Noch mögen alle André Odermatt

Der SP-Stadtrat kommt sogar bei Bürgerlichen gut an. Wegen seiner Kompromissbereitschaft und weil die ganz heftigen Konflikte zuletzt anderswo tobten. Doch das könnte sich bald ändern.

Pragmatisch, aber wenig visionär: André Odermatt. Foto: Dominique Meienberg

Pragmatisch, aber wenig visionär: André Odermatt. Foto: Dominique Meienberg

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Was hatten sie nicht gewarnt vor diesem Mann. Man dürfe sich nicht täuschen lassen von seinem einnehmenden Wesen. Das sei ein Wolf im Schafspelz. Mit seiner Wahl würde der Stadtrat klar nach links rücken. So tönte das bei den Bürgerlichen vor acht Jahren. Genützt hat es nichts, André Odermatt wurde gewählt. Und jetzt, zwei Amtszeiten später? Alle mögen André. Obwohl sie immer noch überzeugt sind, dass er «eigentlich sehr links» sei. Will heissen: tief drin in der dunkelroten Sozi-Brust. Aber auch: Im politischen Alltag spielt das nicht die erwartete Rolle.

Die Charakterisierungen durch seine politischen Gegner könnte sich Odermatt auf Wahlplakate drucken lassen. «Offen und ehrlich.» «Ruhig und sachlich.» «Er liefert, was er verspricht.» «Im Gegensatz zu anderen hört er zu.» «Er lässt sich auf Argumente ein.» Und, fast zerknirscht: «Es ist kein Unglück, wenn er wiedergewählt wird.» Die SP hat mit Odermatt einen Stadtrat, dem aus dem linken Lager fast mehr Skepsis entgegenweht als aus dem rechten – was insofern ein Luxusproblem ist, als ihn die meisten Linken dennoch wählen werden.

Diese Konstellation führt man bei der SP unter anderem auf den glücklichen Umstand zurück, dass die Konfliktlinien in Odermatts Hochbaudepartement weniger ausgeprägt sind als anderswo. Das gilt besonders für den vermeintlichen Prüfstein der letzten Legislatur: die Bau- und Zonenordnung (BZO). Diese hätte zu einem kontroversen Generalplan werden können, wie Zürich in eine verdichtete Metropole verwandelt wird, die Platz für 80'000 weitere Einwohner bietet. Was wird abgerissen? Wo wird in die Höhe gebaut? Wer profitiert? Aber statt eines visionären Wurfs gab es eine sanfte Revision. Vieles blieb beim Alten, entscheidende Fragen wurden vertagt, die öffentliche Grundsatzdebatte blieb aus. Und das, obwohl die Verdichtung vor allem am Stadtrand längst auf dramatische Weise Realität wird.

Die BZO trägt seine Züge

Dass es so kam, hat Gründe, für die Odermatt wenig kann: Die Linken wollen zwar verdichten – aber erst, wenn es Regeln gibt, wie die Stadt bei profitierenden Grundeigentümern den Mehrwert abschöpfen und Mindestanteile für preisgünstiges Wohnen festlegen kann. Solche Regeln müsste der bürgerlich dominierte Kanton erlassen, und der lässt sich Zeit. Die BZO trägt aber auch Züge, die das Naturell des Hochbauvorstehers widerspiegeln: auf Kompromiss und Ausgleich bedacht, aber wenig visionär. Offen und engagiert, aber eher konfliktscheu. So beschreiben ihn Leute, die viel mit ihm zu tun haben.

Dennoch zeigt er beim Verhandeln zum Teil taktisches Geschick. Die FDP etwa rechnet ihm hoch an, dass er ihr bei der BZO entgegenkam, als es um die umstrittene Nutzung von Untergeschossen zu Wohnzwecken ging. Und übersieht in ihrem Glück, dass er im Prinzip nur etwas zurückgab, was er zuvor genommen hatte. Andererseits muss sich der SP-Stadtrat von der AL vorhalten lassen, die Verhandlungen mit den SBB um frei werdende Areale zu wenig offensiv geführt zu haben. Der Anteil gemeinnütziger Wohnungen, die entstehen, sei auf jenes Drittel beschränkt, mit dem die SBB von Anfang an gerechnet hätten. Odermatt verkauft das als Erfolg.

«Meine Rolle war es, das Beste für die Stadt rauszuholen»: SP-Stadtrat André Odermatt. Video: Marius Huber und Dominique Meienberg

Sein Pragmatismus, mit dem er weniger flexible linke Politiker vor den Kopf stösst, trieb in den letzten vier Jahren überraschende Blüten. So machte Odermatt gemeinsam mit der bürgerlichen Kantonsregierung Werbung für den Rosengartentunnel – jenen Tunnel, den er einst als überflüssig bezeichnet hatte. Jetzt verspricht er sich im Gegenzug eine Aufwertung des verkehrsgeplagten Quartiers – also ist er dabei. Mehrfach stand er auch im Fokus, als es um den grossen Umbau des Hochschulquartiers ging. Ein Projekt, das das Gesicht der Stadt verändert. Weil dort aber der Kanton das Sagen hat, musste er sich mit der Rolle des Juniorpartners bescheiden, der über Nebensächliches referiert. Dem Frieden zuliebe, scheint es.

Wer so viel weiss wie André Odermatt, übersieht nichts, wird aber zögerlich.

So ist es manchmal schwierig, zu erfassen, wofür Odermatt wirklich steht – ausser für Pragmatismus und Konsens. Vielleicht ist er einfach zu gut informiert, um öfter mal naiv mit einer gewagten Position vorzupreschen. Schon als Geografiedozent an der Uni Zürich befasste sich Odermatt mit Fragen, die im Kern eminent politisch waren. Die Veränderung des Langstrassenquartiers etwa oder Nutzungskonflikte in den Seeanlagen. Aber der Ansatz war in erster Linie ein fragender, analytischer. Es interessierte mehr, wie die Dinge sind, als wie sie sein sollten. Daher diagnostizieren andere bei Odermatt den Fluch des Akademikers – wer so viel weiss wie er, übersieht nichts, wird aber zögerlich.

Dabei hätte er durchaus Präferenzen. Er ist ein moderner, urbaner Typ, der Freude hat an einem dichten, vielgestaltigen Stadtleben, wie er es in jüngeren Jahren in New York erlebt hat. Der sich auch mal für ein provokatives Objekt wie den Swissmill-Turm einsetzt.

Soft Power oder No Power?

Dass er seine Ansichten nicht über jene anderer stellt, mag ihn bremsen, es trägt ihm aber auch Anerkennung ein. Etwa von der FDP, weil er nach anfänglicher Skepsis ein Beschwerdetelefon eingerichtet hat für Bauherren im Clinch mit den Behörden. Von der SVP, weil er die Kosten mehrerer Bauprojekte um Millionenbeträge senkte. Oder von den Fachleuten seines Departements, denen er viel Spielraum lässt – und die es ihm mit überragender Zufriedenheit danken.


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Odermatts Kritiker von links wie rechts wünschten sich indes, dass der Herr über 750 Mitarbeiter seine Leute manchmal enger führt. Besonders, was die Ansprüche der vielen Verwaltungsabteilungen angeht, deretwegen Zürich noch immer relativ teuer baue. Auf den Vorwurf der Führungsschwäche reagiert Odermatt empfindlich. Es ärgert ihn, wenn seine Soft Power als No Power missverstanden wird. Dann wird auch eine andere Seite an ihm sichtbar: eine geltungsbewusste – immerhin wollte dieser Mann mal Stadtpräsident werden.

Es wird interessant sein, zu sehen, wie es ihm bei einer Wiederwahl gelingt, die Komfortzone zu verlassen. Denn jetzt steht die Bewährungsprobe an: Im kommunalen Richtplan gilt es jene Fragen zu klären, die bei der BZO ausgespart wurden. Das wird vielen betroffenen Zürchern wehtun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2018, 19:43 Uhr

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