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«Obdachlose werden aus Prinzip weggeschickt»

Radiomann Dominik Widmer lebte eine Woche auf der Strasse. Das Experiment hat ihm viel Kritik eingetragen. Und Pfarrer Sieber 60'000 Franken an Spenden.

Nicola Brusa
«Es ist ein Teufelskreis»: Dominik Widmer über die Obdachlosigkeit.
«Es ist ein Teufelskreis»: Dominik Widmer über die Obdachlosigkeit.
Reto Oeschger

Wie ist es, in einer reichen Stadt wie Zürich ohne Geld zu sein? Man merkt an gewissen Orten, dass man nicht willkommen ist. Das ist hart. Das ist auch, was mir die Obdachlosen immer wieder erzählen. Egal wie kalt es draussen ist, ob sie stören oder nicht, sie werden aus Prinzip weggeschickt.

Wo zum Beispiel? In der Europaallee etwa. Oder am Flughafen. Dort werden Randständige seit einem halben Jahr nachts nicht mehr geduldet.

Man sagt, in Zürich müsse niemand obdachlos sein. Das ist ein Vorurteil, das man oft hört. Und es ist falsch. Was stimmt: Niemand muss in Zürich draussen schlafen. Es gibt zehn, zwanzig, die selbst bei den eisigen Temperaturen letzte Woche draussen schliefen – für die hätte es alle einen Platz drinnen gegeben.

Weshalb sind die Leute obdachlos? Ich habe Menschen in meinem Alter kennen gelernt, die ihre Wohnung verloren haben oder ihren Job. Sei es wegen eines Schicksalsschlags, einer Krankheit oder weil sie in die Sucht abgerutscht sind. Die befinden sich in einem Teufelskreis, aus dem es schwierig ist auszubrechen. Ohne Arbeit erhalten sie keine Wohnung, ohne festen Wohnsitz keinen Job.

Ihr Experiment wurde teils scharf kritisiert: Es sei Effekthascherei auf Kosten der Ärmsten. Diese Kritik habe ich auch von einem Obdachlosen selber erhalten. Ich habe dann versucht zu erklären, worum es mir geht, dass ich mich ehrlich für sie und ihre Situation interessiere. Die meisten standen dem Experiment sehr positiv gegenüber, freuten sich über die Aufmerksamkeit.

War das Experiment der einzige Weg, nahe an die Obdachlosen heranzukommen? Für mich schon. Mir war es wichtig, mich selber in eine ungewohnte Situation zu begeben, mich auf etwas einzulassen, das ich überhaupt nicht kannte. Wobei es immer klar war, dass ich nicht obdach-, sondern eine Woche wohnungslos bin. Das Gegenteil zu behaupten, wäre den Menschen gegenüber, die auf der Strasse leben, anmassend.

Wie haben die Obdachlosen auf Sie reagiert? Sie liessen mich erstaunlicherweise sehr schnell und sehr nahe an sich heran. Ich glaube, dass sich jemand ehrlich für sie interessierte, tat ihnen auch gut.

Wie hat das Experiment Sie persönlich verändert? Ich hatte schon zuvor das Gefühl, ein toleranter Mensch zu sein. Ich glaube, ich bin nun verständnisvoller gegenüber Menschen, die nicht dieselben Chancen haben wie ich. Wir gehen oft – zu oft – von uns aus, wenn wir die Situation von Leuten beurteilen. Damit tun wir vielen unrecht.

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