Hallenwohnen an der Langstrasse

Im Kreis 5 ist ein aussergewöhnlicher Wohn- und Gewerbebau geplant. Im jüngsten Projekt der Genossenschaft Kalkbreite wird es eine neue Wohnform geben.

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Die Masse der Projekte, die für den geplanten Wohn- und Gewerbebau Zollhaus eingereicht wurden, ist gewaltig. Über 100 Vorschläge sind derzeit im Ausstellungsraum des Amts für Hochbauten im Untergeschoss des Hallenbads Oerlikon zu sehen. Sie tragen Namen wie «Gleis Cheib», «True Love», «Hotel Babylon» oder «Strawberry Fields Forever». Gewonnen hat den einstufigen Architekturwettbewerb, der im offenen Verfahren durchgeführt wurde, das Projekt «Esperanto» des Zürcher Architekturbüros Enzmann Fischer Partner.

Forum fürs Quartier

Das Grundstück, auf dem das Zollhaus entstehen wird, befindet sich an zentraler Lage im Kreis 5. Die SBB-Brache liegt eingebettet zwischen Geleisen und Zollstrasse bei der Unterführung Langstrasse. Im heute präsentierten Siegerprojekt stehen die vorgegebenen drei Gebäudeteile auf einem gemeinsamen Sockelgeschoss mit einer durchgehenden Terrasse zum Gleisfeld.

Dreh- und Angelpunkt der Häusergruppe ist das sogenannte Forum an der Ecke Lang-/Zollstrasse. Der gedeckte Raum erstreckt sich über drei Stockwerke. In den oberen Etagen sind Büros und Arbeitsräume sowie eine neue Pension vorgesehen, im Erdgeschoss sehen die Architekten Gastronomiebetriebe und variabel unterteilbare Veranstaltungsräume vor. Das offene Foyer ist somit sowohl Empfangsbereich als auch Aufenthaltsraum fürs Quartier.

Eine zweite, kleinere Eingangshalle dient als Zugang zu den sogenannten Molekularwohnungen in den beiden Hauptgebäuden. Das dritte Haus wird aufgrund seiner Proportionen und der exponierten Lage – es bildet den Abschluss der Siedlung im Bereich der Ackerstrasse – hauptsächlich als Arbeitsbereich genutzt.

Hallenwohnen am Gleisfeld

Aussergewöhnlich sind die neuen Hallenwohnungen, die sich oberhalb des Forums befinden. Die rund 200 Quadratmeter grossen, überhöhten Räume können durch die Bewohner frei bespielt werden. Ob hierzu Raumprototypen bereitgestellt werden, die man in die Hallen hineinsetzen kann, oder ob zur Strukturierung wie in den Modulwohnungen Leichtbauelemente genutzt werden können, ist noch offen. Selbst die Anzahl Personen, die dereinst die Hallenwohnungen beziehen können, ist noch nicht festgelegt. Die Architekten gehen von 8 bis maximal 14 Personen pro Einheit aus.

Hinter dem Projekt Zollhaus steht die Genossenschaft Kalkbreite, die erst im vergangenen Sommer ihre viel beachtete Wohn- und Gewerbesiedlung an der Kalkbreitestrasse eröffnete. Im Januar 2014 kaufte sie das rund 5000 Quadratmeter grosse Areal an der Zollstrasse von den SBB. Bis 2020 soll dort die neue Überbauung mit rund 9000 Quadratmetern Nutzungsfläche nach den Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft entstehen – so sieht es der private Gestaltungsplan vor, den die SBB für die gesamte Zollstrasse erarbeitet haben und der auch die Rahmenbedingungen für das Zollhaus definiert.

Nutzung steht noch nicht fest

Die Genossenschaft rechnet mit Erstellungskosten von 44 Millionen Franken. Rund 170 Personen werden gemäss heutiger Planung dereinst in den drei Häusern leben können. Der Wohnanteil liegt bei 60 Prozent, 40 Prozent des Volumens sollen als Gewerbe- und Gastronomiefläche genutzt werden. Auch ein Kindergarten und eine Kindertagesstätte sind im neuen Zollhaus vorgesehen.

Eine fünfköpfige Nutzungskommission entwickelt derzeit Vorschläge, wie das Wohnen in den frei bespielbaren Räumen aussehen könnte und welche Vorgaben Sinn machen. Auch steht noch nicht fest, wer in die Gewerbe-, Gastro- und Büroräume einziehen wird. «Wir stehen ganz am Anfang des Prozesses», sagt Sabine Wolf, Mediensprecherin der Genossenschaft Kalkbreite. «Zuerst mussten wir wissen, wie die Architektur aussehen würde, bevor wir unsere Ideen konkretisieren konnten.» In einem Jahr sollen gemäss Wolf die Ergebnisse der Kommission vorliegen.

«Wir wollten ein neues Stück Stadt schaffen»

Jury-Präsidentin Ursula Müller vom Amt für Hochbauten, das den Architekturwettbewerb im Auftrag der Genossenschaft Kalkbreite durchgeführt hat, ist schon jetzt davon überzeugt, dass das neue Zollhaus eine optimale Vernetzung mit dem Quartier ermöglichen wird. So könne das Forum sowohl als Kulturraum als auch als Treffpunkt genutzt werden. Allein mit dem grosszügigen Treppenaufgang zur Siedlung werde die angrenzende Langstrasse gut eingebunden. «Der Unort gleich bei der Unterführung der Gleise wird so zu einem Platz, wo man zusammenkommen und verweilen will.»

In die Beurteilung der Projekte sind auch die Ergebnisse von Workshops eingeflossen, an denen rund 50 Genossenschafter und Quartierbewohner teilgenommen haben. Während eines Jahres kamen sie monatlich zu einer Sitzung zusammen, um ihre Ansprüche an den geplanten Bau auszuarbeiten. «Wir wollten ein neues Stück Stadt schaffen. Ein Leuchtturmprojekt des nachhaltigen Städtebaus», fasst Jonathan Kischkel vom Genossenschaftsvorstand zusammen.

Herausgekommen ist ein 70-seitiges Wettbewerbsprogramm. Sogar Kischkel muss zugeben, dass die Anforderungen eine Herausforderung für die Architekten waren und viel Platz für Interpretationen offenliessen. So kommen beispielsweise gängige Begriffe wie «3,5-Zimmer-Wohnung» im Programm nicht vor. «Wir waren gespannt, ob es die Profis schaffen, unsere Ideen in Architektur zu giessen und daraus eine Gesamtheit und kein Konglomerat entwickeln», sagt Kischkel. Enzmann Fischer sei dies mit Esperanto gelungen.

Ausstellungen: Sämtliche Projekte für das Zollhaus sind vom Mittwoch, 24. Juni, bis Sonntag, 5. Juli 2015, im städtischen Ausstellungsraum, Untergeschoss Hallenbad Oerlikon, Wallisellenstrasse 100, 8050 Zürich, ausgestellt. Öffnungszeiten: Von Montag bis Freitag 16 bis 20 Uhr, am Wochenende von 14 bis 18 Uhr. Von Mittwoch, 1., bis Sonntag, 5. Juli 2015, präsentiert die Genossenschaft Kalkbreite die rangierten Projekte in einer Open-Air-Ausstellung im Kreis 5 (Temporärer Garten Zollstrasse, Ecke Lang-/Zollstrasse).

Erstellt: 23.06.2015, 13:48 Uhr

Neubau neben den Gleisen

Ausstellung der Projekte

Sämtliche Projekte für das Zollhaus sind vom Mittwoch, 24. Juni, bis Sonntag, 5. Juli 2015, im städtischen Ausstellungsraum, Untergeschoss Hallenbad Oerlikon, Wallisellenstrasse 100, 8050 Zürich, ausgestellt. Öffnungszeiten: Von Montag bis Freitag 16 bis 20 Uhr, am Wochenende von 14 bis 18 Uhr. Von Mittwoch, 1., bis Sonntag, 5. Juli 2015, präsentiert die Genossenschaft Kalkbreite die rangierten Projekte in einer Open-Air-Ausstellung im Kreis 5 (Temporärer Garten Zollstrasse, Ecke Lang-/Zollstrasse).

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