Partyzone Sechseläutenplatz

Die Forderung nach weniger Events auf dem Sechseläutenplatz ist nicht neu. Vor 100 Jahren baute man dort ganze Festpaläste. Die Anwohner bezahlten eine Ruhesteuer, damit das endete.

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Der Sechseläutenplatz gibt zu reden. Die einen wollen weniger Veranstaltungen auf dieser Freifläche am Zürcher Seebecken, die anderen möchten keine rigorosen Richtlinien für die Bespielung des Platzes. Wie viel verträgt es und wann hört der Spass beim Sechseläutenplatz auf? Das ist eine Frage, die sich die Stadtzürcher nicht zum ersten Mal stellen.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Platz mit jährlichen Grossanlässen förmlich überrollt. Anders als heute stellte man dazu keine Zelte, Buden oder Bühnen auf. Nein, es waren richtige Paläste und Prunkbauten mit Türmchen und Erkern samt diversen Oberlichtern und allerlei Zierrat an den Fassaden.


Der Platz vor den Partys:

Wie die Pfahlbauten auf dem Sechseläutenplatz aussahen: Ein Rundgang in 3-D (Video: Marco Bernasconi/Archaeolab)


Turbulenzen in der Tonhalle

Diese Entwicklung nahm bereits 1867 ihren Lauf, als die Stadt das 1839 nach den Plänen von Ingenieur Alois Negrelli gebaute Kornhaus auf dem Platz in eine Tonhalle umfunktionierte. Damals galt es nämlich, das eidgenössische Musikfest zu beherbergen. 4000 Menschen sollten den Klängen lauschen können. Dazu eignete sich das alte Kornhaus perfekt.

1880 folgte der zweite musikalische Grossanlass auf dem Tonhalle-Areal, wie es damals genannt wurde. Für das eidgenössische Sängerfest errichteten die Organisatoren neben der Tonhalle einen Konzerttempel in Form einer dreischiffigen Basilika mit einer Grundfläche von 3400 Quadratmetern. Rund 6000 Zuhörer und 3000 Sänger samt Orchester fanden darin Platz. Auch während der Landesausstellung von 1883 führten die Veranstalter einige Anlässe auf dem Areal durch: Maskenbälle, Männergesangsfeiern, Tanzfeste - sozusagen ein Ur-Rave vor der ersten Street-Parade.

Handfeste Auseinandersetzungen gab es zu jener Zeit ebenfalls schon auf dem Platz. Als am 31. Januar 1871 die Deutschen nach dem Deutsch-Französischen Krieg zur Siegesfeier in die Tonhalle luden, stürmten französische Offiziere das Fest. Im Innern entbrannte eine Schlägerei, vor der Tonhalle warfen Demonstranten mit Steinen, es wurde sogar geschossen. Vier Personen starben, viele wurden verletzt. Die Querelen zogen sich über Tage hin und gingen als Tonhallekrawall in die Geschichte ein.


Ein Blick in die Geschichte:

Zürichs Sechseläutenplatz von der Jungsteinzeit bis heute (Video: Stadt Zürich)


Kein Plan für den Platz

Um 1897 genügte die alte Tonhalle den Ansprüchen der Zürcher nicht mehr, die mit dem Bau der Quaianlage, der Quaibrücke und dem Stadttheater - heute Opernhaus genannt - das Gebiet ums Seebecken aufgehübscht haben. Das Konzerthaus, im Volksmund «Max-Bruch-Bude» genannt, wurde abgerissen und weil die Stadtregierung nicht so recht wusste, was sie mit all dem neugewonnenen Platz anstellen sollte, liess man ihn einfach unbebaut stehen.

Frei blieb dieses Filetstück am See freilich nicht lange. Gleich nach dem Abriss der Tonhalle stellte der Stadtrat das Areal dem Militär als Fest- und Übungsplatz für das Unteroffiziersfest von 1897 zur Verfügung. Und die Armee klotzte kräftig: Eine regelrechte Trutzburg samt Wehrtürmen liess sie errichten. 1903 fand an derselben Stelle das eidgenössische Turnfest statt - auch dieses mit einer imposanten Halle, welche den ganze Platz einnahm.

Allein für das Sängerfest von 1905 pflanzten die Veranstalter eine Halle für über 9000 Zuschauer auf den Sechseläutenplatz.

Ähnlich gewaltig waren die Dimensionen der Bauten für das Sängerfest von 1905 - mit seinem meterhohen, verglasten Portal und der langgezogenen Halle fast so etwas wie ein zweiter Hauptbahhof. Über 9000 Zuschauer fanden darin Platz. Zum Vergleich: die Maximalkapazität im Hallenstadion Beträgt 15’000 Personen.

Es folgte 1908 das eidgenössische Fest des Schweizerischen Radfahrer-Bundes, an dem 2000 Personen während drei Tagen das 25-jährige Bestehen der Vereinigung feierten. 1912 fand neben der Gartenbauausstellung, während der das Tonhalle-Areal in ein kleines Versailles umgestaltet wurde, auch die Fachausstellung fürs Gewerbe statt. Ein Jahr später kamen die Menschen in Scharen zur Schweizerischen Bäckerei- und Konditoreiausstellung - und jedes Mal wurden dazu riesige Festhallen und Ausstellungspaläste errichtet. Nicht zu vergessen ist natürlich auch das Sechseläutenfest samt Bööggverbrennung, das ab 1902 auf dem Platz stattfand. Selbst im Winter gab es keine Ruhe am Seeufer: Sobald es kalt genug war, nutzten die Stadtbewohner die Freifläche zum Eislaufen.

Genug vom Trubel auf dem «Dorfplatz»

Den Anwohnern und Geschäftsinhabern wurde der Trubel auf dem «Dorfplatz» zu viel. In den 1930er-Jahren protestierten sie gegen den «ständigen, unerträglichen Lärm.» Die langersehnte Ruhe brachten ausgerechnet Autos: Nach der Landesausstellung von 1939 erklärte die Stadt Zürich einen Teil des Sechseläutenplatzes zum Parkplatz. Die übrige Fläche nutzte sie zur Rasenfläche. Ab sofort waren dort «Seiltänzereien und Wandervariétés» nur noch einmal für 8 bis 14 Tage pro Jahr. Einzig das Sechseläuten und der Zirkus Knie durften weiterhin regelmässig gastieren.

Die Stadt liess sich diese restriktive Vermietungspraxis allerdings von den Anrainern bezahlen – schliesslich entgingen ihr so lukrative Geschäfte. Die Schätzungskommission des Kantons legte 1941 für die Hauseigentümer an der Theaterstrasse eine sogenannte Ruhesteuer von 30’000 Franken als Mehrwertentschädigung fest. Lange hielten sich diese Restriktionen nicht. Schon in den 80er-Jahren gastierten es auf der Wiese ausser den Zünftern und dem Nationalzirkus wieder diverse andere Veranstalter.

Am 10. Juni 2018 wird sich weisen, ob auf dem Sechseläutenplatz bald wieder strengere Regeln gelten. Dann kommen die Forderungen der Initiative «Freier Sechseläutenplatz» vors Volk. So drastisch wie damals beim ersten Versuch sind die geforderten Eingriffe dieses Mal allerdings nicht: An 65 Tagen im Jahr wären Veranstaltungen auf dem öffentlichen Platz weiterhin erlaubt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2018, 17:15 Uhr

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