Zürcher O-Bike-Daten fliessen nach Shanghai

Längste Fahrt, Wochen-Umsatz, meistgenutztes Bike: Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Daten des Leihdienstes analysiert.


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Ein Nachtschwärmer stand in den frühen Morgenstunden des 10. September am Hauptbahnhof Zürich vor der Qual der Wahl. Vor kurzem hätte er als Optionen für die Heimreise nur das Taxi oder den Nachtzug gehabt. Doch heute können Velos per App gemietet werden, die einfach am Zielort abgestellt werden können. Zum Beispiel diejenigen Gefährte der Firma O-Bike aus Singapur, die seit Juli 2017 überall in Zürich anzutreffen sind.

Der Nachtschwärmer zückte also sein Mobiltelefon und entsperrte um circa 2.30 Uhr eines der mittlerweile berühmt-berüchtigten orange-weissen ­O-Bikes. Er schwang sich auf den Sattel, radelte die Sihl entlang und bog dann auf die Lessingstrasse Richtung Adliswil ein. Nach 10,7 Kilometern hatte er sein Ziel erreicht. Der Velomieter stellte das Billiggefährt made in China an der Rifertstrasse 32B ab und konnte sich nach der anstrengenden knapp 40-minütigen Fahrt endlich ins Bett fallen lassen.

Das war die längste Fahrt, die jemand mit einem O-Bike in den letzten zwei Wochen zurückgelegt hat. Warum das Tagesanzeiger.ch/Newsnet so genau weiss? Die Firma O-Bike publiziert den aktuellen Standort aller ihrer Fahrräder via eine Schnittstelle im Internet: offen und für alle einsehbar. Diese Daten hat der Tagesanzeiger.ch/Newsnet über die letzten zwei Wochen systematisch gesammelt und ausgewertet. Somit lässt sich nachrechnen, wie erfolgreich der Velosharing-Dienst tatsächlich ist. Das Resultat: Er ist weit weniger einträglich, als die Firma gerne zugibt.

Offiziell weist O-Bike 50'000 App-Downloads und 25'000 aktive Kunden aus. Ziel seien bis zu drei Mieten pro Velo am Tag, gab ein Sprecher auf Anfrage an. Bei 450 Velos kämen also bei einem Preis von 1.50 Franken pro angebrochene halbe Stunde über zwei Wochen gegen 30'000 Franken zusammen. Tatsächlich beträgt der Umsatz nur ein Drittel davon. Über die von Tagesanzeiger.ch/Newsnet berücksichtigte Zeitspanne verdiente der Mietdienst etwa 10'500 Franken. Dabei wurde grosszügig gerechnet. Denn mit den vorhandenen Daten liess sich nicht nachvollziehen, welche Velos von der Firma selber an günstigere Standorte umgestellt wurden.

Video: Wie kommen eigentlich die O-Bikes in die Stadt?

Wer aufräumt, repariert und umplatziert.

Die Firma hat zudem mehr Velos in Umlauf gebracht, als sie der Stadt versprochen hat. Auch das zeigt die Analyse. Es sind weniger als die 1420, wie kürzlich von der NZZ vermutet. Die Falschannahme kommt daher, dass die Velos nicht selber via GPS ihren Standort kommunizieren. Sie tun das mithilfe der Handys der Mieter. Sobald ein Kunde mit seinem Smartphone ein O-Bike entriegelt hat, beginnt das Gefährt die Position des Fahrers im Sekundentakt zu übermitteln. Wenn das Velo abgeschlossen wird, gilt die letzte Position des Handys als Standort des Velos. ­O-Bike startete mit insgesamt 900 Fahrrädern in Zürich. Nach einer Rüge der Stadt hat es die Flotte wieder halbiert. Auf der virtuellen Karte in der App erscheinen die Velos aber weiterhin, weil sie nicht per Handy abgemeldet worden sind.

Tatsächlich hat O-Bike aber noch immer deutlich mehr Fahrräder auf Stadtzürcher Strassen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zählte über die zweiwöchige Periode insgesamt 771 aktive Gefährte. Die zusätzlichen Velos sollen wohl die flaue Nachfrage ankurbeln. Zwar wechselte das Velo mit der Rekordmietzahl 47-mal den Besitzer. Das sind über zwei Wochen sogar mehr als die anvisierten drei Fahrten täglich. Doch die grosse Mehrzahl der Velos stehen länger als einen Tag herum, bis sie jemand wieder benutzt. Im Schnitt beträgt die tägliche Auslastung pro Gefährt 0,7 Mieten. Die Firma ist also noch weit von ihren Zielen entfernt.

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Doch O-Bike ist nicht nur am Geld ihrer Kunden interessiert. Die Firma sammelt auch fleissig Nutzerdaten: zum Beispiel die Namen ihrer Kunden, Velofahrwege und Kreditkartennummern zur Abrechnung der Fahrten. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagte O-Bike kurz nach dem Start in Zürich: «O-Bike wird keine Daten verkaufen.» Eine Analyse der ­O-Bike-App zeigt aber, dass in regelmässigen Abständen Informationen an mehrere Drittanbieter geschickt werden. Intensiven Austausch gibt es zum Beispiel mit der chinesischen Datenplattform Umeng, einer Firma mit Sitz in Peking.

O-Bike-Sprecher Julian Strassfeld sagte, dass Umeng lediglich das Herunterladen der App auf Schweizer Handys überwache. Doch warum die chinesische Firma Umeng auch nach dem Erstdownload Daten mit dem Handy austauscht, sagte Strassfeld nicht. Er erklärte nur: «Wir haben temporäre Server in einem unserer Büros in Shanghai.» Darauf würden die Schweizer Daten gelagert. Strassfeld: «Wir planen, bald in Europa Server aufzustellen.»

Welche Daten genau auf den Server in Shanghai übermittelt werden, ist nicht nachvollziehbar. Dieser Datenverkehr ist im Gegensatz zu den Velostandorten verschlüsselt. Die US-Sicherheitsfirma Symantech zum Beispiel hat festgestellt, dass Umeng Geo-Daten der Handyhalter ausliest, dazu Angaben des Gerätetyps oder Details dazu, welche anderen Apps auf den Handys installiert sind. Umeng verwendet diese Daten dann, um Onlinewerbung zu verkaufen.

Sorgloser Umgang mit Daten

Im Falle der O-Bike-App könnten sehr persönliche Daten hinzukommen. Wer sich bei O-Bike mit seinem Facebook-Konto registriert, verrät dem Velo­vermieter aus Singapur Angaben aus seinem Facebook-Profil: Alter, Geschlecht, Geburtsdatum. Diese Daten kombiniert mit den Standorten der ­Velos oder deren Fahrwegen sind pures Gold. O-Bike könnte zum Beispiel der Fast-Food-Kette McDonald’s oder dem Kleiderladen H & M Informationen dazu verkaufen, wo sich 25-jährige Frauen zu einer bestimmten Tageszeit aufhalten. Oder welche Wege sie wählen, wenn sie mit dem Velo in der Stadt unterwegs sind. Und das nicht nur in Zürich. ­O-Bike gibt es mittlerweile in weltweit 24 Städten in 12 Ländern.

Ein Blick in die allgemeinen Nutzungsbedingungen von O-Bike zeigt, dass Kunden des Velosharing-Diensts der Firma im Grunde eine Carte blanche ausstellen, mit ihren Daten zu tun und lassen, was sie will. Der Transfer nach China selber wird darin verschwiegen. Stattdessen ist in holprigem Deutsch festgehalten, dass Nutzerkonten an Dritte für statistische Auswertungen oder zur Verbesserung des Diensts ­weitergegeben werden könnten. Aber eigentlich wolle man für nichts garantieren. In der Datenschutzerklärung heisst es wörtlich: «Bitte beachten Sie, dass jedes Sicherheitssystem potenzielle und unbekannte Risiken birgt.»

Grund zur Sorge

Bei O-Bike sind die Sicherheitslücken besonders gross. Auch das zeigte die Analyse der O-Bike-App. Mit wenigen Computer-Programmierzeilen könnte der «Tages-Anzeiger» den Standort aller Velos manipulieren. Man könnte etwa die 36 Velos, die sich am vergangenen Donnerstagmittag im Umkreis des Zürcher Hauptbahnhofs befanden, kurzerhand in den See verschieben. Nicht physisch natürlich, sondern virtuell auf der O-Bike-Karte. Sprecher Strassfeld sagte, die Sicherheitslücken würden derzeit gestopft. Und weiter: «Wir konnten nicht feststellen, dass jemand diese Lücke ausgenutzt hat; wir möchten niemandem unterstellen, das tun zu wollen.»

Wenn die Firma O-Bike personen­bezogene Daten oder Kreditkarten­nummern so sorglos behandelt wie ihr eigenes System und ihre Velos, haben Kunden allen Grund, sehr beunruhigt zu sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2017, 21:21 Uhr

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