Entlassene ETH-Professorin sieht sich als Opfer

Der ETH-Rat entlässt Marcella Carollo nach Mobbing-Vorwürfen. Ihr Anwalt prüft nun rechtliche Schritte.

Der Mobbing-Fall um Astronomie-Professorin Marcella Carollo zieht sich nun schon über mehrere Jahre hinweg und hat die ETH Zürich zutiefst erschüttert. Foto: Lukas Mäder (13 Photo)

Der Mobbing-Fall um Astronomie-Professorin Marcella Carollo zieht sich nun schon über mehrere Jahre hinweg und hat die ETH Zürich zutiefst erschüttert. Foto: Lukas Mäder (13 Photo)

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Es ist ein Novum in der bald 164-jährigen Geschichte der Schweizer Hochschule: Die des Mobbings bezichtigte Astronomie-Professorin Marcella Carollo wird entlassen. Das gab der ETH-Rat gestern bekannt. Doktorierende hatten schwere Vorwürfe gegen Carollo erhoben. Diese reichten von Führungsschwäche über respektloses Verhalten bis zu Diskriminierung von Mitarbeitenden. Der ETH-Rat hält die Vorwürfe für gerechtfertigt, wie er mitteilt. Er habe seinen Entscheid gegenüber der betroffenen Person ausführlich begründet.

«Wir bedauern sehr, dass sich der Arbeitskonflikt mit der Professorin nicht anders lösen liess als durch die Entlassung seitens des ETH-Rates», teilt ETH-Präsident Joël Mesot auf Anfrage mit. «Dieser lange Prozess war für alle Beteiligten und für die ETH als Institution eine grosse Belastung. Es ist deshalb gut, dass mit dem Entscheid des ETH-Rates dieses Kapitel nun geschlossen werden kann.»

Da freut sich die ETH möglicherweise zu früh: Carollos Rechtsanwalt Martin Farner kündigt an, den Entscheid «mit grösster Wahrscheinlichkeit» vor dem Bundesverwaltungsgericht anzufechten: «Der 30-seitige Entscheid liegt mir erst seit drei Stunden vor. Wir sind jedoch nach wie vor der Meinung, dass die Vorwürfe gegen meine Mandantin nicht nachgewiesen sind», sagte Farner gestern Abend. Carollo selber will derzeit keine Stellung beziehen. Ihr Anwalt zeigt sich überzeugt: «Wenn Fehler begangen wurden, sind es solche, die nicht zur Entlassung berechtigen.»

Seine Kritik an der von der ETH in Auftrag gegebenen Administrativuntersuchung sei nie richtig geprüft worden, so Farner. Der gleichzeitig publizierte Bericht der ETH-Kommission sei berechtigterweise zum Schluss gekommen, dass auf eine Entlassung zu verzichten sei. «Warum dieser Bericht nicht in die Erwägungen einfliesst, ist unerklärlich», sagt Farner.

Vorwürfe hüben wie drüben

Der Mobbing-Fall um Marcella Carollo nahm seinen Anfang Ende 2016. Carollo war offenbar mit der Leistung ihrer Doktorandin Elisabetta Marignano (Name geändert) nicht zufrieden und plante, das Betreuungsverhältnis niederzulegen. Das tat sie dann auch am 25. Januar 2017, wie der später durchgeführten Administrativuntersuchung zum Fall zu entnehmen ist. Im gleichen Zeitraum wandte sich Marignano mit mehreren Stellungnahmen an die Leitung des Physik-Departements und an eine damalige Ombudsperson der ETH Zürich. Darin richteten mehrere Doktorierende schwere Vorwürfe an die Adresse von Carollo.

In den folgenden Monaten eskalierte der Konflikt. Carollo warf dem damaligen stellvertretenden und heutigen Leiter des Physik-Departements Rainer Wallny und dem Prorektor Antonio Togni vor, die gegen sie erhobenen Anwürfe unkritisch übernommen zu haben, ohne deren Wahrheitsgehalt überprüft zu haben.

Im Sommer schickte der damalige ETH-Präsident Lino Guzzella Carollo und ihren am gleichen Institut arbeitenden Ehemann in ein Sabbatical. Das geschah in der Hoffnung, dass die Wiederaufnahme der Tätigkeit von Carollo im Frühlingssemester 2018 «in einem möglichst beruhigten Umfeld stattfinden kann», wie es in der Administrativuntersuchung heisst.

Im Oktober 2017 kam der ETH-Rat jedoch zum Schluss, dass die gegen Carollo erhobenen Vorwürfe und die Vorgänge am ehemaligen Institut für Astronomie näher untersucht werden müssen. So gab die ETH die bereits erwähnte Administrativuntersuchung in Auftrag. Darin heisst es, Carollo habe eine Komplott-Theorie entworfen. Sie sehe sich als Opfer einer Rufmordkampagne, mit der gescheiterte Doktorandinnen und Doktoranden sie diskreditieren wollten. Auch der ehemalige Ombudsmann Wilfred van Gunsteren stehe hinter der Kampagne.

Gemäss der Administrativuntersuchung vermag die von Carollo vorgebrachte Komplott-Theorie nicht zu überzeugen. Und die gegenüber Ombudsmann Van Gunsteren, Departementsleiter Wallny und Prorektor Togni erhobenen Vorwürfe seien unangebracht. Auch könne nicht davon ausgegangen werden, dass die gegenüber Carollo gemachten Vorwürfe haltlose Anschuldigungen seien, hinter denen ausschliesslich eine entlassene Doktorandin stecke. «Das Fehlverhalten von Professorin Carollo reicht viel weiter zurück und ist aufgrund der Bemühungen einer Doktorandin nunmehr ans Tageslicht gekommen», heisst es.

«Vollkommen uneinsichtig»

Die Administrativuntersuchung kam zum Schluss, dass eine Entlassung angebracht sei. «Aufgrund der Befragungen und der vorliegenden Dokumente muss von einem wiederholten persönlichkeitsverletzenden Verhalten von Professorin Carollo gegenüber ihren Mitarbeitenden ausgegangen werden. Ein solches ist nicht akzeptabel und schliesst aus, dass sie ihre Professur an der ETH Zürich weiterführen kann», heisst es im Bericht.

Angesichts dieser klaren Worte hat die ETH im Oktober 2018 ein Kündigungsverfahren gegen Carollo eingeleitet. Daraufhin hat die ETH, wie es die Professorenverordnung vorschreibt, eine Kommission zur Prüfung der Angemessenheit der Kündigung eingesetzt. Sie bestand aus drei ETH-internen und drei ETH-externen Professoren. Diese Kommission kam zur Überzeugung, dass die gegenüber Carollo erhobenen Vorwürfe im Kern weitgehend zutreffend seien. Es sei auch nicht zu verantworten, dass sich die Professorin künftig noch mit der Betreuung von Doktorierenden befasse. In Anbetracht der Aktenlage sah die Kommission dennoch «keine belastbare rechtliche Möglichkeit zur Entlassung» und riet von dieser ab.

Die Empfehlungen der Entlassungskommission sind allerdings nicht bindend. «Die Schulleitung der ETH hat nach Abwägen aller Möglichkeiten und eingehenden Diskussionen beschlossen, beim ETH-Rat trotz dieser ambivalenten Empfehlung der Professorenkommission Antrag auf Entlassung zu stellen», teilt die ETH auf Anfrage mit. «Die Empfehlungen der Kommission – insbesondere jene, dass die Professorin eigentlich nie mehr Doktorierende betreuen dürfe – erachtet die Schulleitung als unrealistische Option, da die Doktorandenbetreuung zu den Hauptaufgaben von ETH-Professorinnen gehört.»

Für die Schulleitung sei auch klar, dass die ETH respektloses Verhalten nicht dulden dürfe. «Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder Mensch Fehler machen darf und die Möglichkeit erhalten soll, sich zu verbessern», sagte ETH-Präsident Mesot in einem im März publizierten Interview. «Das hätte ich mir persönlich auch in diesem Fall gewünscht. Doch die Professorin zeigte sich im ganzen Verfahren vollkommen uneinsichtig und ist sich auch heute noch keines Fehlverhaltens bewusst. Damit war für mich die Voraussetzung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht gegeben.»

Folglich hat die ETH entgegen den Empfehlungen der Entlassungskommission beim ETH-Rat die Entlassung von Carollo beantragt. Dieser ist dem Antrag nun gefolgt.

Erstellt: 15.07.2019, 15:13 Uhr

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