Auf Probefahrt für die Züri-Bahn

Koblenz hat, was Zürich bekommen soll: eine temporäre Seilbahn. Wie fährt sie sich? Nervt sie die Bewohner? Eine Reportage.

In Koblenz schweben die Gondeln bereits seit 2011 über das Wasser des Rheins. Video: Helene Arnet, Sarah Fluck

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Wo ist denn die Seilbahn? Die Jugendlichen, die am Rheinufer sitzen und Selfies machen, schauen irritiert auf. Dann sagen sie: «Gleich dort vorn! Über dem Rhein.» Erst als die Sonne sich in einer Gondel spiegelt, sehen wir sie. Sie fährt so langsam, dass die Kabinen scheinbar stehen bleiben. Und da diese fast nur aus Fenster bestehen, heben sie sich vor dem Hintergrund kaum ab. Der Hintergrund ist erst Wasser, dann Wald.

Die Seilbahn, die in Koblenz die Stadt mit der am anderen Ufer auf einem Felskegel stehenden Festung Ehrenbreitenstein verbindet, gibt es erst seit 2011. Sie wurde damals für die Bundesgartenschau gebaut und sollte 2013 wieder verschwinden. Doch dazu später. Erst muss erklärt werden, weshalb eine Zürcherin nach Koblenz reiste und über die Bahn berichtet.

«Das Referenzprojekt unserer Seilbahn fährt in Koblenz», erklärte unlängst Dagmar Laub, Kommunikationschefin der Zürcher Kantonalbank, an einem Pressegespräch. Die ZKB will als Hauptattraktion ihres 150-Jahr-Jubiläums eine 1,3 Kilometer lange Seilbahn über den Zürichsee spannen.

Nach fünf Jahren soll sie abgebaut werden. Das Geschenk kommt nicht überall gut an. In den Quartieren Wollishofen und Seefeld, wo die Stationen zu stehen kämen, formiert sich Widerstand. Auch der VCS ist nicht angetan von der Idee.

Als Referenz empfohlen

Allerdings ist es gar nicht so einfach, sich aufgrund von Visualisierungen und Hochrechnungen ein Bild zu machen, wie die Seilbahn Zürich verändern wird. Da ist uns Koblenz voraus. Doch weshalb hat die ZKB die Koblenzer Schwebebahn als Referenz genommen? «Wir hatten im Rahmen der Machbarkeitsstudie Kontakt mit der Firma Doppelmayr/Garaventa, der Weltmarktführerin im Seilbahnbau. Sie machte uns auf die Seilbahn in Koblenz aufmerksam», sagt Dagmar Laub.

Tatsächlich weist die Koblenzer Seilbahn, die von der Doppelmayr-Tochterfirma Skyglide Event betrieben wird, viele Parallelen zur geplanten Züri-Bahn auf. Sie führt über ein stark befahrenes Gewässer in einer auf optische und akustische Eingriffe empfindlichen Landschaft. Und es pendeln in den Kabinen eher Ausflügler als Berufstätige. Auch technisch sind sie vergleichbar: In Koblenz sind 18 Panorama-Gondeln unterwegs, in denen maximal 35 Personen Platz finden. In Zürich sind 14 35-Personen-Kabinen geplant. Und auch die Koblenzer Seilbahn war temporär geplant und wurde nicht von allen freudig begrüsst.

Video: Was Zürcher von der Seilbahn halten

Strassenumfrage: Wollen die Zürcher Gondeln über dem See? Video: Tages-Anzeiger/Lea Blum

«Auch bei uns gab es kritische Stimmen vor allem im Zusammenhang mit der Talstation», sagt David Langner, der Oberbürgermeister von Koblenz. «Die Bedenken kamen aber weniger von den Quartierbewohnern, sondern vor allem von Denkmalschützern, welche die mittelalterliche Kastor-Basilika durch die Talstation bedrängt sahen.»

Vor dieser Talstation stehen wir jetzt mit Eugen Nigsch, dem Geschäftsleiter der Skyglide Event Deutschland. Sie erinnert etwas an eine überdimensionierte Raupe und wirkt recht massiv in der Umgebung. «Diesen Raum dürften auch die Stationen in Zürich einnehmen», sagt Nigsch. Die Stützen sind dagegen recht bescheiden, doch müssten diejenigen in Zürich rund dreimal so hoch sein, denn dort geht es flach über den See, während es hier 112 Meter bergauf geht.

Blick aus einer Gondel auf das Deutsche Eck. Foto: Helene Arnet

Die Kabinen fahren langsam ein und aus. Und sehr leise. Kein Einrasten, kein Rumpeln, nur ein Summen. Weil das Wetter nicht so schön ist, gibt es trotz Hochsaison keine Warteschlange. Längere Wartezeiten seien ohnehin selten, sagt Nigsch. «Bei grösserem Ansturm könnten wir doppelt so schnell fahren. Doch geht es ja nicht darum, möglichst viele Personen so schnell wie möglich zu transportieren, wie in einem Skigebiet.»

Mit uns steigen sechs Personen ein, alle haben beste Sicht. Als die Kabine nach der ersten Stütze über dem Rhein schwebt, schnappen einige hörbar nach Luft. Wir blicken auf eine Minigolfanlage auf dem Deck eines Flusskreuzfahrtschiffs, das unter uns durchgleitet, dann kommt das Deutsche Eck in den Blick, wo die Mosel in den Rhein fliesst. Auf die riesige Reiterstatue könnten wir dereinst in Zürich gern verzichten. Die Ledischiffe und die Güterzüge am Ufer sind in einer Modelleisenbahn-Welt unterwegs.

Weiche Knie überm Wasser

Als wir in der Mitte des Rheins schweben, hoch über dem Wasser, ist es zwar immer noch schön, aber irgendwie fühlen sich die Knie plötzlich gummig an. Was passiert bei einer Panne? Müssen wir uns dann über dem Wasser abseilen? Schon stellen sich Bilder ein, wie wir in einer Glasgondel im Föhnsturm über dem Seebecken schaukeln, sich vom Zürichberg her knatternd rote Helikopter nähern und wir durch die Lautsprecher instruiert werden, dass unsere Evakuierung im Gang sei.

Jetzt beginnen auch noch zwei Fahrgäste zu erzählen, wie sich vor einem Jahr bei der Kölner Seilbahn eine Leine um eine Gondel gewickelt hat und die Fahrgäste auf Schiffe abgeseilt werden mussten. Da erreicht unsere Gondel die obere Stütze und fährt gemächlich in die Bergstation ein.

Uns erwartet der Betriebsleiter Peter Magnus. Fast unhöflich schnell platzt die Frage heraus: «Was geschieht, wenn die Bahn eine Panne hat?» – «Das Abseilen ist im Rettungskonzept dieser Bahn nicht einmal vorgesehen», sagt er. «Solche Bahnen sind so ausgerüstet, dass die Kabinen jederzeit in die Stationen eingefahren werden können. Auch bei stürmischem Wind.» Das sei bei modernen Bahnen Standard und werde bestimmt auch in Zürich so sein. Eine Gruppe von Rentnerinnen und Rentnern spaziert an uns vorbei in Richtung Seilbahn. Sie werden von einer Familie mit Kindern überholt. «Das ist unsere Klientel», sagt Magnus. Wir haben zwar recht viele Jahreskartenbesitzer, transportieren aber vor allem ältere Leute und Familien mit Kindern, die einen Ausflug machen.

Und Touristen, denn die Festung sei dank der Seilbahn als touristisches Ziel stark aufgewertet worden. Doch sei die Seilbahn für sich schon eine Attraktion. Nigsch erzählt: «Die häufigste Frage, welche die Geschäftsleitung gestellt bekommt, ist diejenige nach dem Fahrplan.» Das habe sie anfangs verwundert. Wie kann man bei einer Seilbahn nach dem Fahrplan fragen? «Dann realisierten wir, dass viele unserer Passagiere das erste Mal überhaupt in einer Schwebebahn fahren.»

Die Rentner schweben davon

Die Rentner schweben davon, die Familie steigt in die nächste Gondel, zu ihnen gesellen sich zwei Jugendliche mit voll bepackten Fahrrädern. Sie haben in der Jugendherberge übernachtet, die in die Festung integriert ist. «Das ist vom Gästeandrang her ein normaler Tag», sagt Magnus. Doch könnten wir 7600 Personen pro Stunde in beide Richtungen befördern. Das komme etwa dann vor, wenn auf der Festung eine Grossveranstaltung stattfindet.

Bilder: Städtische Luftseilbahnen im Fokus

«Während der Bundesgartenschau haben wir pro Tag im Schnitt 20’000 rauf und runter befördert, heisst 40’000 Fahrten gemacht», ergänzt Nigsch. Führte das nicht zu einem Verkehrschaos bei der Talstation? Anfänglich sei das zwar von manchen befürchtet worden, doch eingetroffen sei es nicht. «Es gibt eine Busstation in Gehdistanz, und die Fahrgäste verteilen sich über den ganzen Tag.» Wichtig sei einfach ein gutes Leitsystem.

«Die kommt nicht mehr weg»

Mittlerweile haben wir die Rückfahrt aufgenommen. Nigsch erzählt: «Als wir 2013 die Bahn rückbauen wollten, kam die Stadt auf uns zu und fragte, ob wir bereit wären, den Betrieb zu verlängern. Wir sagten, in Ordnung, wenn ihr die Konzession dafür bekommt.» Der Betrieb wurde bis 2026 verlängert. Nun mischt sich ein Fahrgast ein. Er sei Koblenzer, sagt er. Die Bahn gehöre mittlerweile zur Stadt. «Die kommt nicht mehr weg.»

Auch der Oberbürgermeister sagt: «Die kritischen Stimmen sind verstummt. Die Seilbahn hat sich als ökologisches Verkehrsmittel und Touristenattraktion etabliert. Und auch die Obere Denkmalschutzbehörde des Landes Rheinland-Pfalz hat die Verlängerung befürwortet.»

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Spricht so auch das Volk? Abends im Public Viewing im Deutschen Eck unweit der Talstation: Frankreich gegen Belgien. Fast ein doppeltes Heimspiel, beide Länder sind nur etwa 150 Kilometer entfernt. «Sind Sie von hier?» – «Woher denn sonst?» – «Was halten Sie von der Seilbahn?» – «Was soll ich davon halten?» – «Waren sie schon einmal drauf?» – «Das letzte Mal, als meine Mutter zu Besuch da war.» Ein anderer mischt sich ein: «An der Bundesgartenschau war sie im Preis inbegriffen.» – «Ich könnte eigentlich mit den Kindern wieder einmal gehen», sagt ein Kumpel. «Ärgert man sich im Quartier nicht darüber?» – «Weshalb, weil sie etwas kostet?» – «Nein, wegen des Lärms und des Verkehrs.» – «Verkehr haben wir auch ohne Seilbahn zu viel.» – «Hört auf zu quatschen, Anpfiff.»

Erstellt: 17.07.2018, 23:13 Uhr

ZKB-Projekt

Die Zeit wird knapp

Die Zürcher Kantonalbank feiert 2020 ihr 150-Jahr-Jubiläum. Hauptattraktion der Festivitäten soll eine 1,3 Kilometer lange Seilbahn über das untere Seebecken sein. Die Stationen sind auf der rechten Seeseite am hinteren Ende der Blatterwiese, auf der linken Seeseite im Süden des Strandbades Mythenquai geplant. Dazu kommen zwei 77 Meter hohe Stützen, die etwa fünfzig Meter vom Ufer entfernt im Seegrund verankert werden. Die Fahrt wird etwa eine Viertelstunde dauern, und es können pro Stunde maximal 4000 Personen in beiden Richtungen befördert werden. Allerdings muss das Projekt zuvor noch einige Hürden nehmen. Diese sind im Vergleich zu Deutschland oder Österreich, wo es in erster Linie um technische Richtlinien geht, um einiges zahlreicher. Laut ZKB sind bis im kommenden Herbst die verschiedenen Dossiers fertiggestellt, danach erfolgt das öffentliche Plangenehmigungsverfahren durch das Bundesamt für Verkehr, während dem auch Einsprachen möglich sind.

Noch sei man terminlich im Plan, heisst es bei der ZKB. Doch die Zeit eilt, will man bis Juni 2020 fertig sein. Die Planer gehen von einer Bauzeit von zwölf Monaten aus, in Koblenz wurden vierzehn Monate benötigt. Was geschieht, wenn sich der Baustart wegen Einsprachen verzögert? «Wir wollen die ‹Züri-Bahn› im Sommer 2020 in Betrieb nehmen», sagt Dagmar Laub von der Unternehmenskommunikation. «Wir lassen uns aber nicht von einem fixen Termin treiben. Wir realisieren die Bahn bei Bedarf auch später.» (net)

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