«Ohne Arbeitsintegration wäre ich auf der Gasse – oder tot»

IV und Sozialhilfe sind unter Druck: Sie sollen mehr Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren. Doch manchmal bedeutet Arbeitsintegration einfach, jemandem eine Struktur zu geben.

David Carsten findet als Graffiti-Entferner den Tritt im Leben wieder. Foto: Sabina Bobst

David Carsten findet als Graffiti-Entferner den Tritt im Leben wieder. Foto: Sabina Bobst

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Drogenkonsum lasse Menschen rasch altern, heisst es. Aber David Carsten (39) sieht in seiner Malerkleidung zehn Jahre jünger aus, als er ist. Er spricht mit fester Stimme, überlegt und voller Energie; nur hin und wieder fragt man sich, ob er nicht einfach wiedergibt, was er schon von etlichen Sozialarbeitern zu hören bekommen hat. Eigentlich heisst David Carsten anders. Aber er möchte seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung ­sehen – was er durchgemacht hat, soll nicht jeder wissen.

Dass Carsten an diesem Tag Tagesanzeiger.ch/Newsnet Einblick in sein Leben gibt, dass er überhaupt geregelte Tage hat, das liegt zu einem beträchtlichen Teil an der Arbeitsintegration Zürich. Carsten ist dort in der Graffiti-Entfernung tätig. Er putzt Schmierereien weg, entfernt Sticker von Laternenpfählen, streicht Wände neu. Seit mehr als zehn Jahren. Geplant war das nicht. «Als ich anfing, war ich sicher, ich würde in einem halben Jahr einen Job im ersten Arbeitsmarkt finden», sagt er. «Aber auf einen wie mich hat niemand gewartet. Wer stellt schon jemanden ein, in dessen Lebenslauf steht: 1993 bis 2005 Drogenabhängigkeit?»

Viele finden nie eine Stelle

Carsten ist keineswegs ein Einzelfall. Rund 1100 Männer und Frauen haben bei der Arbeitsintegration der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich eine Beschäftigung. Die meisten sind Sozialhilfebezüger, einige erhalten eine IV-Rente. Auch wenn Arbeitsintegration nach Integration in den Arbeitsmarkt klingt: Von den Sozialhilfebe­zügern finden nur etwa 200 im Jahr eine Stelle in der Wirtschaft. Im Schnitt ­bleiben die Menschen rund 17 Monate bei der Arbeitsintegration, bei einigen werden es, wie bei Carsten, Jahre.

Die Chancen, dass der Sohn eines Russen und einer Holländerin je eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt findet, sind gering. Einen Beruf hat er nie ­gelernt. «Ab 16 bin ich nur noch herumgehängt», sagt er. Schon während der Sekundarschule beginnt David, Heroin zu konsumieren. Sehr schnell ist er abhängig. Erst raucht er den Stoff, später spritzt er ihn. Bald verkehrt er in der ­offenen Drogenszene am Letten. Immer wieder wird er aufgegriffen, es folgen Heimaufenthalte, Entzüge, Psychiatrie. David zeigt sich renitent und resistent gegen alle Entzugsversuche.

Mit 21 scheint er die Kurve zu kriegen, ausgerechnet bei der damals umstrittenen Organisation Le Patriarche, bei der Ex-Junkies die Drogenabhängigen auf den richtigen Weg bringen sollen. Zwei Jahre lebt Carsten bei Le Patriarche, ist clean, dann kehrt er heim. Doch seine Versuche, eine Stelle zu finden, scheitern, niemand will den jungen Mann. Es kommt, wie es kommen muss: Carsten landet erneut auf der Gasse.

Aber da sind nicht nur die Drogenkarriere und die fehlende Ausbildung, die den Einstieg in den freien Arbeitsmarkt erschweren. Carsten hat auch Einträge im Strafregister: Raub, Körperverletzung, Drogenhandel. Und dann sind da die Spuren, welche die Drogen hinterlassen haben. Carsten hat nicht nur Heroin gespritzt, sondern auch Pillen und Pilze geschluckt, Leim geschnüffelt, Alkohol getrunken.

Heute ist er stark angeschlagen. Und hat doch kein Anrecht auf eine IV. «Dafür muss man halb tot sein», sagt er sarkastisch. Seine Leiden reichen, um nicht vermittelbar zu sein, aber sie reichen nicht für eine Rente. Carsten leidet seit der Kindheit unter starker Migräne. Vor ein paar Jahren hat er eine Hepatitis-C-Infektion überstanden, er ist überdies HIV-positiv und muss seit einigen Monaten regelmässig Medikamente nehmen. Dazu kommen eine leichte Demenz und ein chronisches Erschöpfungssyndrom.

Menschen wie der 39-Jährige könnten durchaus arbeiten. «Aber es gibt immer weniger Stellen für Personen, die nicht voll leistungsfähig sind», sagt Kaspar Hauser, Leiter der Arbeitsintegration Zürich. Diesen wenigen Stellen steht eine wachsende Zahl von Menschen wie Carsten gegenüber. Die Konkurrenz um die wenigen Nischenarbeitsplätze in der freien Wirtschaft ist gross.

Was bringt Menschen eine Beschäftigung bei der Arbeitsintegration, wenn sie am Ende doch nicht vermittlungs­fähig sind? Für Carsten ist die Antwort klar: «Ohne die Arbeitsintegration wäre ich auf der Strasse und würde weiter Mist bauen. Oder ich wäre tot.» Es war nicht nur die Einsicht in die eigene Lage, die ihm 2005 geholfen hat, mit den Drogen Schluss zu machen – es war auch die Aussicht auf eine Wohnung, Sozialhilfe und vor allem: eine Chance, sich zu beweisen. Das sei das Wichtigste. «Natürlich war es auch ein Argument, dass ich bei der Arbeitsintegration mehr verdiene als allein mit Sozialhilfe», sagt er, «aber wichtiger sind die kleinen Erfolge. Dass ich meine Arbeit selbstständig erledige, der Chef zufrieden ist. Dass ich kein Sozialschmarotzer bin, sondern Zürich etwas zurückgebe. Wie dreckig wäre diese Stadt denn ohne uns?»

Wichtig ist soziale Integration

Die meisten in der Arbeitsintegration Beschäftigten würden Carsten zustimmen. Das zeigt eine Umfrage der Sozialen Einrichtungen und Betriebe vom letzten Jahr. Fast die Hälfte der Befragten gab an, ihre Situation habe sich insgesamt verbessert (siehe Grafik). Am positivsten beurteilen die Befragten den Einfluss der Arbeitsintegration auf die beruflichen Fähigkeiten und das Selbstvertrauen. «Das ist ein grosser Erfolg», sagt Hauser, «das zeigt, dass die Arbeitsintegration die Symptome der Langzeitarbeitslosigkeit abfedern kann.»

Allerdings zeigt die Umfrage auch: Nur ein Drittel der Beschäftigten findet, dass sich ihre Chancen auf dem freien Arbeitsmarkt verbessert hätten, ein weiteres Drittel hat keine Veränderungen bemerkt – und ein ganzes Drittel gibt an, die Chancen seien schlechter geworden. Heisst das nicht, dass das Programm seine Wirkung verfehlt? Hauser verneint: «Die Antworten könnten auch ein Hinweis darauf sein, dass die Menschen ihre Lage realistischer einschätzen, wenn sie eine Zeit lang bei uns sind.»

Vor allem aber sei die Integration in den ersten Arbeitsmarkt bei vielen Beschäftigten weder realistisch noch das Hauptziel. Es gehe vor allem darum, die Menschen zu stabilisieren, was Folgeschäden und damit auch Kosten verhindere. Und noch etwas gehe gern vergessen: Die Arbeitsintegration verkaufe ihre Dienstleistungen und Produkte, nehme damit etwa zehn Millionen Franken pro Jahr ein und decke so fast die Hälfte der Kosten. Dennoch ist für Hauser klar: «Die bei uns Beschäftigten hätten lieber eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt.» Auch Carsten würde eine «normale» Arbeitsstelle sofort nehmen: «Niemand», sagt Carsten, «will ein Leben lang vom Staat abhängig sein.»

Erstellt: 28.03.2016, 23:15 Uhr

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Arbeitsintegration

200 finden pro Jahr eine Stelle

In der Stadt Zürich erhalten rund 9000 Menschen Sozialhilfe. Grundsätzlich sind sie zu einer Gegenleistung verpflichtet, sofern sie arbeitsfähig sind. Bei vielen ist das aber nicht der Fall, vor allem aus gesundheitlichen Gründen.

Wer sich neu für die Sozialhilfe anmeldet und als arbeitsfähig eingestuft wird, durchläuft in Zürich zuerst eine einmonatige Basisbeschäftigung. Dort wird abgeklärt, welches Programm für den Bezüger geeignet ist. Nicht nur Zürich, auch viel andere Gemeinden bieten entweder eigene Arbeitsprogramme an, oder sie kaufen solche Dienstleistungen bei privaten Anbietern ein.

Wer in der Basisbeschäftigung in Zürich als vermittlungsfähig eingestuft wird, wird gezielt bei der Stellensuche unterstützt. Wer arbeiten kann, aber auf dem freien Markt (noch) chancenlos ist, beginnt im Teillohnprogramm und erhält bei einem vollen Pensum einen Lohn von maximal 2000 Franken, der durch die Sozialhilfe ergänzt wird.

Teillohn-Beschäftigte arbeiten in Zürich unter anderem in der Schreinerei, wo sie vor allem Särge herstellen, in der Graffiti-Entfernung, im Recycling, der Wäscherei, der Velowerkstatt und in Gastrobetrieben. Voraussetzung ist eine gewisse Zuverlässigkeit. Neben den Teillohn-Arbeitsplätzen gibt es auch Plätze in der gemeinnützigen Arbeit, für die es keinen Lohn, sondern eine Integrationszulage von maximal 300 Franken gibt.

Mindestens einmal im Jahr wird jeder Beschäftigte zum Standortgespräch aufgeboten. Unter anderem wird dort abgeklärt, ob die betroffene Person Chancen auf eine berufliche Integration hat. Die Arbeitsintegration weist eine hohe Fluktuation auf, obwohl etliche Beschäftigte Jahre bleiben: Im Schnitt beziehen etwa 830 Erwachsene Leistungen der Arbeitsintegration, davon treten jedes Jahr rund 600 aus. Nur etwa 200 von ihnen finden eine neue Stelle im Arbeitsmarkt. Die restlichen erfüllen die Anforderungen nicht oder nicht mehr, ziehen weg oder erschliessen sich eine andere Geldquelle, etwa eine IV-Rente. (leu)

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