Plötzlich im Aufwind

Der Wahlkampf des grünliberalen Stadtratskandidaten Andreas Hauri hat eine erstaunliche Wendung genommen. Manche vermissen ein klares politisches Profil.

Vor seinem Unort, dem Bauschänzli: Der grünliberale Stadtratskandidat Andreas Hauri. Video: Lea Blum

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Manchmal kann es schnell gehen in der Politik. Das erlebt gerade der Grünliberale Andreas Hauri. Der 52-jährige Kantonsrat, dem bis vor kurzem kaum Chancen auf eine Wahl in die Stadtregierung eingeräumt wurden, gilt seit letzter Woche als so etwas wie ein Überflieger. Der überraschende Rücktritt von SP-Stadträtin Claudia Nielsen hat Hauris Chancen, einen der drei frei werdenden Stadtratssitze zu erobern, markant ansteigen lassen. Laut Wahlumfragen dürfte der Verzicht der SP auf ihren vierten Sitz dem Grünliberalen in die Hand spielen.

Hauris Partei liess nichts anbrennen. Kaum hatte die unglücklich agierende Nielsen am Mittwoch ihren Verzicht verkündet, brachte die GLP ihren Kandidaten in Stellung: «Andreas Hauri ist bereit, das Gesundheitsdepartement zu übernehmen», verkündete die Partei forsch.

Kein Zweifel: Hauri ist so etwas wie der Mann der Stunde im Zürcher Wahlkampf. «George Clooney» nennen ihn einige im Kantonsrat – weil er so cool und smart wirke. Auf Wahlpodien zeigt sich der frühere Marketingleiter und heutige Geschäftsführer der KV Bildungsgruppe Schweiz offen, locker und ziemlich unideologisch. Auch im persönlichen Gespräch erweist er sich als netter, umgänglicher Typ und verständnisvoller Zuhörer. Man fragt sich unwillkürlich: Kann ein so freundlicher und konzilianter Mensch auch einmal anders? Kante zeigen? Harte Entscheide vertreten?

Der Digitalisierungs-Turbo

Fortschritt, Innovation und immer wieder Digitalisierung. So lautet Hauris Motto im Wahlkampf. Eine Marke hat er dabei schon früh gesetzt – mit der Forderung nach einem «Digitalisierungsminister» für Zürich; ein Amt, für das er sich gleich selber empfiehlt. Daneben hat er eine «Innovationsagenda» zusammengestellt. Die Kernpunkte: mehr Schub bei Velo-Schnellrouten und E-Mobilität, Antragsrechte für Ausländer und Jugendliche, Reduktion der Stadtratsmitglieder von 9 auf 7 und eine Neuverteilung der städtischen Kulturgelder.

Doch trifft er mit seinem Digitalisierungs-Mantra wirklich den Nerv der Bevölkerung, ist er damit nahe genug an deren konkreten Problemen? Andere Politiker sind skeptisch. «Ich frage mich, ob Hauri die Digitalisierungs-Leerformeln auch mit Inhalten zu füllen vermag», sagt Davy Graf, SP-Fraktionschef im Gemeinderat. Zudem sei die GLP bei diesem Thema nicht frei von Widersprüchen. Bei der Beratung des städtischen Budgets im Dezember habe ausgerechnet jene Partei, deren Kandidat lauthals für eine Digitalisierungs-Offensive weibelt, einer Kürzung bei der Abteilung Organisation und Informatik Zürich zugestimmt.

Genug vertraut mit Stadtpolitik?

Für Markus Kunz, Grünen-Fraktionschef im Gemeinderat, hinterlässt Hauri als Politiker bisher wenig Eindruck: «Wie ein Schluck warmes Wasser.» Er vermisst zudem eine kritischere Haltung gegenüber der Digitalisierung und eine stärkere Gewichtung des Datenschutzes. AL-Fraktionschef Andreas Kirstein fragt sich, ob Hauri genügend mit der städtischen Politik vertraut sei und über das nötige Rüstzeug dafür verfüge.


«Auf dem Koch-Areal war kein Sodom und Gomorrha» Was Andreas Hauri in Zürich bewirken will. Der Stadtratskandidat im Interview.


Isabel Garcia, GLP-Fraktionschefin im Gemeinderat, streicht Hauris Stärke hervor, «immer wieder neue Ideen einzubringen» und Wege zu suchen, diese in den politischen Prozess einzuschleusen und Koalitionen zu schmieden, um den Ideen zum Durchbruch zu verhelfen. Weil er eine sehr kommunikative und umgängliche Person sei, finde er auch rasch Verbündete.

Positiv äussern sich auch Kollegen aus dem Kantonsrat, dem Hauri seit 2012 angehört. Offen, nett, ein Querdenker, der nicht so schnell lockerlässt, heisst es dort. Aber Hauri sei auch einer, der politisch nicht recht fassbar sei. Und einer, der bisher im Rat noch keine allzu grossen Stricke zerrissen habe.

Hauris Vorstösse im Kantonsrat zeugen, positiv ausgedrückt, von einem breiten Interessensspektrum. Andere sprechen von einer gewissen Beliebigkeit. Da geht es um eine U-Bahn für Zürich, um die Lockerung des Denkmalschutzes, Tempo 80 auf Autobahnen, die Unternehmenssteuerreform III, eine Jugendinitiative und manches mehr.

Hauri führt einen engagierten Wahlkampf, gerade auch online. In seinem Webauftritt gibt er, untermalt von Power-Rock, den urbanen Macher. Im Tuktuk gondelt er durch die Stadt und wirbt in Jeans, weissem Hemd und mit Dauerlächeln für seine «Innovationsagenda». Auffallend: Hauri richtet sich stark an junge Wähler, wie seine Werbung etwa auf dem Newsportal «Watson» zeigt. Zudem zeigt er sich als gewiefter Selbstvermarkter. Potenzielle Wählerinnen und Wähler lädt er schon mal zum «Crowdcooking» zu sich nach Hause ein, wo er mit seiner erwachsenen Tochter lebt.

Die Stadtpartei lässt sich Hauris Wahlkampf 80 000 Franken kosten, dazu kommen Spenden von gut 20 000 Franken. Der Kandidat selbst steuert über 10 000 Franken bei. Es gibt eine Erfolgsklausel: Bei einer Wahl bezahlt Hauri der GLP einen Grossteil der Gelder zurück.

Unterstützung erhält der Grünliberale von prominenter Seite: SP-Ständerat Daniel Jositsch sprach sich ebenso für ihn als Stadtrat aus wie der grüne Nationalrat Bastien Girod – «auch um grossen sozialen und ökologischen Rückschritt mit @susanne_brunner zu verhindern», wie Girod letzte Woche twitterte.

Zwischen den Blöcken

Klar: Ein frischer Wind und unabhängiger Geist zwischen dem Links- und Rechtsblock könnte der Zürcher Stadtregierung ganz guttun. Nur: Bisher drohte die GLP bei Exekutivwahlen eben zwischen diesen Blöcken vergessen zu gehen. Dies musste bei den letzten Wahlen Kandidat Samuel Dubno schmerzhaft erfahren. Trotz guten Umfragewerten stellt sich auch bei Hauri die Frage: Wie viele Wählerinnen und Wähler sind bereit, ihre Stimme einem Newcomer zu geben, dessen Partei für viele immer noch einer politischen Wundertüte gleicht?

Entscheidend wird sein, ob es Hauri im Wahlkampfendspurt gelingt, sein politisches Profil noch mehr zu schärfen. Und ob er der Wählerschaft glaubhaft machen kann, dass er mehr ist als der ambitionierte Digitalturbo – dass er in der Lage ist, Substanzielles zu liefern zur Lösung ganz konkreter Probleme, sei es im Bereich Wohnen, Verkehr, Sicherheit oder Gesundheit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 07:28 Uhr

Steckbrief

Andreas Hauri

Geboren 13. Oktober 1966, aufgewachsen in Kloten

Ausbildung Eidg. dipl. Marketingleiter

Berufliche Stationen Leiter Kundenbeziehungsmanagement Privatkunden Zürcher Kantonalbank Leiter Marketing Piatti und Forster Küchen Leiter Marketing DHL Express (Schweiz) AG Geschäftsleiter Küche Schweiz Geschäftsführer KV Bildungsgruppe Schweiz AG


Politische Stationen 2011–2012 Gemeinderat Stadt Zürich Seit 2012 Kantonsrat

Familie 2 erwachsene Kinder, geschieden

Haustier Keines

Auto Kleinwagen (VW)

Vereinsmitgliedschaften Swiss Marketing Kaufmännischer Verband Zürich

Verwaltungsratsmandate Keine

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