Leben in der Vergangenheit

Der Bund hat fast ganz Zürich zur schutzwürdigen Zone erklärt. Nimmt man das ernst, kann die Stadt ihre Herausforderungen nicht mehr meistern.

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Als ob Zürich Venedig wäre, ein Gesamtkunstwerk aus Stein, geschaffen für die Ewigkeit. So liest sich der neue Ortsbildschutz des Bundes (Isos), der die ganze Stadt ausser ein paar Neubaugebieten für erhaltenswert erklärt.

Als bewahrenswürdig gelten unter anderem fast alle Reihenhaus- und Genossenschaftssiedlungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dass es sich dabei oft um architektonische Massenware handelt, zählt wenig. Nicht die Qualität der einzelnen Gebäude spricht laut den Isos-Experten für deren Erhalt. Es liegt am Ortsbild, das sie gemeinsam formen.

In einer gewachsenen Stadt wie Zürich erzeugt der Denkmalschutz zuverlässig Uneinigkeit: Häuser, welche die einen als Schandfleck ansehen, verbinden die anderen mit schönsten Kindheitserinnerungen. Selbst Experten sind sich nicht immer einig, wo man abbrechen darf.

Immerhin besteht vage Eintracht darüber, was gar nicht geht. Zerstörungs- und Neuanfangsfantasien, wie sie die architektonische Moderne pflegte (indem sie etwa vom Abriss des Niederdorfs träumte), verteidigt heute niemand mehr. Gleichzeitig gibt es kaum jemanden, der alles bewahren will. Der Konsens in Zürich lautet: Es braucht Entwicklung, aber eine, die auf das Bestehende Rücksicht nimmt.

Die neue Isos-Kategorisierung rüttelt an diesem Konsens. Sie zielt in Richtung breiter Erhaltung. Würde man sie genau umsetzen, verwandelte sie Zürich in ein Venedig light.

In Dörfern nötig, in der Stadt nicht

Nicht nur, dass eine solche Rundumschutzwürdigkeit kaum zutrifft. (Warum gibt es so wenige Architekturtouristen in Leimbach?) Die Forderung steht auch politisch quer. Zürich wird laut Prognosen in den nächsten 15 Jahren um bis zu 100'000 Einwohner wachsen. Einzonungen von unbebautem Land sind kaum mehr vorgesehen. Übrig bleibt die «Verdichtung gegen innen». Doch diese funktioniert nicht, wenn plötzlich die dazu geeigneten, lockeren Quartiere als Sperrzone eingestuft werden.

Selbst Heimatschützer sagen, dass Zürich die Isos-Richtlinien nicht wirklich brauche. Die Stadt betreibt eine eigene Denkmalpflege, die alle heiklen Unterfangen begleitet. Dazu kommt der private Heimatschutz, der in Zürich besonders aufmerksam hinsieht. Bauherren wagen es erst gar nicht, gewisse wertvolle Gebäude anzufassen. Sie fürchten lange Gerichtsverfahren oder den juristischen Untergang ihres Vorhabens. In Zürich hat niemand genug Macht, um Häuserzeilen ungefragt niederzureissen.

Anders läuft das in Dörfern, die keine eigenen Experten anstellen. Dort haben Investoren in den letzten Jahrzehnten oft halbe Dorfkerne durch Neubauten ersetzt. Dort helfen die Isos-Empfehlungen, einen Resten Tradition zu retten.

Grossprojekten auf bebautem Gebiet gehen in Zürich lange Verhandlungen voraus. So geschehen am Friesenberg in Wiedikon: Beim kommenden Quartierumbau lässt die Familienheim-Genossenschaft mehrere Siedlungen stehen. Diese erzählen weiterhin davon, wie man sich von den 30er- bis in die 60er-Jahre ideales städtisches Wohnen vorstellte (viel Grün, viel Licht). Ein Teil der alten Siedlungen muss höheren, enger stehenden Häusern weichen.

Dadurch entstehen 500 bis 700 zusätzliche gemeinnützige Wohnungen. Eine solche Steigerung entspricht einer Forderung der Stimmbevölkerung. Bei strenger Beachtung der Isos-Kriterien liesse sich aus dem Friesenberg jedoch nur noch wenig herausholen. Bezahlbares Land für Neubauten fände die Familienheim-Genossenschaft kaum. Die dringend benötigten günstigen Wohnungen blieben aus. Häuser würden geschützt, die Mieter nicht.

Wie sich die neuen Isos-Richtlinien auswirken, ist noch nicht ganz klar. Sicher geben sie Menschen, die Neues verhindern wollen (aus welchen Gründen auch immer), ein weiteres Instrument in die Hand. Das führt auch zu einer Entdemokratisierung des Städtebaus. Die Denkmalschutz-Empfehlungen haben Fachleute ausgearbeitet. Die Wünsche der Zürcher spielten dabei keine Rolle: ob sie in vergangenen Wohnidealen leben wollen oder in einer Stadt, die sich den Ansprüchen der Gegenwart anpasst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2016, 20:22 Uhr

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