Das Pfarrhaus des Schreckens

Es heisst, in Zürich gebe es keine Spukhäuser. Falsch: Ein besonders übler Poltergeist brachte hier sogar den obersten Pfarrer um den Verstand.

Was hier passierte, ist im «Diarium Tragediae Diabolicae» festgehalten: Das sogenannte Antistitium neben dem Zürcher Grossmünster. Bild: Doris Fanconi

Was hier passierte, ist im «Diarium Tragediae Diabolicae» festgehalten: Das sogenannte Antistitium neben dem Zürcher Grossmünster. Bild: Doris Fanconi

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Gäbe es dieses alte Tagebuch nicht, würde das Haus am Zwingliplatz 4 übersehen: Das sogenannte Antistitium, einst Sitz des Vorstehers der reformierten Zürcher Kirche, steht im Schatten des Grossmünsters. Bis auf den bunten Erker ein blasser Bau. Aber da ist ebendieses Buch, das «Diarium Tragediae Diabolicae», ein dreihundert Jahre altes Protokoll des Schreckens. Es hält mit buchhalterischer Genauigkeit die Untaten eines Poltergeists fest, der das Haus heimgesucht hat. Eine Spukgeschichte, die für Zürich einzigartig ist.

Es begann im Juli 1701 mit einem Glöckchen. Die Frau von Anton Klingler, oberster Zürcher Pfarrer, hatte dieses in ihr Schlafzimmer gehängt, damit das kranke Töchterchen sie im Notfall über eine Schnur rufen konnte. Die Pfarrersfrau war an jenem Abend von einer Badekur heimgekehrt und allein mit den Bediensteten im Haus. Alles schlief. Da, um Mitternacht, läutete das Glöckchen plötzlich Sturm. Obwohl sich das Kind nicht gerührt hatte. Grosse Aufregung – die sich zur Panik steigerte, als man in der nächsten Nacht schleppende Schritte aus dem oberen Stock hörte.

Die Pfarrersfrau kannte diesen Gang: Es waren die Schritte ihres Sohns aus erster Ehe, eines Kavalleristen, der von einem Pferdehuf tödlich am Kopf getroffen worden war. Man erzählte sich, dass sie damals ein kleines Vermögen aus seiner Hinterlassenschaft unrechtmässig an sich genommen hatte. Was ein guter Grund gewesen wäre, sie heimzusuchen. Das glaubten auch die beiden Mägde und eine jung verwitwete Verwandte des Pfarrers, die ebenfalls im Haus lebte, die nun zu erzählen begannen: Das Grauen habe schon früher begonnen, während der Abwesenheit der Hausherrin. Der Einzige, der sie beschützt habe, sei der 25-jährige Theologe Bernhard Wirz gewesen, ein Hausgast, der auf eine Anstellung wartete.

Fliegende Betten und Irrlichter

Oberpfarrer Klingler, in der Not nach Hause gerufen, zeigte sich besorgt. Spuk war Teufelswerk. Er erlaubte den drei völlig verängstigten Frauen, fortan in der Stube zu schlafen, wo sie auf eigenen Wunsch von Wirz beschützt wurden. Der galante junge Mann verlängerte seinen Aufenthalt eigens dafür. Und das schien auch nötig, denn der Poltergeist war wütend, wie sich in Tagen darauf zeigte: Bücher flogen durch das Haus, Eimer wurden umgeworfen, Türen knallten zu, Möbel bewegten sich.

Besonders schlimm war es laut Tagebuch am 28. September. Der Pfarrersfrau wurde im Schlaf die Decke weggezogen, dann hob sich das ganze Bett in die Höhe und knallte wieder auf den Boden. Zugleich flogen Schuhe und Bücher durch die Kammer. Oder am 9. Oktober: Einem Hausgast wurde die Tabakpfeife aus dem Mund geschlagen. Als er sich gesegnet und nach dem Geist gerufen habe, habe er ein Murmeln gehört, dann habe sich der Geist in Gestalt einer Wolke vom Boden erhoben und sei durch den Kamin gefahren. Auch die Nachtwächter auf dem Turm des Grossmünsters berichteten immer wieder von unheimlichen Irrlichtern. Und dann, nach sieben Monaten Spuk, war Schluss.

Zumindest bis in einer Dezembernacht, fast drei Jahre später. Der Haushalt hatte sich gerade zum Gebet versammelt, um Gott zu danken, dass er den Teufel vertrieben habe. Da donnerte ein über 20 Kilo schwerer Stein die grosse Treppe hinunter – krachende Ouvertüre für eine zweite Phase des Spuks. Der oberste Zürcher Pfarrer ergab sich seinem Schicksal. Nicht so der Wächter Hans Müller, ein neuer Gast, der Augen im Kopf hatte. Während einer Geisterjagd im Pfarrhaus flog ihm ein Buch in den Rücken. Genau von dort, wo der Theologe Wirz stand. Kurz darauf traf ihn ein Apfel, offensichtlich geworfen von einer Magd. Den Skeptikern gelang es endlich, dem Pfarrer den Geisterglauben auszureden.

Wie es wirklich war

Nun flog alles rasch auf. Es war Wirz gewesen, zusammen mit den jungen Frauen im Haus, der den Spuk inszeniert hatte. Zum Beispiel, indem sie Schnüre an Objekten festmachten, um diese ferngesteuert umstürzen zu lassen. So konnten die nicht sehr sittsamen Verschwörer nachts im Pfarrhaus Unzucht miteinander treiben und allen Lärm auf den Geist abschieben.

Für Wirz endete es böse: erst auf der Folterbank, dann unter dem Schwert des Richters. Pfarrer Klingler ging als Holzkopf in die Annalen ein. Und im reformierten Zürich muss man seither keinem mehr mit Geistern kommen.

Diese Zürcher Häusergeschichte ist eine von über sechzig, die im Rahmen der TA-Kolumne «Bauzone» bisher erschienen sind. Etwa alle zwei Wochen kommt eine dazu. Eine vollständige Übersicht mit allen Texten finden Sie hier auf einer interaktiven Karte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 14:48 Uhr

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