haben. Michael Hermann erklärt diese Unterschiede damit, dass die zweite Umfrage auf einer breiteren Datenbasis beruhe. Zudem sei der Wahltermin nähergerückt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2018, 16:54 Uhr

Über die Umfrage

Die Daten wurden zwischen dem 5. und dem 7. Februar 2018 online von der Forschungsstelle Sotomo im Auftrag des TA erhoben. Die Resultate der Umfrage stellen die Wahlabsichten der Stadtzürcher vor Claudia Nielsens Rückzug dar. Die Erhebung fand über die Website des «Tages-Anzeigers» und über den E-Mail-Pool von Sotomo statt. Insgesamt wurden 2348 Personen befragt. Für die Auswertung konnten 71 Prozent der Antworten verwendet werden. Die Umfragedaten wurden nach Alter, Geschlecht, Bildung sowie politischen Merkmalen gewichtet. Diese Gewichtung gewährleistet eine hohe politische und soziodemografische Repräsentativität der Stichprobe für die aktive Stimmbevölkerung Zürichs. Die Fehlerspanne der Umfrage ist vergleichbar mit einer repräsentativen telefonischen Umfrage. (TA)

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