Überraschende Wende beim Mega-Bauprojekt in Zürich-Nord

900 günstige Neuwohnungen in Seebach sind blockiert. Grund ist ein Hickhack im Zürcher Stadtparlament.

An der Thurgauerstrasse befindet sich eine der grössten Baulandreserven der Stadt. Foto: Samuel Schalch

An der Thurgauerstrasse befindet sich eine der grössten Baulandreserven der Stadt. Foto: Samuel Schalch

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Es hätte eine reine Formsache werden können. Diskussionen über Bäume, Wohnungen im Erdgeschoss, eine bessere An­bindung ans Nachbarquartier durch eine Passerelle. Doch es wurde zum «historischen Ereignis» (Walter Angst, AL), zur «grossen Verwunderung» (Christian Monn, GLP), und führte zur von Andrea ­Leitner Verhoeven (AL) gestellten Frage, was im Gemeinderat eigentlich genau vor sich gehe.

Grund war ein Hickhack der Parteien zum derzeit grössten Bauprojekt der Stadt Zürich, über dessen Gestaltungsplan gestern hätte abgestimmt werden sollen. Eine geplante Grossüberbauung an der Thurgauerstrasse in Zürich-Seebach. Auf einer Fläche von neun Fussballfeldern, einer der letzten und grössten Baulandreserven der Stadt, sollen ab 2023 700 gemeinnützige Wohnungen, eine Schule sowie 200 Alterswohnungen gebaut werden. Und noch einiges mehr.

Ein Vorzeigeprojekt

Das Projekt entspricht in mehrfacher Hinsicht den politischen Absichten der Stadtregierung: Es berücksichtigt die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft, es wird Kleingewerbe fördern und bringt die Stadt zudem jenem angestrebten Drittel gemeinnütziger Wohnungen näher, das sie bis 2025 erreichen will. Auch treibt es eine von einem Grossteil der Parteien angestrebte und als notwendig betrachtete innere Verdichtung der Stadt voran.

Ein ganzes Jahr lang beriet eine Kommission über Änderungen am vom Stadtrat vorgelegten Plan. Mehr als ein Dutzend Änderungsanträge hatte die Gruppe schliesslich formuliert. Es ging darin eben auch um Bäume und um Passerellen.

Einzig die AL und die SVP ­waren dagegen. Falsche Verdichtung, sagten die einen, zu viel Verdichtung und zu wenig Parkplätze die anderen. Doch eine Mehrheit im Rat, das war im Vorfeld ziemlich deutlich, würden sie mit ihren Argumenten nicht finden. Was also führte gestern dazu, dass das Geschäft nicht wie erwartet durchgewunken wurde, sondern nun noch einmal von der Kommission beraten und überarbeitet werden muss?

«Das Vorgehen
einiger Parteien ist
zumindest sehr speziell.»
André Odermatt, Stadtrat (SP)

Kurz gesagt, war es ein von der SP antizipiertes Kippen der Grünen ins Lager der AL, was zu einem ungewöhnlichen Zusammenschluss von SP und FDP führte. Davy Graf (SP) legte dem Parlament einen spontan formulierten Rückweisungsantrag vor. Er forderte: Geschäft zurück an die Kommission. Stadtrat und Bauvorsteher André Odermatt (SP) sagte am Schluss der Debatte, die sich nun nicht um das Bauprojekt, sondern um die Frage drehte, ob er die Pläne noch einmal ganz neu ausarbeiten muss: «Das Vorgehen einiger Parteien ist zumindest sehr speziell.»

Insbesondere deshalb, weil die Kommission vor zwei Wochen eine Medienmitteilung verschickt habe – nicht unbedingt ein übliches Vorgehen. Aber es weist wiederum auf die Wichtigkeit der Angelegenheit hin. «Die Kommission hat damit gegen aussen einen Konsens präsentiert», sagt er.

In diesem Grossprojekt in Zürich-Seebach steckt viel politischer Zündstoff.

In der Medienmitteilung stand, das Verdichtungsziel berge einige Herausforderungen. Die geplanten ausgiebigen Diskussionen in der gestrigen Doppelsitzung im Gemeinderat zeugen davon. Die Flaniermeile in der sogenannten Vorzone etwa. Parkzeiten oder Erdgeschossnutzung. Es wäre schliesslich um die Grundsatzfrage gegangen, wie es gelingen könnte, dass in dieses gigantische Projekt dereinst Leben einziehen wird. Nicht zuletzt um zu verhindern, dass es der Überbauung an der Thurgauerstrasse so ergeht wie anderen Grossprojekten in Zürich-Nord oder Zürich-West.

Traktandiert war auch die Mitwirkung der Bewohner der anliegenden Einfamilienhaussiedlung. Diese haben dem Stadtrat nach Bekanntgabe des Projekts schon Änderungen an ihrem ursprünglichen Plan abgerungen: weniger hohe, in der Höhe variierende Bauten, um nicht den Eindruck eines Riegels entstehen zu lassen. Es gab 200Einsprachen aus der Bevölkerung.

Dies alles war ein Hinweis darauf, wie viel politischer Zündstoff in diesem Grossprojekt in Zürich-Seebach steckt. Wie viele zusätzliche Kommissionssitzungen nun nötig sind, bis es zur nächsten Abstimmung kommt, ist noch nicht klar.


Auch Stadtmenschen leben gern im Grünen

Die Akzeptanz des verdichteten Bauens hat in Zürich Grenzen – besonders in den Aussenquartieren.

Zwischen Bahngleisen und Thurgauerstrasse, wo heute Schrebergärten mit Holunder­büschen und Himbeerstauden dominieren, entsteht ein riesiges neues Stadtquartier. Das ist ganz im Sinne des Gesetzgebers. Der Richtplan verlangt, dass das Bevölkerungswachstum zu 80 Prozent im urbanen Umfeld stattfindet und nicht draussen auf der grünen Wiese.

Doch wie kommt verdichtetes Bauen bei den Menschen an, die bereits heute in der Stadt Zürich wohnen? Dieser Frage geht das private Büro Zimraum mit einer Forschungsarbeit auf den Grund. 2017 wurden dafür – bereits zum vierten Mal – Stadtbewohner über ihre Erwartungen an die wachsende Stadt befragt. An der schriftlichen Befragung nahmen gut 800 zufällig ausgewählte Zürcherinnen und Zürcher teil. Grundsätzlich haben sie Verständnis dafür, dass neuer Wohnraum besonders in der Stadt nötig ist.

Hochhäuser akzeptierter

Doch nicht alle Stadtbewohner stehen Vielfalt und Veränderung so offen gegenüber, wie es sich die Stadtplanerinnen wünschen. Am meisten Akzeptanz geniesst das verdichtete Bauen bei Mietern, die zentral in der Stadt wohnen. Sie sind meist jung und wechseln ihren Wohnort vergleichsweise häufig. Wohneigentümer sind besser verwurzelt in ihren Quartieren und stehen der Urbanisierung bereits misstrauisch gegenüber. Bauliche Veränderung deutlich kritischer sehen Zürcherinnen und Zürcher, die in peripheren Lagen wohnen wie in Höngg, Albisrieden oder auch in Zürich-Seebach.

Sie pochen auf Distanz zu den Nachbarn, auf locker angeordnete Siedlungen und auf den Erhalt von Freiräumen. In der Studie werden 42 Prozent der Befragten zu dieser Gruppe von Stadtbewohnern gezählt. Nur knapp ein Drittel dieser Leute fühlt sich vorbehaltlos als Städter. Sehr auffällig ist, dass die Akzeptanz von Hochhäusern mit mehr als acht Stockwerken im Vergleich zu den letzten drei Befragungen aus den vergangenen acht Jahren deutlich gestiegen ist.

Aufgrund der Befragung empfiehlt die Studie, bei der Stadtentwicklung keine einheitlichen Siedlungstypen über die ganze Stadt zu ziehen, sondern auf die Bedürfnisse der Quartierbewohner mehr Rücksicht zu nehmen. Wichtig ist allerdings überall, dass das Konsumangebot stimmt, ebenso die Atmosphäre und die Aufenthaltsqualität. Die Leute wollen sich in ihrem Wohnumfeld sicher fühlen. Etwas weniger wichtig ist insbesondere in peripheren Wohnquartieren wie dem geplanten an der Thurgauerstrasse die soziale Durchmischung und die Internationalität der Bewohner.

Bei Quartierentwicklungen wie jener an der Thurgauerstrasse wird gemäss der Studie am meisten kritisiert, dass die neuen Siedlungen zu klotzig und eintönig seien und die bestehenden sozialen Strukturen zerstörten. Am meisten gelobt werden solche Projekte, wenn neue Räume belebt werden – auch durch kommerzielle Angebote. Meist gut kommt ein öffentlicher Zugang zu Gewässern oder ein Park mit viel Grün an. (sch)

Erstellt: 04.07.2019, 11:29 Uhr

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