«Offensichtlich ist die Schweiz eine sehr kulturelle Nation»

Jan Oberndorff von der Schule für Schauspiel Hamburg sucht in Zürich junge Talente. Warum er das ausgerechnet hier tut und was das mit Beatrice Egli zu tun hat.

«Heute sagen viele junge Leute von Anfang an: Ich will zum Fernsehen und zum Kino, ich will gar nicht auf die Bühne.» Jan Oberndorff, Leiter der Schule für Schauspiel in Hamburg. Bild: PD

«Heute sagen viele junge Leute von Anfang an: Ich will zum Fernsehen und zum Kino, ich will gar nicht auf die Bühne.» Jan Oberndorff, Leiter der Schule für Schauspiel in Hamburg. Bild: PD

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Herr Oberndorff, was bringt Sie dazu, so weit weg von Hamburg nach Studenten zu suchen? (siehe Kasten rechts)
Wir sehen das als eine Art Kundendienst für die jungen Leute, die auf der Suche sind nach einem Ausbildungsplatz. So müssen sie nicht den weiten Weg zu uns reisen.

Gibt der Heimmarkt nicht genug her, um Ihre Studienplätze zu besetzen?
Wir würden die Plätze möglicherweise schon besetzen können, aber wir wollen natürlich mit möglichst interessanten und begabten jungen Leuten arbeiten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es davon in der Schweiz und in Zürich sehr viele gibt. In jeder Ausbildungsklasse in Hamburg sind vier bis fünf Schweizer dabei.

Jetzt schmeicheln Sie uns doch einfach, um Werbung für Ihre Schule zu machen.
Nein. Ich will den Schweizern nicht besondere Komplimente machen. Aber es ist schon sehr auffällig, dass es hier viele junge Leute gibt, die sehr kulturaffin sind. Die schon in der Schule Theater gespielt haben, die in Jugendgruppen am Zürcher Schauspielhaus waren und so weiter. Offensichtlich ist die Schweiz eine sehr kulturelle Nation – das muss man so sagen.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich habe mitbekommen, dass hier relativ viele Leute eine Steinerschule besucht haben. Dort wird zum Beispiel Theatersprechen gepflegt. Ich vermute zudem, dass es der Wohlstand der Schweizer Jugend erlaubt, sich mit Kultur zu beschäftigen. Das muss man sich ja auch leisten können.

Ich vermute, dass es der Wohlstand der Schweizer Jugend erlaubt, sich mit Kultur zu beschäftigen.

Kommen Sie auch deshalb hierher? Weil die Jungen hier genug Geld haben, um die Ausbildung zu bezahlen?
Das würde ich nicht verneinen. Wir wissen alle, dass in der Schweiz das Geld eher da ist, als wenn wir zum Beispiel einen Orientierungskurs in Albanien machen würden. Wir sind ja eine private Schauspielschule. Das heisst, man muss die Ausbildung selbst bezahlen: 495 Euro pro Monat, und das über drei Jahre.

Warum kommen die Schweizer zu Ihnen an die Schule? Genügt das Angebot der Zürcher Hochschule der Künste nicht?
Ich glaube, das hat viel mit dem besonderen Angebot dieses Orientierungskurses zu tun. Normalerweise kommt man ja an eine Schauspielschule, indem man eine Aufnahmeprüfung macht – auch in Zürich. Man muss Monologe vorbereiten und spricht dann vor. Wir dagegen bringen den Leuten erst einmal verschiedene schauspielmethodische Ansätze bei. So können sie ich ein Bild von unserer Schule machen und davon, was eine professionelle Schauspielausbildung eigentlich ist. Hinterher können sie entscheiden, ob sie das interessant finden. Ob Schauspiel das ist, was sie sich darunter vorgestellt haben.

Bieten Sie sonst noch etwas an, was die Zürcher Hochschule nicht anbietet?
Ja, wir bieten neben dem Abschluss für Theater auch einen für Film an. Das machen nur sehr wenige Schulen. Der Arbeitsmarkt für Schauspieler hat sich in den letzten Jahren verändert. Früher ist man nach der Ausbildung erst mal ans Theater gegangen. Heute sagen viele junge Leute von Anfang an: Ich will zum Fernsehen und zum Kino, ich will gar nicht auf die Bühne. Dem muss man Rechnung tragen, denn das Spielen vor der Kamera ist handwerklich ein anderer Vorgang.

Das ist eine zynische Äusserung. Ich würde sagen: Man muss vor der Kamera sogar mehr können als auf der Bühne.

Böse Zungen behaupten, Filmschauspieler müssten nicht besonders viel können, sondern in erster Linie ein gutes Gesicht haben – den Rest mache man im Schnittraum.
Das ist schon eine sehr zynische Äusserung. Es ist doch so: Wenn man auf die Bühne geht, muss man alles ein bisschen grösser spielen als in der Realität. Von der zehnten Reihe an wirkt das nicht übertrieben, sondern gross genug, dass es bei mir ankommt. Vor der Kamera geht das nicht. Dort muss man viel Präzision haben, auch emotional. Ich würde daher sagen: Man muss vor der Kamera sogar mehr können. Man muss all das, was man erzählen will, pur und ungeschützt durch irgendwelche Vergrösserungen darstellen können.

Wenn Sie so um die hiesigen Talente buhlen, ist das eine Kampfansage an die Zürcher Hochschule?
Kampfansage schon deshalb nicht, weil unsere Schulen freundschaftlich verbunden sind. Ich war schon Gastdozent in Zürich und der Leiter der Schauspielabteilung der ZHDK bei uns. Es ist also keine feindschaftliche Konkurrenz. Aber klar: Ich freue mich über jedes tolle Schweizer Talent, das zu uns kommt.

Unsere Absolventen bekommen teilweise schon Angebote, während sie noch in der Ausbildung sind.

Welche Berufsaussichten haben die Absolventen nach dem Abschluss?
Gute. Wir sind bestens vernetzt. Unsere Absolventen bekommen teilweise schon Angebote, während sie noch in der Ausbildung sind.

Haben Sie Beispiele für Absolventen, die Erfolg haben?
Ja, Fritz Fenne aus dem Ensemble von Barbara Frey am Zürcher Schauspielhaus. Marie Bäumer, die in ganz Europa Filme dreht, David Schütter, der die Hauptrolle im neuen Kinofilm mit Til Schweiger spielt, und Patrick Abozen, den man aus dem «Tatort» kennt. Dann gibt es – auch das sag ich immer wieder gern – die Gewinnerin von «Deutschland sucht den Superstar», Beatrice Egli. Die hat bei uns an der Schauspielschule den Filmabschluss gemacht. Darauf sind wir sehr stolz. Ich bin aber auch stolz auf jeden Absolventen und jede Absolventin, die später in Solothurn oder Tübingen spielt.

Erstellt: 13.08.2015, 13:18 Uhr

Schauspieltalente gesucht

Die Schule für Schauspiel Hamburg veranstaltet ab dem 13. August in Zürich einen sogenannten Orientierungskurs. Es handelt sich um ein viertägiges Training in verschiedenen Techniken, das es den Teilnehmern erlaubt, ihr Talent zu erproben. Bei einer positiven Beurteilung kann der Kurs die Aufnahmeprüfung an die Schule ersetzen.

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