Polizei kam dem Mörder im Darknet auf die Spur

Durchbruch im «Mordfall Seefeld»: Der mutmassliche Täter Tobias Kuster ist verhaftet worden. Er wollte sich im Internet eine Waffe beschaffen. Er ist geständig.

«Erleichtert»: Justizdirektorin Jacqueline Fehr gestern vor den Medien. Foto: Doris Fanconi

«Erleichtert»: Justizdirektorin Jacqueline Fehr gestern vor den Medien. Foto: Doris Fanconi

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Seit über einem halben Jahr hat die Polizei nach dem 23-jährigen Tobias Kuster gefahndet, dem «Seefeld-Mörder», der einen 43-jährigen Schweizer niedergestochen haben soll. Vor ein paar Tagen konnte Kuster verhaftet werden – er war der Berner Polizei durch Zufall ins Netz gegangen. Kuster hatte sich vermutlich im Kanton Jura versteckt.

Wurde Ex-Freundin verhaftet?

An einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz orientierten Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) und der zuständige Staatsanwalt Adrian Kaegi über die Verhaftung. Laut Kaegi ist Tobias Kuster am 18. Januar im Kanton Bern festgenommen worden und ist grundsätzlich geständig. Die Kantonspolizei Bern hatte Kuster im Visier, weil er versucht hatte, eine Schusswaffe zu kaufen. Denn die Berner Staatsanwaltschaft für besondere Aufgaben führte ein Strafverfahren wegen versuchten illegalen Waffenkaufs im Darknet durch. Die Ermittlungen führten zu einem Kaufinteressenten, die Polizei nahm mit dem Unbekannten Kontakt auf. Bei der vereinbarten Waffenübergabe in einem Ort im Kanton Bern wurde der Mann verhaftet.

Die weiteren Abklärungen ergaben, dass es sich um den international ausgeschriebenen Tobias Kuster handelt. «Es war ein Zufallsfang», sagte Staatsanwalt Adrian Kaegi. Inzwischen wurde der Beschuldigte nach Zürich überstellt und befindet sich in Untersuchungshaft. Die Polizei im Kanton Zürich und jene im Kanton Jura führten Hausdurchsuchungen durch, dabei wurden zwei weitere Personen verhaftet. Auch diese sind in Untersuchungshaft.

Mutmasslicher Täter verhaftet

Ob es sich dabei um Fluchthelfer handelte, wollte Kaegi nicht sagen. Laut TA-Recherchen soll es sich bei der im Kanton Zürich verhafteten Person um Kusters ehemalige Freundin und Mutter der gemeinsamen vierjährigen Tochter handeln. Eine ihr nahestehende Person versuchte in den letzten Tagen vergeblich, die Frau zu erreichen. Bekannt ist auch, dass Kuster nach Abbruch der Beziehung zur Freundin Anfang 2014 weiterhin einen guten Draht zu ihr hatte. Eine Bekannte spricht von einer «unglücklichen Symbiose».

Opfer war IT-Spezialist

Justizdirektorin Jacqueline Fehr dankte den Ermittlern und sprach von einer grossen Leistung. Sie sagte, dass sie froh sei, dass die Angehörigen des Opfers nun etwas mehr Klarheit hätten. «Die Verhaftung des Täters ist für alle Beteiligten eine Erleichterung.»

Weiterhin unbekannt ist, ob sich Opfer und Täter kannten und was das Tatmotiv war. Beim Opfer handelt es sich um einen alleinstehenden 43-jährigen Schweizer, der in einem Mehrfamilienhaus in Höngg wohnte. Der Mann arbeitete die letzten zwei Jahre als IT-Koordinator am botanischen Institut der Universität im Botanischen Garten im Zürcher Seefeld, zuvor war er IT-Fachmann am Institut für Banking und Finance an der Universität. Im Botanischen Garten war nach der Tat eine interne Gedenkfeier durchgeführt worden. Der 43-Jährige wird als beliebter und guter Mitarbeiter beschrieben. Laut einer Bekannten konnte der Mann keiner Fliege etwas zuleide tun.

Das Opfer war am frühen Nachmittag des 30. Juni 2016 in der Unterführung Altenhof-/Mühlebachstrasse vom Täter niedergestochen worden. Danach schleppte sich der Schwerverletzte noch rund hundert Meter weiter und brach tot zusammen. Laut einem Mitarbeiter des Botanischen Gartens ging der 43-Jährige in der Mittagspause oft zum nahen See, der Weg führt am Tatort vorbei. Anwohner hatten den Mann zuvor in der Unterführung gesehen, wo er ein Bier trank. Es habe den Anschein gemacht, dass er auf jemanden warte.

Nach Hafturlaub geflohen

Wenige Tage nach der Tat fahndete die Polizei nach Tobias Kuster – er hatte am Tatort Spuren hinterlassen. Denn Kuster war der Polizei bestens bekannt. Er war eine Woche vor der Tat, am 23. Juni, von seinem zweiten Hafturlaub bei seinen Eltern nicht mehr in die Strafanstalt Pöschwies zurückgekehrt. Kuster sass dort eine fünfjährige Strafe ab. Er wurde national und international zur Verhaftung ausgeschrieben und die Polizei setzte eine Belohnung von 10'000 Franken aus.

Tobias Kusters Leben ist geprägt von Sonderschulen, Heimen, Drogen, Lehrabbruch, Delinquenz und Verhaftungen. Der in der Gemeinde Humlikon im Zürcher Weinland aufgewachsene junge Mann wurde bereits als 19-Jähriger Vater einer inzwischen vierjährigen Tochter. Er sei ein «liebevoller und zärtlicher Vater», sagen Bekannte.

Eigenes Grab ausheben

Kuster war im Februar 2014 verhaftet worden. Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte ihn wegen Freiheitsberaubung, räuberischer Erpressung, Raub, Nötigung und weiterer Delikte zu fünf Jahren. Kuster und vier Komplizen hatten im Winter einen Marihuanadealer, der ihnen rund 10'000 Franken schuldete, auf offener Strasse in einen Lieferwagen gezerrt, gefesselt und geprügelt. Sie fuhren den Dealer in ein Waldstück, wo sie ihn aufforderten, mit einer Schaufel sein eigenes Grab auszuheben. Dabei schossen die Entführer mit einer Schreckschusspistole in die Luft, später liessen sie den gefesselten Mann im Schnee allein zurück. Das Zürcher Obergericht bestätigte die Strafe. Seitdem sass Kuster bis zur Flucht in der Strafanstalt Pöschwies.

Erstellt: 25.01.2017, 23:38 Uhr

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