Planungsdebakel: Stadtrat räumt Fehler ein

Zürichs Stadtparlament hat einen Zusatzkredit von 13,1 Millionen Franken für die grosse Sanierung von Kongresshaus und Tonhalle bewilligt– jedoch unter lauten Misstönen.

Zürichs Hochbauvorsteher André Odermatt betont, es gebe  bisher keine Kostenüberschreitung.

Zürichs Hochbauvorsteher André Odermatt betont, es gebe bisher keine Kostenüberschreitung. Bild: Keystone

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Zürich und sein Kongresshaus – es ist eine leidvolle Geschichte. Seit dem Kongresshaus-Skandal in den 80er-Jahren, der einen FDP-Stadtrat die Wiederwahl kostete, kam es immer wieder zu Irrungen und Wirrungen. Gestern folgte ein weiteres Kapitel in der Saga. Der Gemeinderat bewilligte nach intensiver Debatte mit 70 zu 16 Stimmen bei 31 Enthaltungen (FDP und GLP) einen Nachtragskredit von 13,1 Millionen für die laufende Sanierung von Kongresshaus und Tonhalle. Nötig wurde dieser, weil sich herausgestellt hatte, dass die vom Volk 2016 bewilligten 165 Millionen Franken nicht ausreichen. Schlechte Bausubstanz, unerwarteter Mehraufwand wegen des Denkmalschutzes und «Planungsunschärfen» nannte der Stadtrat als Gründe.

9,4 Millionen sollen jetzt in Instandsetzungsarbeiten fliessen, 3,7 Millionen als Entschädigung an die Tonhalle wegen Mehrkosten durch die Verschiebung der Eröffnung um ein halbes Jahr auf März 2021.

«Missmanagement»

Der Zusatzkredit sorgte bei den Bürgerlichen für Verärgerung. Stephan Iten (SVP) sprach von einer «Hauruckübung» und «Missmanagement». Immer wieder komme es bei Bauprojekten der Stadt zu Kostenüberschreitungen. Das dürfe das Parlament nicht einfach tolerieren. Im Fall des Kongresshauses habe es «grobe Fehler in der Bauleitung» gegeben, das Reservekapital sei falsch gemanagt worden. Der Denkmalschutz habe im Vordergrund gestanden, während betriebliche Anforderungen für das Führen eines Kongresshauses völlig ignoriert worden seien.

Die FDP wollte den Betrag auf 6,2 Millionen kürzen. Sprecher Urs Egger kritisierte die «Serie von Pannen und ungenügenden Kontrollen», für die der Steuerungsausschuss, dem drei Stadträte angehören, mitverantwortlich sei. Raphaël Tschanz (FDP) bemängelte, dass der Stadtrat für den Umbau entgegen allen Versprechungen Geld aus Reserven angezapft habe. «Not amused» zeigte sich auch die GLP, die den Zusatzkredit auf 10,4 Millionen begrenzen wollte. Laut ihrem Sprecher Pirmin Meyer ist das Kosten- und Baumanagement aus dem Ruder gelaufen.

Doch der Rat winkte die 13,1 Millionen durch. Dank SP, AL und Grünen, die einen Kompromiss gezimmert hatten: Die 9,4 Millionen für die Instandsetzung werden hälftig aufgeteilt, in einen Investitionsbeitrag und in ein verzinsliches, rückzahlbares Darlehen an die Kongresshausstiftung, falls weitere Reserven benötigt werden.

Pawel Silberring (SP) sprach von einem «verantwortbaren Kompromiss». Es mache keinen Sinn, einen Kredit zu kürzen, der als Reserve für Unvorhergesehenes zur Verfügung stehen soll. Eine Streichung brächte die Gefahr mit sich, dass es zu einem Baustopp kommen könnte. Elena Marti (Grüne) nannte den Zusatzkredit «ärgerlich, aber begründbar». Die Lehre daraus sei, dass der Umbau alter Gebäude ein grosses Planungsrisiko mit sich bringe und bei der Projektierung grosszügiger gerechnet werden müsse.

Man spricht von «Planungslücken»

Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) räumte Fehler ein – er sprach von «Planungslücken». Ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass der Umbau «kein Spaziergang wird». Der Stadtrat beteuerte, es gebe bisher keine Kostenüberschreitung: «Wir reden von einer Absicherung, falls es zu einer solchen kommen sollte.» Oberstes Ziel der Sanierung sei eine bessere Nutzbarkeit der beiden Häuser. Auch Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) gab Fehler zu, diese liessen sich bei einem derart komplexen Bauvorhaben kaum je vermeiden. Nun gelte es, die Lehren zu ziehen.

Damit dies auch geschieht, hat der Rat ohne Gegenstimme ein SVP-Postulat überwiesen. Es verlangt vom Stadtrat nach Abschluss der Kongresshaus-Sanierung einen Bericht, der aufzeigen soll, wie er Planungsfehler und Kostenüberschreitungen künftig zu verhindern gedenkt.

Erstellt: 03.10.2019, 10:55 Uhr

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