Platz für alle

Die Zürcher streiten um den Sechseläutenplatz. Gut so. Nur ein umkämpfter Platz ist ein beliebter Platz. Alles andere ist bloss Fläche.

Eine Initiative will vorschreiben, was auf dem  Sechseläutenplatz sein darf und was nicht. Foto: Urs Jaudas

Eine Initiative will vorschreiben, was auf dem Sechseläutenplatz sein darf und was nicht. Foto: Urs Jaudas

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Unsere Tochter lernte auf dem Sechseläutenplatz das Velofahren. Während die Eltern auf olivgrünen Luxembourg-Stühlen die Frühlingssonne entgegennahmen, fand sie das Gleichgewicht, also die Sicherheit. Heiter drehte sie ihre Runden. Umkreiste Mutter und Vater wie die Zünfter demnächst wieder den Böögg.

Der kollektive Ritt um den brennenden Schneemann gehört zum grossen, quarzitbelegten Platz vor dem Opernhaus. Das Zürcher Frühlingsfest gab dem Sechseläutenplatz seinen Namen. Aber was ist mit dem Circus Knie? Dem Zurich Film Festival? Oder dem Weihnachtsdorf? Sollen sie denen weichen, die den Platz für sich haben wollen? Den Flaneuren, den Verliebten, den jungen Velofahrerinnen und ihren Eltern? Die Schweiz hat es als Republik nicht so mit Alleen und Plätzen. Das ist der Nachteil, wenn ein Land nie eine Monarchie war.

Gerade deshalb ist um den Sechseläutenplatz eine Kontroverse ausgebrochen. In einem Satz: Wie viel Kommerz verträgt dieser Ort? Die Stadtzürcher stimmen am 10. Juni darüber ab, an wie vielen Tagen im Jahr der Platz frei bleiben soll. Eine Volksinitiative fordert 300 unverstellte Tage. Nur 65 sollen für Anlässe wie das Sechseläuten oder den Circus Knie genutzt werden dürfen. Der Gegenvorschlag will während 180 Tagen im Jahr Veranstaltungen zulassen.

Politik unter freiem Himmel

Der Abstimmungskampf hat erst begonnen. Die Debatte ragt aber über den Sechseläutenplatz hinaus. Ob zwischen Opernhaus und Bellevue, unter dem Schutzengel von Niki de Saint Phalle in der Zürcher Bahnhofshalle oder vor dem Bundeshaus in Bern – eine offene Gesellschaft beansprucht öffentlichen Raum. Je enger es wird in der Stadt, desto intensiver muss über die Nutzung der Plätze diskutiert werden.

Historisch betrachtet, ist der frei zugängliche Platz das Epizentrum alles politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Im antiken Griechenland versammelten sich auf der Agora Politiker, Philosophen, Händler, Priester und Bürger. Das Forum Romanum diente Cicero und Co. als Bühne. Hier wurde Weltpolitik verhandelt und Gesetzesentwürfe wurden debattiert. Hier schwor man das Volk auf Kriege ein und feierte die Ahnen. Auf dem Wiener Heldenplatz verkündete Adolf Hitler den Anschluss. Die Pariser feierten auf ihren Plätzen die Revolution.

«Die Schweiz hat es als Republik nicht so mit Alleen und Plätzen. »

Heute findet viel Politisches nicht mehr unter freiem Himmel statt. Die öffentlichen Räume, also Plätze, Parks, Hallen und Stadtwälder, sind aber gerade deshalb Ausdruck von Demokratie, weil sie für alle zugänglich bleiben. Mit der Verdichtung hat sich ihre Bedeutung erhöht. Das zeigt sich schon daran, wie viele neue, sich teils widersprechende Kräfte auf die öffentlichen Räume einwirken. Bewegungen wie «Reclaim the Streets» sehnen sich nach der Durcheinanderstadt, den Industriebrachen und Kreativvierteln, die (auch gedankliche) Freiräume schaffen. Investoren hoffen durch die teure Aufwertung ganzer Stadtteile auf neue Kunden. Doch weil die Konsumenten immer mehr online shoppen, wandeln sich auch die Einkaufsstrassen. Die Digitalisierung verwischt die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum.

Öffentliche Plätze bieten Freiraum, werden aber nicht selten überwacht. Und auch der Geniesser, der die Leere sucht, und die Freunde, die sich zum Schwatz treffen, konsumieren.

Projektionsflächen für Ideen

Die Debatte um öffentliche Räume ist ein Streit um die Art des Konsums. Der eine erhofft sich Erholung, der andere Unterhaltung. Beide beanspruchen das Öffentliche für sich.

Plätze sind immer Projektionsflächen, schreibt das Gottlieb-Duttweiler-Institut in einer Studie, die am Freitag in Rüschlikon an einer Tagung zur Zukunft des öffentlichen Raums vorgestellt wird. Orte für «ein Rendezvous der Gesellschaft mit sich selbst». So treffen verschiedene Ideen aufeinander. Der öffentliche Raum wird zum umkämpften Ort privater Interessen.

Doch Streit löst etwas aus. Der Sechseläutenplatz ist vier Jahre nach der Neugestaltung beliebt, gerade weil seine Nutzung so umstritten ist. Die Initianten möchten zu sehr vorschreiben, was auf diesem Platz sein darf und was nicht. Das steht im Widerspruch zur Idee eines Platzes, der da ist für alle und sich anbietet für vieles.

Erstellt: 11.04.2018, 21:30 Uhr

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