Mysteriöse Streifen auf Zürcher Strasse

In Zürich verschwinden Parkplätze, zum Beispiel auf der Molkenstrasse im Kreis 4. Aber was dann? Dass auf Blech Leben folgt, ist nicht selbstverständlich.

Rot-Grün auf dem Asphalt: Die Molkenstrasse wurde von <nobr>46 Parkplätzen</nobr> befreit und erhielt dafür neue Markierungen.

Rot-Grün auf dem Asphalt: Die Molkenstrasse wurde von 46 Parkplätzen befreit und erhielt dafür neue Markierungen. Bild: Thomas Egli

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Autos, immer nur Autos. Viel mehr sah Andrea W. Müller nicht, wenn er aus dem Fenster seiner Papeterie Gartmann blickte. Jetzt sind sie weg. Und die Molkenstrasse im Kreis 4 fühlt sich irgendwie leer an.

Die parkierten Fahrzeuge reihten sich auf beiden Seiten der Quartierstrasse, bildeten Mauern aus Blech. Diesen Herbst hat die Stadt fast alle Parkfelder aufgehoben – 46 insgesamt. Sie befinden sich jetzt unter dem Boden, im benachbarten Parkhaus Helvetiaplatz. Gut 540 Quadratmeter Strasse stehen seither frei.

Nach dem Entfernen der Parkplatzmarkierungen hat die Stadt eine Begegnungszone eingerichtet. Tempo 20, Vortritt für Fussgänger. Grosse Dreiecke, in Rot und Grün auf den Asphalt gemalt. «Begegnen tut sich hier aber niemand, es hat kaum Leute im Vergleich zu früher», sagt Müller. «Und niemand weiss so recht, was mit dem Platz anzufangen.»

Foto: Thomas Egli

Dank den verschwundenen Parkplätzen hat Müller freie Sicht auf Andys Fischershop, der gleich gegenüber der Strasse liegt. Der Leerraum macht auch dessen Besitzer, André Bleiker, ein wenig ratlos. «Und dann diese rot-grüne Malerei auf dem Boden. Niemand weiss, was die bedeutet», sagt Bleiker. Laut der Dienstabteilung Verkehr sollen die Farben den Autofahrern anzeigen, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Strasse handelt. Verlangsamung durch Irritation.

Stadtraum für alle

Die Fragen, die Müller und Bleiker umtreiben, werden sich in Zürich noch oft stellen. In der City wird die Stadt bald 770 Parkplätze streichen. Dazu kommt ein Gesetz, das seit über 40 Jahren bei allen Neubauten private Parkplätze vorschreibt. Der Bedarf an Parkfeldern im Strassenraum sinke somit laufend, sagt Sabina Mächler, Sprecherin beim städtischen Tiefbauamt. «Blaue-Zone-Parkplätze können abgebaut werden. Dadurch gewinnen wir Stadtraum zurück.»

Dieser Raum braucht die Stadt oft für Velospuren oder breitere Trottoirs. Aber längst nicht immer. Dann lässt er sich anders verwenden. Nur wie?

Foto: Thomas Egli

«Das hängt stark davon ab, wo sich die aufgehobenen Parkplätze befinden. Jeder Ort hat eine eigene Identität», sagt Alexander Erath, Mobilitätsforscher an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Auf dem Münsterhof, wo 55 Parkplätze verschwanden, sei die Ausgangslage eine ganz andere als an der Molkenstrasse. Allgemein gelte: Es braucht Anknüpfungspunkte, damit Menschen stehen bleiben. Dazu eigneten sich Bäume, Stühle, Bänke. «Leerer Raum allein wirkt nicht einladend», sagt Erath.

Vorbild Bullingerplatz

Ähnlich sieht es das städtische Tiefbauamt: Damit Menschen einen Platz nutzen, müssten Gestaltung und Infrastruktur stimmen, sagt Sprecherin Sabina Mächler. «Es braucht Sitzbänke und Schatten für diejenigen, die verweilen. Und es braucht kurze Wege für diejenigen, die vorbeigehen.» Eine solche Rückeroberung könne länger dauern. Meistens gelinge sie aber in wenigen Jahren. Als geglückte Beispiele nennt Mächler den Rennweg, die Schützengasse, das Plätzlein vor dem Denner an der Langstrasse im Kreis 5 oder die Weststrasse:

Foto: Dominique Meienberg

Was genau passiert, wenn die Parkplätze weg sind, könne man nie genau wissen, sagt Alexander Erath. Daher sollten die Behörden eine gewisse Offenheit beibehalten und ihre Planung spontan anpassen. «Dafür eignen sich mobile Eingriffe.»

Dieses Vorgehen hat einen englischen Namen: tactical Urbanism. Viele Städte betreiben eine Umverteilung ihres Strassenraums. Alexander Erath spricht von einer «globalen Bewegung». Es gibt Handbücher dafür, wie sich «Pocketparks» – kleine Pärke auf städtischen Freiflächen – mit einfachen Mitteln gestalten lassen. Blumenkisten, Stühle, farbiger Boden oder Holzmöbel sollen Autos fernhalten und Menschen anlocken.

Wichtig findet Erath, dass niemand ausgeschlossen werde. Der Strassenraum gehöre allen. Eine Lösung in diesem Geiste sei Zürich am Bullingerplatz gelungen:

Foto: Doris Fanconi

Wegen der steigenden Temperaturen dränge sich in den Städten an vielen Orten eine Begrünung auf, sagt Erath. Ein doppelter Gewinn: Parkierte Autos heizen. Bäume kühlen. Auch die Stadt Zürich will anstelle von Parkfeldern «Grünbereiche» schaffen. Etwa an der Molkenstrasse. Deren Neugestaltung beginnt nächsten Sommer. Es gibt neue Bänke und Veloabstellplätze, dazu werden zwölf Bäume gepflanzt. Auch auf dem Münsterhof prüft das Tiefbauamt Wege, um Schatten zu schaffen.

Aber reichen Bäume und Bänke, um Parkplätze zu kompensieren? Nein, findet Sibylle Wälty, Forscherin am ETH-Wohnforum. Ihre Untersuchungen hätten gezeigt, dass ein Parkplatz die Umgebung stark belebe; so stark, wie wenn auf der Parkplatzfläche bis zu sechs Menschen leben würden. «Als Ersatz braucht es darum mehr Wohnungen. Jeder zusätzliche Bewohner bringt Leben ins Quartier.» Mehr Wohnungen würden laut Wälty gleichzeitig die Autoabhängigkeit vermindern, weil in der Stadt fast alles Nötige in Gehdistanz liege.

Leute vor dem Laden

Gewerbler an parkplatzbefreiten Zonen wünschen sich vor allem eines: Dass vor ihren Läden etwas läuft. Auf dem Münsterhof sei dies noch nicht der Fall, sagt Lorenz Schmid, dessen Apotheke in der Nähe liegt. Der Platz biete zu wenig Aufenthaltsqualität. «Solche entsteht nicht durch temporäre Aktionen. Die Menschen müssen sich zu jeder Zeit wohlfühlen.» Die angrenzenden Geschäfte hätten bei der Stadt eigene Ideen zur Belebung eingebracht. Ohne Erfolg, sagt Schmid. Das sei ärgerlich.

«Wenn viele Leute an meinem Laden vorbeispazieren, werden auch einige von ihnen hineinkommen», hofft Andrea W. Müller von der Papeterie an der Molkenstrasse. Momentan passiere das Gegenteil. Wegen der «ausgestorbenen Strasse» habe er weniger Kunden als vorher.

André Bleiker vom Fischershop zweifelt daran, ob die Molkenstrasse sich je zu einer Flaniermeile entwickeln wird. «Dafür ist hier nicht der Ort.» Er befürchtet umgekehrt, dass die Begegnungszone vor allem Randständige anlocke. Im Kreis 4 sei dies nicht ganz unwahrscheinlich. «Meinem Geschäft würde das kaum helfen.»

Erstellt: 11.12.2019, 17:15 Uhr

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