Prostituierte an der Nähmaschine

Unter der Regie der Modedesignerin Marianna Piciuccio haben sechs Sexarbeiterinnen das Schneiderhandwerk gelernt. Heute Abend stellen sie in der Labor-Bar ihre Kleider vor.

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Aus einem Lautsprecher schmettert Luciano Pavarotti seine Arien aus Puccinis «Tosca» in das Schneider- und Nähatelier der Zürcher Stadtmission. Sonst sind nur das Rattern der Nähmaschinen und das Zischen des Dampfbügeleisens zu hören. Fünf Frauen verschiedenen Alters sitzen konzentriert und mit gebeugten Köpfen über ihren Näharbeiten. Sie schneidern Kleider, Röcke und Blusen für eine Modeschau.

Die müssen bis spätestens heute Donnerstag fertig sein. Es handelt sich um keine gewöhnlichen Schneiderinnen – und auch nicht um eine normale Modeshow: Die Frauen sind Sexarbeiterinnen, die von der Zürcher Stadtmission die Gelegenheit erhalten haben, einen bürgerlichen Beruf zu erlernen und zu zeigen, was sie nun alles können.

Diese Frauen sehen nicht nur aus wie die meisten, sie sind im Alltag auch genauso unauffällig gekleidet. Chefin im Schneider- und Nähatelier ist Marianna Piciuccio. Sie ist klein, quirlig, und wer sie einmal gesehen hat, vergisst ihren schwer auszusprechenden Namen nie wieder. Mit ihrer Liebe zur Opernmusik und ihrem italienischen Temperament sorgt sie für gute Stimmung. Sie spricht zwar nur gebrochen Deutsch. Doch mehr ist bei ihrer Arbeit nicht nötig. Die Prostituierten stammen aus Südamerika und sprechen Spanisch. Diese Sprache beherrscht Piciuccio perfekt, genau wie ihr Handwerk. Stolz schlägt sie einen Ordner mit den gesammelten Bildern ihrer Kreationen auf. In ihren besten Jahren hat Piciuccio in Zürich Kleider für Film, Fern­sehen und Werbung gemacht.

Schon zwei Nähgruppen

Wie kommt die Stadtmission Zürich dazu, ein Nähatelier zu finanzieren? Eine Sexarbeiterin äusserte gegenüber einer Mitarbeitenden von Isla Victoria, der Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe, den Wunsch, nähen zu lernen. Isla Victoria gehörte zur Stadtmission. Regula Rother, die Leiterin, fand die Idee spannend. Eine Mitarbeitende kannte Marianna Piciuccio. Diese startete mit zwei bis drei Interessierten einen Pilotversuch. Mit Erfolg. Heute gibt es bereits zwei Nähgruppen. Eine für Anfänger mit sieben Frauen, eine für Fortgeschrittene mit sechs Frauen.

«Es geht nicht um ein Ausstiegsprojekt aus der Prostitution», sagt Regula Rother. Die Frauen erleben, dass sie auch noch anderes in ihrem Leben können. «Das gibt ihnen Selbstvertrauen.» Zudem beobachtet Piciuccio, dass sie sich durch dieses Handwerk näherkommen, mehr Rücksicht aufeinander nehmen. «Mit wie viel Begeisterung sie zuschneiden, abstecken, nähen und bügeln, zeigt sich auch darin, dass eigentlich nie jemand fehlt.» Als es der ­De­signerin einmal nicht so gut ging, hat ihr eine Schülerin das Abendessen vorbeigebracht.

Ein finanzieller Spagat

Piciuccio freut sich, ihr Wissen weitergeben zu können. «Wenn ich arbeite, vergesse ich alles andere.» Entlöhnt wird sie von der Stadtmission. Auch die Sexarbeiterinnen zahlen. Zehn Franken pro Nähtag. «Es ist stets ein Spagat, ein solches Projekt zu unterstützen», betont Rother. In Zürich wird es für diese Frauen wohl schwierig sein, ein Atelier zu eröffnen – aber vielleicht ist es in ihrer Heimat möglich.

Heute Donnerstag ist nun also Modeschau. Die Sexarbeiterinnen zeigen ihre Modelle. Marianna Piciuccio hat speziell für diesen Event eine eigene Kollektion für die reifere Frau entworfen. Der Verkauf aus dieser Kollektion kommt der Zürcher Stadtmission zugute.

Nicht nur Mode wird in der Labor-Bar gezeigt werden. Rechtsanwalt Valentin Landmann spricht übers Geldverdienen im Sexgewerbe, eine Sexarbeiterin plaudert aus ihrem Nähkästchen, und der Filmer Béla Batthyany erzählt von seiner Filmarbeit im Rotlichtmilieu.

Labor-Bar, Schiffbaustrasse 3, 18 bis 20.30 Uhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2016, 23:18 Uhr

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