Ohne Personenschutz geht sie nirgends mehr hin

Die Muslimin Seyran Ates provoziert heftige Reaktionen mit ihren Ideen eines Reformislams – auch für Zürich wünscht sie sich was.

Kämpferin gegen sexualisierten Islam: Die Berlinerin Seyran Ates.

Kämpferin gegen sexualisierten Islam: Die Berlinerin Seyran Ates. Bild: Reto Oeschger

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Seit Seyran Ates im Juni eine liberale Moschee in Berlin gegründet hat, ist die 54-Jährige zu einer Galionsfigur des Reformislam geworden. Und zur Zielscheibe von Hassmails, Drohungen und Unterstellungen. Stets wird sie von Personenschützern begleitet, ob beim Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet im Hotel oder am Gesprächsabend im Zürcher Akademikerhaus der Jesuiten.

Was die Glaubenswächter gegen Ates aufbringt: In ihrer Moschee in Moabit beten Männer und Frauen im gleichen Raum, ja ein Imam und eine Imamin sprechen das Freitagsgebet gemeinsam. Für die ägyptische Fatwa-Behörde ist das «Extremismus» und ein «Angriff auf die Religion». Für die Religionsbehörde Diyanet, die für religiöse Angelegenheiten zuständig und dem türkischen Innenministerium unterstellt ist, missachtet, untergräbt und zerstört die Reform-Moschee «die Grundsätze unserer erhabenen Religion». Der Islam verbiete den Körperkontakt zwischen Männern und Frauen während des Gebets.

Gegen türkischen Staatsislam

Konservative Kreise nehmen es ihr gar nicht ab, dass sie es ernst meint mit ihrer Moschee. Die türkischstämmige Frauenrechtlerin lässt sich zur Imamin ausbilden, lernt Arabisch und studiert neuerdings an der Freien Universität Berlin Islamwissenschaften. Trotzdem bleibt sie für Kritiker, je nachdem, eine Abtrünnige, eine Alevitin, eine PKK- oder Gülen-Anhängerin. Gerade hat die linke Presse geschrieben, ihre Initiative «Stop Extremism» werde aus Saudiarabien massiv finanziell alimentiert. Auch beim Anlass in Zürich muss sich Ates Unterstellungen von muslimischen Studenten gefallen lassen: Es gehe ihr und ihrer Moschee gar nicht um Frömmigkeit, argwöhnt ein junger Mann. Und eine Frau mit Kopftuch fühlt sich beleidigt, dass Ates so dezidiert Nein sagt zur Verhüllung und Ja zum Burka-Verbot.

Video: Eröffnung der liberalen Moschee in Berlin

Das Besondere an dem neuen Gebetshaus ist, dass Männer und Frauen hier in einem Raum beten können. Video: Reuters

Die Verhüllung der Frau ist für Ates Ausdruck der übersexualisierten Geschlechterbeziehung. Und dies sei just das Hauptproblem des Islam. «Ohne Geschlechtergerechtigkeit auch keine Demokratie», ist sie überzeugt. «Wenn es den muslimischen Gesellschaften von Marokko bis Indonesien nicht gelingt, die Geschlechterfrage zu lösen, wird es kein einziges demokratisches muslimisches Land geben.» In all diesen Gesellschaften sei das Patriarchat dermassen dominant – und darüber hinaus religiös begründet – dass Gleichberechtigung und Demokratie chancenlos seien.

In drei Fällen vertritt die Anwältin das Land Berlin in einem arbeitsrechtlichen Prozess: Sie soll die Klage einer kopftuchtragenden Lehrerin abwehren. Getragen von Linken und Grünen, gebe es eine richtige politische Gegenbewegung: Diese versuche, das Neutralitätsgesetz abzuschaffen, wonach religiöse Symbole im öffentlichen Raum nichts zu suchen haben. «Dass das Kopftuch jetzt für Linke plötzlich zum Symbol der Gleichberechtigung wird – absurder gehts gar nicht.» Was sie am meisten enttäuscht: «Viele der vermeintlich toleranten Grünen und Linken fallen uns mit bösen Diffamierungen in den Rücken.» Oftmals zusammen mit den reaktionären Muslim-Verbänden, welche den politischen Islam verträten und teils finanzierten: «Linke kritisieren mich und sagen, ich stünde der AfD nahe, selber aber legen sie sich mit den reaktionär-nationalistischen islamistischen Bewegungen ins Bett.»

Seyran Ates bei der Eröffnung der liberalen Moschee in Berlin. Bild: Keystone

Ihr Moschee-Projekt ist denn auch ein klares politisches Signal gegen den in Deutschland dominierenden türkischen Staatsislam, verkörpert durch die Verbände, vor allem durch die Religionsbehörde Diyanet und deren deutschen Ableger Ditib. Diese werfen ihr und ihren Mitstreiterinnen vor, Anhänger von Fetullah Gülen zu sein. Ates gehört eindeutig nicht zur Bewegung, dialogisiert aber mit dieser. Zumal deren Moscheen nie je Extremisten und Jihadisten hervorgebracht hätten und anders als die PKK nicht bewaffnet seien. Demgegenüber seien aus den von der türkischen Religionsbehörde Diyanet finanzierten Moscheen Hassprediger und Terroristen hervorgegangen. Ates fordert vom Staat, sich vollständig von den türkischen Verbänden zu distanzieren. Auch mit Blick auf die Schweiz sagt sie: «Diyanet kann für Europa kein Gesprächspartner sein, so wenig wie dies die aktuelle Türkei für Europa sein kann.»

Prominente Unterstützung

Ihre Moschee, benannt nach dem muslimischen Aufklärer Ibn Rushd im 12. Jahrhundert, soll ein Modellprojekt für Europa werden und der Geschlechterapartheid der Muslimverbände etwas entgegenhalten. Um dieses Modell zu propagieren, tourt Ates gegenwärtig durch die Schweiz. Sie habe ganz bewusst die Schweizer Aktivistinnen Saida Keller-Messahli und Elham Manea zu Mitgesellschafterinnen ihrer Moschee gemacht. «Mein Anliegen ist es, dass meine Netzwerkpartnerinnen in Zürich eine weitere Ibn Rushd-Moschee errichten, ja dass in jeder grossen europäischen Stadt eine liberale Moschee zu stehen kommt.» Nur logisch, dass Ates auch hiesige liberale Moschee-Projekte unterstützt. Etwa jenes des türkischstämmigen Schweizers Kerem Adigüzel in der Region Zürich. Oder die «Offene Moschee Schweiz», mit der die Basler Gymnasiallehrerin ägyptischer Herkunft, Jasmin El-Sonbati, hierzulande einen genderoffenen, sakralen Raum für Muslime schaffen will.

Trotz Dauerbeschuss und Personenschutz sieht sich die Menschenrechtsanwältin nicht in der Opferrolle: «Ich bin dem deutschen Staat sehr dankbar, dass er meine Religions- und Meinungsfreiheit schützt.» Ates weiss Angela Merkel hinter sich oder Michael Müller, den regierenden Bürgermeister von Berlin. Selbst prominente Linke wie Sarah Wagenknecht oder Renate Künast besuchen die Moschee – die übrigens jüngst den Hauptstadtintegrationspreis erhalten hat. Die 100 Quadratmeter-Moschee im 3. Stock eines Kirchengebäudes hat eine Gemeinde von 50 bis 60 Menschen. «Auf der ganzen Welt aber», sagt Ates, «sind wir Millionen.»

Erstellt: 17.11.2017, 15:12 Uhr

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