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Plötzlich gibt es Zweifel an der Tagesschule

Zürich stützt ein Pilotprojekt auf positive wissenschaftliche Erkenntnisse. Warum es nun Vorbehalte gibt.

Hat die Tagesschule Vorteile gegenüber traditionellen Schulmodellen? Foto: Dominique Meienberg
Hat die Tagesschule Vorteile gegenüber traditionellen Schulmodellen? Foto: Dominique Meienberg

Es sollte Gerold Laubers grosser Triumph werden. Zum Schluss seiner 12-jährigen Amtszeit will der CVP-Stadtrat eines seiner wichtigsten Projekte erfolgreich hinterlassen: Alle Zürcher Schulhäuser sollen in Tagesschulen umgewandelt werden. Lange gab es kaum Widerstand gegen das Modell «Tagesschule 2025».

In den ersten Pilotschulen, welche das Projekt umsetzen, sind über 90 Prozent der Eltern begeistert. Auch die grosse Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer steht hinter dem Projekt. Lauber nutzte die grosse Zustimmung bisher und pries stets die Fortschrittlichkeit und Zukunftsfähigkeit seiner Schulen. Noch in hundert Jahren werde man sich an die ersten Zürcher Tagesschulen erinnern, sagte Lauber kürzlich selbstbewusst an einer Schulhauseröffnung.

Doch seit einigen Wochen ist Sand ins Reformgetriebe gekommen – und zwar von einer unerwarteten Seite. Eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie der Universität Bern hat ergeben, dass die Erwartungen in die Tagesschulen zu hoch seien. «So wie die Angebote heute konzipiert sind, zeigt sich nicht, was man sich erhofft hat», fasste die Leiterin der Studie, Pädagogikprofessorin Marianne Schüpbach die Ergebnisse ihrer Studie zusammen. Weder schulisch noch sozial hätten Tagesschulkinder Vorteile gegenüber Kindern aus traditionellen Schulmodellen.

Versuchter Befreiungsschlag

Nun versucht Lauber den Befreiungsschlag und zieht im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» eine weitere Studie herbei. Sie ist zwar bereits aus dem Jahr 2010, pikanterweise steht aber ebenfalls Marianne Schüpbach dahinter. Lauber sagt, er habe auf jener Studie von 2010 seine Argumente für die Reform aufgebaut. Diese Studie hatte klare Vorteile für die Tagesschulen ergeben, sowohl bei den Schulleistungen der Kinder als auch bei deren Sozialverhalten.

Die Differenzen zwischen den Studien erklärt Schüpbach unter anderem mit unterschiedlichen Stichproben. Bei der Studie von 2010 wurden sowohl offene Tagesschulen mit einem freiwilligen Angebot als auch gebundene Schulen angeschaut. Bei Letzteren waren Mittagessen und integrierte Zeit für Aufgaben und andere Aktivitäten obligatorisch. In der Studie von 2017 seien nur offene Tagesschulen mit freiwilligen Angeboten untersucht worden.

Doch als Hauptargument für die unterschiedlichen Ergebnisse nennt Schüpbach den unterschiedlichen Beobachtungszeitraum. Für die Studie von 2010 habe man die Kinder drei Jahre, für die Studie von 2017 nur noch zwei Jahre begleitet. Dieser Zeitraum sei sehr kurz, um Veränderungen festzustellen. Auch in der Studie von 2010 seien die wesentlichen Differenzen erst im dritten Untersuchungsjahr aufgetreten. Für einen dreijährigen Beobachtungszyklus haben der Forscherin in der zweiten Studie die finanziellen Mittel gefehlt.

Ein Steilpass für die SVP

Die Steilvorlage von Marianne Schüpbachs zweiter Studie hat die SVP dankbar aufgenommen. Sie verlas im Gemeinderat bereits eine geharnischte Erklärung: Gerold Lauber wolle mit «hohlen Versprechungen und geschönten Zahlen eine Staatsschule à la DDR» durchdrücken. Man werde sich gegen dieses «Buebetrickli» zur Wehr setzen, kündigte die Volkspartei an. Dabei bezog sich die SVP auch auf Schüpbachs Studie: Mit den Tagesschulen werde weder die Leistung verbessert noch die Integration gefördert.

Für Lauber ist dieser Gegenwind beunruhigend, weil er im Stadtparlament eben ein Kreditbegehren von 68 Millionen Franken gestellt hat, mit denen nach sechs Pilotschulen weitere 24 normale Schulen zu Tagesschulen umgebaut werden sollen.

Dass in Zürich mit ihrer Studie gegen die Tagesschule 2025 Stimmung gemacht wird, bedauert Schüpbach, die mittlerweile in Deutschland an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg tätig ist. Die Forscherin ist überzeugt, dass Tagesschulen ein grosses Potenzial haben, «vor allem wenn auch ihre ausserschulischen Angebote verbindlich und qualitativ gut sind». Das Zürcher Tagesschulmodell betrachtet Schüpbach nach wie vor als «einen Schritt in die richtige Richtung».

Schulische Ziele sind sekundär

Auch der Zürcher Erziehungswissenschaftler Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation an der Universität Zürich sieht in den Tagesschulen ein Zukunftsmodell. Allerdings warnt auch er vor zu hohen Erwartungen. Schliesslich sei eine Tagesschule in erster Linie dazu da, die Betreuung der Kinder zu verbessern und die Eltern zu unterstützen: «Wenn wir die Schulleistungen der Kinder verbessern wollen, machen wir dies besser mit Förderprogrammen im Unterricht. Das ist viel effizienter.»

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