Mister Opposition

Mauro Tuena war zeitlebens Regierungskritiker im linken Zürich. Seit kurzem sitzt er im Nationalrat – und kehrt nun als Präsident der städtischen SVP wieder zurück. Warum?

Wurde am Dienstagabend zum neuen Präsidenten der Stadtzürcher SVP gewählt: Mauro Tuena. Foto: Daniel Kellenberger

Wurde am Dienstagabend zum neuen Präsidenten der Stadtzürcher SVP gewählt: Mauro Tuena. Foto: Daniel Kellenberger

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Mauro Tuena gegen Urs Fehr – das Duell ums Präsidium der Stadtzürcher SVP war am Dienstagabend eine einseitige Angelegenheit: Tuena trat als Favorit an, er setzte sich mit 76 von 105 gültigen Stimmen durch. Es ist ein Triumph, wie er ihm auf einem wichtigeren Feld bisher nicht einmal an­nähernd vergönnt war: beim Versuch, für seine ­Partei endlich wieder einen Sitz im Zürcher Stadthaus zu erobern.

Obwohl Tuena schon lang dabei ist, hat er es als Politiker nicht erlebt, dass ein SVP-Vertreter im Stadtrat sitzt. 1991 ist er der Jungen SVP beigetreten, ein Jahr zuvor hatte Kurt Egloff seinen Sessel im Schuldepartement geräumt. Einen Nachfolger aus seiner Partei hat Egloff bis heute nicht erhalten. Auch Tuena hat es versucht. Doch er scheiterte zweimal. 2008, nachdem Monika Stocker zurückgetreten war, aber Ruth Genner die Wahl klar gewann. Und in der Gesamterneuerungswahl 2010, als Tuena 13'000 Stimmen hinter dem Grünen Daniel Leupi landete.

Zürcher Stadtrat wäre Tuenas Traumposten. Auch wenn er am Abend des 18. Oktobers sagte, er zittere vor Freude. Da war er unverhofft und mit nur 20 Stimmen Reserve in den ­Nationalrat gewählt worden, einer noch glamouröseren Institution als die Stadtregierung. Der Nachteil: Die Wahl nach Bern hat Tuena aus Zürich abgezogen. Und eine Zürcher Politszene ohne Tuena ist unvorstellbar.

Viele Vorstösse, magere Bilanz

Der 44-Jährige war in den letzten Jahren omnipräsent und gehörte gewissermassen zum Stadtbild. Für Bürger und Journalisten fast immer ansprechbar, lebte er Politik. Er war Mister SVP, Mister Opposition – mehr noch als der abtretende Stadt­partei­präsident Roger Liebi. Tuena war auch der berechenbarste Politiker Zürichs, im Sinne von gradlinig und ehrlich. Berechenbar auch, weil wenig facettenreich. Tuena hat von 1998 bis 2015 nicht weniger als 228 Vorstösse im Parlament eingereicht, oft zu seinen Lieblingsthemen Sozialhilfemissbrauch, Drogen, Ausländergewalt und – als leidenschaftlicher Autofahrer – Strassenverkehr. Mehr als die Hälfte davon waren Interpellationen und Anfragen, politische Ausrufezeichen.

Erreicht haben Tuena und seine SVP nicht viel. Da sind einmal die Sozial­detektive, die sich Tuena ans Revers heften kann. Oder das 2010 vom Stimmvolk versenkte Nagelhaus auf dem Escher-Wyss-Platz, das sein PR-Highlight war: «5,9 Millionen für e Schiissi!», stand auf dem Abstimmungsplakat unter dem Bild eines goldenen Klos. 2010 gelang es zudem, alle bürger­lichen Parteien inklusive EVP zu verpflichten, das Budget an den Stadtrat zurückzuweisen. Dies ist die magere Bilanz von fast 18 Gemeinderatsjahren, 9 davon als Fraktionspräsident. Handkehrum erstaunt das nicht in einer Stadt, die immer grüner und linker wurde, während die anderswo im Land boomende SVP innert zwölf Jahren 10 von 32 Parlamentssitzen verlor.

Dass sich Tuena nun ins städtische SVP-Präsidium wählen liess, hat also mehrere Aspekte. Logisch ist die Wahl aufgrund seines enormen Engagements für die Partei sowie seiner Dossier­festigkeit bei städtischen Themen. Weniger nachvollziehbar ist sie, weil das Duo Liebi-Tuena letztlich kaum Erfolge erzielte und auch schon ge­lästert wurde, dass sich dies mit den immer gleichen Köpfen auch nicht ändern werde. Nun bleibt Mauro Tuena also in seiner Heimatstadt im Gespräch. Das ist wohl ein gewollter und wichtiger Nebeneffekt, siehe Stadtratsambitionen.

Ob die Rechnung aufgeht, ist aber nicht sicher. Einerseits ist das Parteipräsidium ein Posten, der zu rechter Lautstärke verpflichtet und damit kaum zum Trampolin fürs Stadtzürcher Regierungsamt taugt. Ein «Nur-Nationalrat» Mauro Tuena, der in Bern an Distanz und Status gewonnen hat, hätte womöglich bessere Chancen. Monika Stocker, Elmar Ledergerber, Monika Weber, Ruth Genner und Filippo Leutenegger haben den Wechsel von Bundesbern ins Zürcher Stadthaus ohne politisches Standbein in der Heimat geschafft. Abstand schadet nicht.

Endlich mal Ja sagen dürfen

Handkehrum ist Tuena in einem Jahr, wenn die Stadtratswahlen 2018 aktuell werden, vielleicht gar nicht mehr so interessiert am Stadtratsposten. Bern ist die nationale Politbühne, dort werden die grossen Themen behandelt. Tuena könnte innerhalb der SVP-Fraktion schnell aufsteigen, er darf schon als Neuling zu wichtigen Themen referieren. Und: Tuena konnte im Nationalrat bisher öfter die Ja- als die Nein-Taste drücken – sicher ein wohl­tuendes Novum für ihn. Die rechts­bürger­liche Umgebung ist verlockend für einen, der Zürich schon mit der DDR verglichen hat. Vielleicht verhilft ihm das neue politische Biotop gar zu etwas mehr Kompromissfähigkeit.

Zudem findet der gesellige Tuena dort seine Lieblingskontrahenten, die er politisch aufs Heftigste bekämpfen und dann zum Grillabend einladen kann: SP-Fraktionschefin Min Li Marti ist mit ihm nach Bern gewählt worden. Der Grüne Balthasar Glättli und SP-Frau Jacqueline Badran, die Tuena seit einem Versprecher «Mausileini» nennen darf, sind schon länger dort – und haben nicht weniger Medienpräsenz als zu ihrer Zeit im Gemeinderat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2016, 22:55 Uhr

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