Päckli-Klau in Wohnsiedlungen

In grossen Zürcher Überbauungen verschwinden immer mehr Pakete. Mieter klagen, Immobilienverwalter und Polizei warnen – die Post beschwichtigt.

Hinterlegte Pakete im Hausflur: Ein gefundenes Fressen für Paketdiebe. Foto: Reto Oeschger

Hinterlegte Pakete im Hausflur: Ein gefundenes Fressen für Paketdiebe. Foto: Reto Oeschger

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Walter Bodmer (Name geändert) wohnt seit einiger Zeit in einer grossen Zürcher Wohnsiedlung. Es gefällt ihm gut, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, nur etwas macht ihm zu schaffen: die vielen Diebstähle, die sich rund um sein neues Heim ereignen. Bodmer wurden schon mehrmals Pakete aus dem Briefkasten gestohlen, über Monate hinweg kam auch seine Sonntagslektüre weg.

Er ist nicht der Einzige. Im Webforum seiner Siedlung beklagen auffällig viele Mieter ihre bestellten Pakete als gestohlen. Doch nicht nur diese verschwinden: Auch teure Velos und Autopneus werden aus Abstellräumen entwendet. Und seit Bodmer an seinem Velo im Veloraum eine sonderbare Markierung entdeckt hat, nimmt er es zur Vorsicht in die Wohnung. Er sagt: «Weil bei uns regelmässig Fahrräder auch im Veloraum und im Innenhof gestohlen werden.»

Tatsächlich häufen sich die Meldungen von gestohlenen Paketen und Rädern seit einiger Zeit in der ganzen Stadt. Das stellen Behörden, Liegenschaftenverwaltungen und auch die Zürcher Stadtpolizei fest. Insbesondere grössere und anonymere Überbauungen mit Gemeinschaftsgaragen, mit Dutzenden von Mietern und Mieterinnen und vielen unbekannten Gesichtern scheinen davon betroffen zu sein.

Verdoppelung der Fälle

Konkrete Zahlen dazu sind schwer zu erheben, weil längst nicht alle Pakete als gestohlen gemeldet oder entsprechend registriert werden. In den ersten drei Monaten des Jahres 2017 stieg die Zahl der als entwendet gemeldeten Päckli im Vergleich zum Vorjahr aber um fast 50 Prozent auf 94 Fälle an. Für das aktuelle Jahr sind noch keine Zahlen erhältlich. Auch wenn die registrierten Daten klein sind und vorsichtig interpretiert werden müssen, weil der Paketversand wegen des Internethandels Jahr für Jahr zunimmt, zeigt der Trend bei den Diebstählen klar nach oben.

Erstmals seit einigen Jahren nehmen zudem auch Velodiebstähle wieder zu. Nachdem die Zahl der in Zürich gemeldeten Delikte von 3546 im Jahr 2014 auf 2750 (2016) zurückgegangen ist, sei seit dem vergangenen Jahr wieder eine Zunahme zu beobachten, sagt Stadtpolizeisprecher Ronny Tschanz. Die Zahlen sollen bald in der Zürcher Kriminalstatistik veröffentlicht werden.

Typisch Stadt

Auch Liegenschaftenverwaltungen haben das Problem registriert. «Wir haben von einigen Mietern entsprechende Rückmeldungen betreffend Paketdiebstähle erhalten», sagt etwa Patrick Pons, Kommunikationsleiter des Finanzdepartements. Hauptsächlich würden Pakete entwendet, die entweder im Treppenhaus oder im Briefkasten hinterlegt werden. Zudem komme es vor, dass Velos oder Veloteile aus den Häusern gestohlen würden, zum Teil sogar aus den extra vorhandenen Veloräumen in der Tiefgarage.

Für die Simo Immobilien GmbH, die in Zürich und im Kanton mehrere grosse Siedlungen betreut, zeigt sich, «dass vor allem in städtischen Gebieten delinquiert wird», wie sie auf Anfrage mitteilt. Schuld daran sei, dass es in grösseren Überbauungen oft genüge, «einfach ein paar Klingeln zu drücken», sagt Bruno Christen, und die Tür werde ohne Rückfrage geöffnet. «Das würde in Sternenberg nicht passieren», sagt Mario Cortesi, Sprecher der Zürcher Stadtpolizei, zu diesem Phänomen in solchen anonymen Wohnblocks.

Das neue Velo: Weg

Die mangelnde soziale Kontrolle ist Teil des Problems. In Grossgaragen mit Dutzenden, ja teilweise sogar Hunderten von Autos, ist es leicht, sich unbemerkt durchs Garagentor Zutritt zu verschaffen. In Velokellern sind dann auch abgeschlossene Fahrräder kaum sicher. Dem «Tages-Anzeiger» liegen mehrere Berichte von Mieterinnen und Mietern vor, denen ihr neues Velo gestohlen wurde. Es sei leider bekannt, schreibt die Immobilienfirma Simo, «dass es auch organisierte Banden gibt, welche sich spezifisch auf Alufelgen, Reifen, Fahrräder und andere Gegenstände spezialisiert haben».

Die Liegenschaftenverwaltungen reagieren und warnen ihre Mieterschaft mit Anschlagblättern und Aktionsflyern der Polizei. Zudem, sagt etwa Bruno Christen von Simo Immobilien, würden Kellertüren mit Schliesszylindern versehen, wenn man Hinweise darauf bekomme, dass sich vermehrt Unberechtigte im Untergeschoss aufhalten würden. Punktuell und nur in Absprache mit den Mietern setze man auch mobile Kameras ein.

«Vermehrt externe Täter»

Beim Liegenschaftenverwalter Livit AG verweist Marietta Hersche darauf, dass die privaten Kellerabteile abzuschliessen seien und Velos in öffentlich zugänglichen Zonen gesichert werden müssten. Die Liegenschaftenverwaltung der Stadtzürcher Immobilien empfiehlt sogar, Velos wenn immer möglich im eigenen, abschliessbaren Kellerabteil zu deponieren.

Laut der Stadtpolizei sind es «vermehrt externe Täter», die oftmals von Haus zu Haus zögen, um Ausschau nach möglicher Beute zu halten. Eine Statistik darüber, wie sich die Diebe Zugang zu den Häusern verschaffen würden, werde nicht geführt. Grundsätzlich, hält Mediensprecher Tschanz fest, könne aber gesagt werden, dass die Täter «über alle geeigneten und möglichen Zugänge» eindringen würden. Die Polizei empfiehlt deshalb, alle Türen stets abzuschliessen und Pakete nach Möglichkeit bei Abwesenheit nicht einfach deponieren zu lassen, sondern sie auf der Poststelle abzuholen.

Die Post will beschwichtigen

Die Post verweist auf ihre Vorsichts- und Haftungsregeln bei der Zustellung, will aber betont haben, dass Fälle von Päcklidiebstahl «selten» seien. Immerhin habe die Post in der Schweiz allein 2016 fast 130 Millionen Pakete zugestellt. Die Verlustquote dabei sei gering und liege «seit Jahren stabil im sehr tiefen Promillebereich», sagt Mediensprecherin Jacqueline Bühlmann.

Und nicht jeder Verlustfall sei auch ein Diebstahl, so die Post. Denn, «ob ein Paket gestohlen wurde oder verloren ging, können wir im Nachhinein nicht nachvollziehen – deshalb führen wir auch keine Statistik».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2018, 00:01 Uhr

Verschwunde Pakete

Post haftet nur bis 500 Franken

Liefert einer der Kurierdienste UPS oder DHL ein Paket, muss der Empfänger die Zustellung quittieren. Die Pakete bleiben also im Normalfall nicht im Treppenhaus oder vor der Haustür liegen.

Die Post bietet ebenfalls verschiedene Zustellungsmöglichkeiten an. Mit einem Formular können Postkunden verfügen, dass Express- und Paketsendungen, die nicht ins Brief- oder Ablagefach oder in eine Paketbox gelegt werden können, nicht an Nachbarn (oder nur an einen bestimmten) zugestellt werden. Das Formular lässt sich beim Kundendienst der Post oder beim Boten direkt bestellen.

Seit Anfang 2017 können Kunden und Kundinnen im Internet mit einem Postlogin sogar Pakete umleiten, noch während diese unterwegs sind. Diese Dienstleistung ist kostenlos.

Bei Päckchendiebstahl rät die Polizei in jedem Fall, eine Anzeige gegen unbekannt zu erstatten. Ein guter Rat sei auch, sich das Paket ins Geschäft schicken zu lassen oder es auf einer nahen Poststelle abzuholen, sagt die Stadtzürcher Liegenschaftenverwaltung.

Anders als beim Kurierdienst gilt ein Paket bei der Post als zugestellt, wenn es in den Ablagekasten, in eine Paketbox oder an einen anderen vertraglich vereinbarten Ort gelegt wurde. Ab diesem Zeitpunkt geht die Haftung von der Post auf die Kundschaft über. Die Post haftet daher für derart gelieferte gestohlene Pakete nicht.

Wird ein Paket nicht korrekt zugestellt, zum Beispiel einfach vor die Haustür oder in den Hausflur gelegt, haftet die Post bis zur Höhe des nachgewiesenen Schadens, jedoch höchstens bis 500 Franken. Höhere Haftungssummen gelten nur mit Zusatzleistungen wie «Fragile», «Signature», «Assurance» oder «Eigenhändig». Für Privatkunden und Privatkundinnen ist allerdings nur «Signature» erhältlich.

Mit diesen Zusatzleistungen liegt die jeweils maximale Haftsumme zwischen 1500 und 5000 Franken. Kunden müssen dann allerdings den Diebstahl nicht nur bei der Stadtpolizei, sondern auch bei der Post melden. Nachforschungen stellt die Post aufgrund eines schriftlichen oder elektronischen Nachforschungsbegehrens an, bei Diebstahl auf Verlangen des Versenders. Danach prüft die Post den Vorfall und klärt ab, wer nun haftet. (roc)

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