Informatik statt Handsgi

Bildungsdirektorin Silvia Steiner präsentiert die Zürcher Version für den Lehrplan 21. Es gibt neue Fächer und Änderungen bei den Fremdsprachen.

Die Stundenzahl für Handarbeitsunterricht soll nicht mehr gesetzlich festgelegt sein, wenn es nach Silvia Steiner geht. Flirt, F1online

Die Stundenzahl für Handarbeitsunterricht soll nicht mehr gesetzlich festgelegt sein, wenn es nach Silvia Steiner geht. Flirt, F1online

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Noch vor kurzem herrschte dicke Luft in der Lehrplan-Arbeitsgruppe von Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP). Unter Protest hatte sich der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband ZLV zurückgezogen, weil er sich nicht ernst genommen fühlte. Der Streit war offensichtlich nicht gravierend, denn gestern präsentierte Steiner die Zürcher Version des Lehrplans 21, und mit am Tisch sass auch ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch. Sie betonte, man habe interne Differenzen beigelegt, und der ZLV stehe wieder hinter dem Lehrplan-Entwurf.

Silvia Steiner sprach stolz vom wichtigsten Projekt, mit dem die Schulen in der Deutschschweiz harmonisiert würden. Dass die Lehrerschaft praktisch geschlossen hinter dem Zürcher Entwurf stehe, sei ein Signal an jene, die den Lehrplan 21 bekämpften und sich eine Schule wie zu Gotthelfs Zeiten wünschten. «Nichts gegen Gotthelf, aber wir brauchen eine Schule, die mit der Zeit geht», sagte Steiner.

Handarbeit abbauen

Am meisten gespannt war man auf die neue Lektionentafel und wie Steiner die neuen Fächer «Medien und Informatik», «Wirtschaft, Arbeit und Haushalt» und «Berufliche Orientierung» im Stundenplan unterbringen will. Nun ist klar: Sie nimmt nach Regine Aeppli (SP) einen zweiten Anlauf, um die Handarbeit ­zurückzustufen, speziell in den oberen Klassen. Dies wird zu einer Knacknuss, denn Handarbeit ist das einzige Fach, bei dem die Stundenzahl gesetzlich festgeschrieben ist. Zusätzlich wird im Paragraf 21 des Volksschulgesetzes verlangt, dass die Handsgi im Halbklassenunterricht erteilt werden muss. Beides will Steiner ändern. Es sei systemfremd, Stundenzahlen gesetzlich festzulegen. Sie will dem Kantonsrat beantragen, den Paragrafen 21 zu streichen. Somit könnten die Gemeinden künftig selber entscheiden, welche Fächer sie in Halb­klassen unterrichten wollen.

Allerdings ist im Lehrplan insgesamt weniger Halbklassenunterricht vorge­sehen. Diesen Abbau schlägt Steiner vor, um die neuen Fächer mehr oder weniger kostenneutral einführen zu können. «Medien und Informatik» wird künftig ab der 5. Klasse mit je einer Lektion pro Woche im Stundenplan berücksichtigt – Ausnahme ist die 2. Sekundarklasse, in der stattdessen eine Lektion «Berufliche Orientierung» geboten wird.

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Änderungen sind auch beim Sprachun­terricht vorgesehen. Dort wird der Eng­lischunterricht nicht mehr in der 2., sondern erst in der 3. Klasse einsetzen. Doch dann mit einer zusätzlichen Lektion. Auch im Französisch reagiert Silvia Steiner auf die Kritik, man unterrichte die Fremdsprachen zu wenig intensiv. Deshalb sind in Französisch in der 5. und 6. Klasse neu drei Lektionen geplant – eine mehr als bisher. Dafür wird der Französischunterricht in der Sekundarschule eine Lektion zurückgefahren.

Weil in der 2. Klasse Englisch wegfällt, wird eine zusätzliche Deutschstunde eingeschoben. Auch hier wird auf das Argument der Fremdsprachengegner reagiert, die Kinder müssten erst richtig Deutsch lernen, bevor sie mit Fremdsprachen beginnen. Steiner pries die Stundentafel als ausgewogen. Sämtliche Bereiche würden gleichwertig berücksichtigt. So werden dem Musischen, den Sprachen und den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern je etwa ein Drittel der gesamten Unterrichtszeit zugesprochen.

Weniger Lektionen gefordert

Die Lehrerverbände stehen dem Entwurf positiv gegenüber. Allerdings verlangen sie Nachbesserung. So wollen sie nicht, dass beim Halbklassenunterricht gekürzt wird. Zudem fordern sie eine Beschränkung der Unterrichtszeit in der 5. und 6. Klasse auf 30 Lektionen pro Woche, im Entwurf sind es noch 31. In der Sekundarschule sollen es höchstens 34 Lektionen sein, derzeit sind maximal 36 vorgesehen. Positiv beurteilen den neuen Lehrplan die Schulleiter: «Wir freuen uns auf unsere Schlüsselrolle bei der Umsetzung», sagte Verbandspräsidentin Sarah Knüsel. Kritik kommt vom Verband des Personals öffentlicher Dienste. Die Gewerkschaft will einen Marschhalt und hat eine Einzelinitiative für ein Lehrplan-­Moratorium eingereicht. Es soll so lange ­gelten, bis Klarheit über Ausbildung und Finanzierung herrsche.

Volk soll entscheiden

Irritiert reagierte das Komitee, das mit einer Initiative gegen den Lehrplan kämpft. Es sei unverständlich, dass man nicht auf den Volksentscheid warte. Die Rede ist von «vorauseilendem Gehorsam» und «wenig Kostenbewusstsein». Steiner plant, mit der Einführung des neuen Lehrplans im Sommer 2018 zu beginnen. Im Herbst 2016 wird der Entwurf überarbeitet, und dann wird der Bildungsrat mit Silvia Steiner an der Spitze im Frühling 2017 über die Einführung entscheiden. Parallel dazu wird der Kantonsrat über die Volksinitiative «Lehrplan vors Volk» befinden. Bis zu einer Volksabstimmung dürfte noch über ein Jahr verstreichen. Wird die Initiative angenommen, müsste der Lehrplan dem Volk vorgelegt werden.

Erstellt: 15.04.2016, 22:36 Uhr

Nur eine Fremdsprache

Genügend Unterschriften

Die Volksinitiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule» ist zustande gekommen. Die Direktion der Justiz und des Innern bestätigte gestern, dass das Volksbegehren von mehr 6000 gültigen Unterschriften unterzeichnet ist. Hinter der Volksinitiative stehen Lehrpersonen und konservative Politiker. Sie sind der Meinung, dass ein Grossteil der Primarschüler mit dem Lernen einer zweiten Fremdsprache über­fordert ist. Aufwand und Ertrag würden nicht stimmen. Eine fast identische Volksinitiative wurde vor ungefähr 10 Jahren vom Zürcher Volk mit einer 58-Prozent-Mehrheit bereits einmal abgelehnt. (sch)

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