Platz für die Kunst, Raum für den Platz

Der Erweiterungsbau des Kunsthauses hat seine maximale Höhe erreicht. Jetzt nimmt man den neuen Heimplatz wahr. Dem Namensgeber passt das offensichtlich nicht.

Die Erweiterung des Kunsthauses Zürich ist noch im Bau, doch schon jetzt zeigt sich: Der Heimplatz wird zum «Heimraum». Foto: Samuel Schalch

Die Erweiterung des Kunsthauses Zürich ist noch im Bau, doch schon jetzt zeigt sich: Der Heimplatz wird zum «Heimraum». Foto: Samuel Schalch

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So hoch also. Zehn Gerüststockwerke hoch. Der Erweiterungsbau des Kunsthauses hat an der Ecke gegen das Schauspielhaus gerade eben seine maximale Höhe erreicht. Richtung Central werden der Wand die letzten drei Meter Beton aufgesetzt für das Halbgeschoss, in dem später die Technik verstaut wird.

Die Struktur der Fassade ist jetzt schon gut sichtbar. Die grossen, vertikal gerasterten Öffnungen, die für Licht sorgen werden. Oder die drei Geschosse, in denen später auf mehr als 5000 Quadratmetern neuer Ausstellungsfläche etwa die Sammlung Bührle oder Kunst ab 1960 unterkommt. Vor allem aber ist nicht nur die definitive Höhe sichtbar, das Volumen des Erweiterungsbaus ist nun fassbar. Und was das Projekt des britischen Architekten David Chipperfield für den Heimplatz bedeutet – diesen eigentlichen Unort der Stadt, eine Transitfläche von Autos, Trams und Bussen.

Der Platz ist nun von allen Seiten eingerahmt, franst an seinem bergseitigen Rand nicht mehr aus: Der Heimplatz ist zum «Heimraum» geworden, gefasst von Bauten aus drei Epochen. Schauspielhaus, Ende 19. Jahrhundert; Kunsthaus, Anfang 20. Jahrhundert; Erweiterungsbau der Gebrüder Pfister, zweite Hälfte 20. Jahrhunderts; Chipperfield, Anfang 21. Jahrhundert. Der Platz gewinnt dadurch, er wirkt einheitlich, er wird vom Durchgang zu einem Ort. Und das, obwohl die Flächen für den Verkehr weiterhin zu viel Platz einnehmen. Platz, der in keinem Verhältnis zum Freiraum steht, der in der Mitte eingequetscht ist.

Nur Augen für den Moser

Das sehen natürlich nicht alle so: Ignaz Heim zum Beispiel, der Komponist und Musiker, der dem Platz seinen Namen gegeben hat und dort mit einer Statue verewigt ist, ist mit dieser Einschätzung offensichtlich ganz und gar nicht einverstanden. Er wendet seinen Blick konsequent ab, starrt auf den «schönen alten Moser» und pfeift innerlich wohl Volkslieder aus seiner Zeit (1818–1880) in der Endlosschlaufe, um seinen Ärger mit Würde zu ertragen.

Da stehen jetzt also 20 Meter Chipperfield. Die grossen Öffnungen und der Raster der Baugerüste mit den orangen Holzladen auf jeder Etage nehmen der Wand ihre Wucht, legen über die riesige Betonwand ein feines Raster. Noch drehen vier Krane, einer an jeder Ecke des quadratischen Baus, darüber ihre Runden, transportieren weitere Elemente der Betonschalung an ihren Bestimmungsort. Steht man auf dem Trottoir vor der Fassade und schaut in den Himmel, wird einem ob dem Kranballett fast schwindlig. Wie die Fassade dereinst aussehen wird, zeigt das Modell hinter dem Neubau. Es ist klein und versteckt, umgeben von zahllosen Baucontainern.

Der Neubau erhält eine feinrastrige vertikale Struktur. Verschiedene Steinmuster lehnen an das Modell, Natursteine, die sich nur in Nuancen von Gelb voneinander unterscheiden. Hier wird später ein schöner Garten angelegt, der zum Kunsthaus gehören wird. Noch ist das schwer vorstellbar, mit all den ­Baracken, Installationen, Materiallagern und Autos der Arbeiter, die sich hier auf engstem Raum drängen.

Auf dem Bau läufts nach Plan

Überhaupt ist hier wenig Platz für eine so grosse Baustelle. Von einer «logistischen Herausforderung» spricht Björn Quellenberg vom Kunsthaus. Deshalb würden auf der Rückseite noch ­riesige Lücken im Bau klaffen. Anders wäre es nicht möglich, das Baumaterial ins Gebäude hinein- und Gerüste, Maschinen, Betonschalungen wieder herauszu­fugen. Trotz des anspruchsvollen Baus: «Die Arbeiten kommen planmässig ­voran», sagt Quellenberg. Alles auf Kurs für eine Eröffnung des Millionenprojekts (Zielkosten 180, Kostendach 206 Millionen) im Jahr 2020.

Derzeit wird der Eingang des bestehenden Kunsthauses für den Tunnel zwischen Neu und Alt unterfangen. Das heisst: Äusserst aufwendig und mit viel Beton wird der Verbindungsgang unter die bestehende Bausubstanz gebaut. An diesem Nachmittag drehen vor dem alten Eingang drei Betonmischer ihre Ware. Der Tunnel ist vom Neubau her unter dem Heimplatz hindurch gebaut worden; noch fehlen wenige Meter – und der «Anschluss» an den Moser-Bau von 1910 ist geschafft. Der Rohbau, sagt Quellenberg, sollte bis im Sommer abgeschlossen sein. Dann wird nicht nur der Heimplatz, sondern auch auf der Rämi- und der Kantonsschulstrasse ein neues Raumgefühl entstehen. Der Rämistrasse wird der Chipperfield kaum zusetzen, hingegen dürfte die Kantonsschulstrasse dereinst einer Schlucht gleichen.

Der Platz, den Zürich verdient

Jetzt steht man also da, vor dem Koloss, und denkt an die Worte des ehemaligen Stadtbaumeisters Patrick Gmür. Er sass am Fenster des 9er-Trams und sagte: «Die Stadt erhält die Kunsthaus-Erweiterung, die sie verdient.» Er tat es mit einem Lächeln, das keinen Aufschluss darüber gab, wie er es meinte. 20 Meter Beton schaffen den Heimplatz, den die Stadt verdient. Ein Ort, der mehr ist als ein Umsteigeplatz, mehr als ein Verkehrsknotenpunkt mit schönem Kioskhäuschen und ein bisschen verschämtem Grün. Dann wird sich vielleicht jemand auf das heute trostlose Bänklein setzen und den Raum auf sich wirken lassen. Und Ignaz Heim, nun, vielleicht wagt er dann sogar einen Blick rüber, weg vom Moser hin zum Chipperfield.


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Erstellt: 25.02.2018, 22:24 Uhr

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