Partyfeeling auf dem Spinning-Velo. Muss das sein?

Strampeln zu Clubsound: Wir haben das neuste Fitnessangebot der Stadt getestet – mit unterschiedlichen Gefühlen.

Die Instruktorin im Spinning-Club Open Ride. Foto: Andrea Zahler

Die Instruktorin im Spinning-Club Open Ride. Foto: Andrea Zahler

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Ja

Mir schwante Böses: 45 Minuten auf einem Spinning-Velo sitzen, dazu Übungen im Takt zu lauter Musik ausführen, umgeben von jungen Frauen, die aussehen wie direkt aus einem Katalog des hippen (und sehr teuren) Sportswear-Labels Lululemon. Ja, eigentlich sah ich mich schon wie Amy Schumer im bedenklichen Film «I Feel Pretty» vom Rad kippen.

Zudem habe ich ein leichtes Trauma von überfüllten Sporthallen an der Universität, in denen Body-Pump, Body-Form, Body-Whatever angeboten wurden, wo einen der Instruktor anschrie und die durchtrainierte Jus-Studentin kritisch von der Seite beäugte. Nein, Gruppenkurse sind nach über zehn Jahren Balletttraining nicht mehr meins. Oder besser: waren.

Denn das tagelange Drama, das sich meine Freunde im Vorfeld hatten über sich ergehen lassen müssen, war vergebens. Zu meiner eigenen grossen Überraschung (und zu der meiner Kollegin, die sich neben mir schweissig strampelte), liebte ich das Training. Ich spürte regelrecht die Glückshormone durch meinen heissen Körper und roten Kopf schiessen.

Der Beziehungsknatsch oder was auch immer einem auf dem Magen liegt, ist plötzlich weit weg.

Woran es sicherlich nicht lag, war das umständliche Ein­klicken der Schuhe auf den Pedalen. Und auch die «Yeahs» der Instruktorin, von manchen Teilnehmerinnen artig wiederholt, hatten bei mir keine stimulierende Wirkung.

Aber im dunklen Raum – und ja, dadurch ist man zumindest etwas vor fiesen Blicken geschützt – und in Kombination mit der Anstrengung und der pumpenden Musik gibt es irgendwann nur noch den Rhythmus der Pedale. Der Stress im Büro, der Beziehungsknatsch oder was auch immer einem auf dem Magen liegt, ist plötzlich weit weg. Und wenn man die Augen schliesst, dann fühlt es sich an, als würde man im Club tanzen.

Was ich mich allerdings bis heute frage: Wie schaffte es dieses eine Girl, scheinbar unverschwitzt aus dem dunklen Raum zu kommen? Ich werde es rausfinden, denn in den nächsten kalten Wochen werde ich meinem geliebten Hallenbad, wo ich sonst im Winter schwimme, wohl das eine oder andere mal untreu werden.

Nein

Gegenüber Indoor-Sportarten mit Konditions­effekt war ich schon immer skeptisch. Warum soll man drinnen in einem Raum Velo fahren oder auf einem Laufband rennen, wenn man sich gratis an der frischen Luft fortbewegen kann?

Bei Open Ride, einem 45-mi­nütigen Training auf dem Velo, kommen neben der problematischen Kammerspiel-Situation weitere Dinge dazu. So ist es beispielsweise abgesehen von etwas Discolicht dunkel. Wenn es etwas gibt, das ich als Bürogummi in meiner freien Zeit brauche, dann ist es ­Tageslicht. In den ersten fünf Minuten bekomme ich beinahe eine Panikattacke und schmiede Pläne, wie ich der Situation entkommen kann. In Ohnmacht fallen? Rausrennen?

Allerdings weiss ich nicht mal, wie ich vom Velo loskomme – meine Spezialschuhe stecken im Pedal fest. Auch der nervöse Electrosound, der unsere Gruppe antreiben soll, nervt schon nach wenigen Minuten. Genauso wie die Tatsache, dass die Instruktorin auf Englisch immer wieder mal ein aufmunterndes «Yeah» in die Runde wirft, das alle mantramässig und mit total guter Laune wiederholen.

Als Anfängerin komme ich kaum nach mit der Treterei.

Warum sind in dieser Trendsportszene eigentlich alle immer so happy, und warum sprechen alle Englisch? Ich mache mir solche Gedanken, weil mir trotz Anstrengung langweilig ist. Wir müssen nur in die Pedale treten, uns mal nach links oder rechts drehen, aufstehen und uns wieder hinsetzen. Die Bewegungen sind einfach; das Tempo ist ambitioniert. Als Anfängerin komme ich kaum nach mit der Treterei. Ich bewege mich viel langsamer als die anderen, fühle mich unsportlich und mit dem XL-Shirt, in dem ich manchmal auch schlafe, falsch angezogen. Offenbar mögens die Frauen hier lieber eng: Sport-BH und Yogahosen.

Höchst unangenehm ist mir auch die Sache mit dem Schweiss: Man schwitzt bei Open Ride wie blöd. Ich bevorzuge die leichte Transpiration und trenne zudem die Dinge gerne: Wenn ich wirklich Sport machen möchte, bewege ich mich allein und draussen. Wenn ich feiern möchte, ziehe ich durch die Clubs.

Gute-Laune-Sport, der so tut, als sei er eine Party, obwohl man danach drei Stunden einen roten Kopf hat, ist nichts für mich.

Open Ride, Europaallee 13, Website

Erstellt: 22.10.2019, 13:46 Uhr

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