Wenn sich Linke mit noch Linkeren zanken

Zürich ist nicht Paris: Die erste «Nuit debout» in der Schweiz war ein Flop. Und sie hat ein politisches Nachspiel.

Sitzend statt stehend: 200 vor allem junge Frauen und Männer haben sich an der erste «Nuit debout à Zürich» beteiligt.

Sitzend statt stehend: 200 vor allem junge Frauen und Männer haben sich an der erste «Nuit debout à Zürich» beteiligt. Bild: Doris Fanconi

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Die Revolution muss warten. Auf 18 Uhr am Sonntagabend war die «Nuit debout à Zürich» angesagt worden. Dann aber war beim Pavillon am Bürkliplatz nicht viel los. Noch waren die Polizisten in den Zugangsstrassen zahlenmässig in der Überzahl. «No pasarán», schienen die Männer und Frauen in Kampfmontur an der Bahnhofstrasse den Vorbeispazierenden zuzuraunen.

Nuit debout heisst wörtlich stehende Nacht und im übertragenen Sinn Nacht der Aufrechten. Als Aufrechte verstehen sich seit anderthalb Monaten in Paris vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Sie demonstrieren jeden Abend zu Tausenden: gegen Präsident Hollande, gegen seine Arbeitsmarktreform, gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Sie verstehen sich als Bewegung. Wie jene damals auf dem Maidan in Kiew. Wie die Indignados in Spanien. Wie Occupy Wall Street in New York. Oder wie die 68er. Als Gegenteil von Pegida sehen sich die Aktivisten auch.

Endlich sind etwa 200 da

Die Bewegung sollte auch in Zürich Fuss fassen, fanden die Jungsozialisten (Juso), und organisierten den Anlass via Facebook. Über 200 sagten zu, 800 sympathisierten, Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete.

Um 18.15 Uhr sind vielleicht 40 Personen da. Einige wirken peinlich berührt, weil sie da sind und so viele andere nicht. Eine ältere Dame schleicht mit drei Unterschriftenbögen umher. Gegen Palmöl aus Malaysia? Man unterschreibt. Mehr Transparenz in der Politik? Für einen würdevolleren Umgang mit Flüchtlingen? Klar.

Um 18.30 Uhr sind etwa 200 anwesend, das Transparent mit der Aufschrift «Nuit debout à Zürich» wird über zwei Regenbogen-Friedensfahnen aufgehängt. Der Pavillon soll der Speaker's Corner sein. Das Publikum ist jung. Und links. Weit links. Die meisten sind wohl zwischen 18 und 28 Jahren. Zwei Männer in Jacken mit riesigem Lonsdale-Aufdruck sind auch da. Aber es bleibt ruhig. Die bei den Rechtsradikalen beliebte Marke trägt man heute offenbar auch in linken Kreisen.

Juso in der Kritik

Wut ist keine zu spüren, man witzelt, man lacht, man grilliert Zucchetti. Nur wenige sind etwas unruhig. Im Vorfeld war gemunkelt worden, Mitglieder des Revolutionären Aufbaus Zürich könnten den Anlass stören. Ihr Vorwurf: Die Juso, aus Sicht des schwarzen Blocks viel zu nah am Establishment, wollen sich die Basisbewegung unter den Nagel reissen.

Ein junger Mann greift zum Megaphon. Nach ein paar Minuten funktioniert es auch. Der Jungsozialist fordert die Anwesenden auf abzusitzen: Nuit assise (Nacht der Sitzenden) statt Nuit debout. Er möchte ein paar Regeln durchgeben. «Redezeitbeschränkung bei 2 bis 5 Minuten» zum Beispiel. Ein Wedeln mit beiden Händen gilt als Zustimmung, gekreuzte Arme als Nein. «Ich erhoffe mir eine globale Bewegung», sagt der junge Mann, gerade aus Paris zurückgekehrt.

Sparen ist das Thema

Dann ergreift ein noch jüngerer Mann das Wort und kritisiert das Sparprogramm der Kantonsregierung. «Wer meint, dass wir es nicht zu spüren bekommen, ist ein Idiot oder ein neoliberaler Idiot», sagt er. Ein älterer Mann ist an der Reihe. Er hat eine andere Art zu reden. Sie kommt von innen. Manchmal schreit er. Es ist ein Kurde, der Erdogan und seine Helfer aus der Schweiz angreift. Dabei fallen Bezeichnungen, die besser nicht publiziert werden. Der Mann spricht eine Viertelstunde lang. Irgendwann hört ihm niemand mehr zu. Aber der junge Mann zuvor hatte die Marschrichtung vorgegeben. Am meisten treibt die Anwesenden das Sparen um. Vor allem das Sparen in der Bildung.

Bald jedoch dreht sich die Diskussion nur noch um eines: Soll man mit den Medien reden? Und wenn ja: wer? Etwa die Juso, die den Anlass «geentert» haben? Auslöser der Diskussion ist eine Kamera, mit der ein Reporter von «Tele Top» etwas abseits vom Geschehen ein Statement jener Jungsozialistin aufnehmen wollte, welche das Bewilligungsgesuch für den Anlass bei der Stadt eingegeben hat. Manche Redner nehmen das Thema ernst. Sie sagen, dass die Botschaft der Bewegung weiter verbreitet wird, wenn sie im Fernsehen kommt. Eine Rednerin sagt, ohne Medien hätte sie gar nicht vom Anlass erfahren.

Wie hast Du's mit den Medien?

Einige sprechen sich dagegen aus und wollen nur über «ihre» Medien, also die Internetplattform Indymedia, sowie mit Medienmitteilungen kommunizieren und so die Kontrolle behalten. Und sie wollen schon gar nicht, dass die Juso der Bewegung das Gesicht geben. Es wogt hin und her. Einer schlägt vor, dass in die Kamera gesagt wird, dass noch nicht entschieden ist, ob man etwas sagen werde. Doch dann fragt ein anderer, wer das denn sagen solle. Nach einer Dreiviertelstunde zu diesem Thema und ohne Ergebnis zieht sich der Mann mit der Kamera zurück. Und der Schreibende auch. Am nächsten Samstag wollen sich die Aktivisten wieder auf dem Bürkliplatz treffen.

Ob die Nuit debout à Zürich noch zur politischen Bewegung wird, ist unsicher. Klar ist hingegen, dass sie ein politisches Nachspiel haben wird. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern aufgrund von Formalitäten. Obwohl der Anlass auch ohne Bewilligung stattgefunden hätte und es auch so geplant war, haben die Organisatoren, also die Juso, im letzten Moment bei Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) um eine Bewilligung ersucht.

Nachspiel im Parlament

Dieser gab eine Notbewilligung, obwohl politische Kundgebungen am Sonntag grundsätzlich verboten sind. Wolff beruft sich auf einen Passus in der Polizeiverordnung, den sein Vorgänger Daniel Leupi (Grüne) eingeführt hatte. Dieser Passus besagt, dass Genehmigungen bei aktuellen Ereignissen ausnahmsweise möglich sind. Und Wolff gab sein Okay, weil an diesem Sonntag in diversen europäischen Städten Nuits debouts organisiert wurden und er verhindern wollte, dass ausgerechnet der Zürcher Ableger abgewürgt wird, wie sein Sprecher Mathias Ninck sagt. Finanzvorsteher Leupi, der als Stellvertreter des abwesenden Polizeivorstands Wolff kurz bei der Nuit debout vorbeigeschaut hat, sagte: «Der Stadtrat hält die Redefreiheit hoch.»

Die Bewilligung ruft die SVP auf den Plan. Sie wird am Mittwoch im Stadtparlament eine kritische Anfrage einreichen. SVP-Nationalrat Mauro Tuena wittert Ungleichbehandlung: «Ich glaube nicht, dass einer bürgerlichen Bewegung am Pfingstsonntag ein politischer Anlass auf dem Bürkliplatz genehmigt worden wäre.»

Erstellt: 15.05.2016, 23:30 Uhr

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