Prostituierte fürchten sich vor Arbeitsverbot

Vier Sexarbeiterinnen aus Zürich sprechen über das Prostitutionsverbot. Sie haben Angst, Schutz und Einkommen zu verlieren.

Prostituierte an einem Fenster an der Zürcher Langstrasse: Drei der vier vom TA befragten Sexarbeiterinnen würden bei einem Verbot weiterarbeiten. Foto: Andras D. Hajdu (Keystone)

Prostituierte an einem Fenster an der Zürcher Langstrasse: Drei der vier vom TA befragten Sexarbeiterinnen würden bei einem Verbot weiterarbeiten. Foto: Andras D. Hajdu (Keystone)

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Ana (42), Portugiesin

Während des Gesprächs steht Ana auf, diskutiert stehend, raucht, gestikuliert. Sie ist eine temperamentvolle Frau. «Dieser Beruf», sagt sie, habe ihr Geld gebracht, ökonomische Stabilität, Unabhängigkeit. Sie streicht ihr blondes Haar nach hinten. Nirgends könne sie so flexibel arbeiten. Und sie lasse sich von Männern nichts sagen, bestimme ihre eigenen Regeln. Wenn ein Mann etwas verlange, was sie nicht machen wolle, wie Sex ohne Kondom, sage sie Nein.

Gelernt hat Ana Kosmetikerin, vor über 20 Jahren. Sie hat bereits in Spanien, Portugal, Deutschland und Holland als Prostituierte gearbeitet. Portugal hält sie für liberaler als die Schweiz. Dort könnten Frauen überall eine Wohnung mieten, um als Sexarbeiterin tätig zu sein, erzählt sie. Hier hingegen müsse man vieles bezahlen wie Beiträge für die Krankenkasse. Dafür habe man mehr soziale und politische Stabilität.

Sie habe diesen Beruf gewählt, weil sie sich und den drei Kindern so das Wichtigste ermöglichen könne, was sie zum Leben brauchen. Ana ist alleinerziehend und stolz, ihre Rechnungen, Altersvorsorge und Steuern selbst bezahlen zu können. Dafür hat sie sich stundenweise in einem Zimmer im Langstrassenquartier eingemietet. Sie hat Massage und Sex angeboten, aber nicht jeden Tag. Weil die Preise eingebrochen sind, arbeitet sie noch als Putzfrau.

Ein Prostitutionsverbot wäre schlecht, sagt Ana. Sie würde trotzdem weiterarbeiten. Grundsätzlich will sie aber nicht, dass es zu einem Verbot kommt. Sie fürchtet, dass sie dann weniger geschützt wäre, und es im Allgemeinen zu mehr sexueller Belästigung kommen würde.

Susanna (31), Ungarin

Susanna arbeitet und wohnt in Zürich in einem kleinen Zimmer ohne Tageslicht. Darin steht ein schmales Bett, ein Schrank, Fernseher, Ventilator. Eine Wand ist rot bemalt. 3000 Franken Miete zahlt sie im Monat. Als sie den Raum zeigt, steht ihr Koffer bereits gepackt neben der Tür. Am nächsten Tag reist Susanna nach Hause, 20 Stunden in den Osten. Ihr Sohn hat Sommerferien. Susanna würde weiterarbeiten, auch unter einem Prostitutionsverbot: «Natürlich käme ich wieder, wie viele andere.» Sie pendelt seit einigen Jahren zwischen Ostungarn und der Zürcher Langstrasse hin und her, um Geld zu verdienen. Damit finanziert sie zu Hause mehrere Menschen, ihren jugendlichen Sohn, ihre Mutter, die Kinder ihrer Schwester, ihren behinderten Bruder. An einem guten Freitag verdiene sie 2000 Franken. In einem guten Monat bis 10’000, schätzt sie – daheim in Ungarn ein unvorstellbares Vermögen.

Susanna hat keine Ausbildung und glaubt nicht, eine andere Arbeit zu finden, bei der sie ähnlich verdiente. Deshalb folgte sie vor Jahren einer Bekannten, die ihr von Zürich erzählte. Erst stand sie auf dem Strassenstrich am Sihlquai, verstand kein Deutsch. Beim ersten Kunden habe sie geweint, sagt sie. Inzwischen lache sie über die Männer.

Auf ihren Sohn ist Susanna sehr stolz, zeigt Bilder auf ihrem Handy. Ihre Fingernägel sind lang und hellrosa, passend zu ihrem pinken Minikleid. Er solle es besser haben, sagt Susanna. Sie wisse, was Hunger sei, habe Gemüse von Feldern gestohlen. Nun habe sie für ihn eine Wohnung kaufen können, sogar Möbel habe die Mutter schon ausgesucht. Diese denkt, sie putze in der Schweiz. Das sei besser, sagt Susanna. Sonst mache sie sich zu viele Sorgen. «Mütter machen sich immer Sorgen.»

Sie erlebte auch Gewalt in Zürich, von einem Zuhälter. Diesem begegnete sie im Langstrassenquartier. Die beiden freundeten sich an, bis er sie zwang, Geld abzugeben. Er schlug sie, sperrte sie im Zimmer ein. Es sei ihr schlecht gegangen, sie habe wegen dieses Mannes Antidepressiva nehmen müssen. Irgendwann hatte sie den Mut, ihn anzuzeigen. Inzwischen hat ihn ein Gericht erstinstanzlich verurteilt. Das, sagt sie, wäre ohne die Hilfe von Stadtpolizei und Behörden niemals möglich gewesen. Wenn Prostitution verboten wäre, hätte sie sich wohl nicht getraut, den Mann anzuzeigen. Susanna sagt: «Uns würde der Schutz vor der Gewalt fehlen, und wir bekämen auch keine Hilfe mehr.» Davor habe sie Angst.

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Waranya (56), Thailänderin

Auf etwas ist Waranya stolz: Sie als Frau ohne Ausbildung sorgt heute für ihre Familie. Sie hat vier Kinder, das jüngste ist ein Teenager. Sie trage entscheidend zum Familienbudget bei, sagt sie. Umso mehr, seit ihr Mann krank geworden ist. Er ist Schweizer, sie lernten sich in ihrem Salon in Zürich kennen. Waranya redet sanft, ist zurückhaltend und ernst. Sie sagt: «Dank meiner Arbeit brauchen wir keine Sozialhilfe.» Ihre Kinder wissen von ihrem Job. Sie erklärte ihnen, sie arbeite mit Männern, damit sie genügend Geld hätten, vor allem für Schulbildung. Trotzdem will sie nicht mit richtigem Namen in der Zeitung stehen, weil sie auf die Gefühle der Kinder Rücksicht nehmen wolle. Sie nennt sich nicht Prostituierte, betont die Berufsbezeichnung Sexarbeiterin mehrfach. Sie wünscht, weiterhin so selbstbestimmt arbeiten zu können wie in den vergangenen 18 Jahren.

In Thailand hat sie auf Reisfeldern gearbeitet und kaum etwas verdient. Ihr erster Mann war früh verschwunden, zahlte nicht für die Familie. In der Schweiz hat sie nun ein Auskommen, mit dem sich gut, aber nicht überschwänglich leben lasse. Zudem könne sie als Selbstständige ihre Zeit frei einteilen. Sie begleitet ihren Mann zum Arzt oder ihren Sohn zum Sportturnier, wann die Termine eben anstünden. Waranya sieht nicht ein, weshalb sie ein Arbeitsverbot erhalten soll. Das wäre ihr keine Hilfe. Die Bewilligung hingegen sei ihr bester Schutz. Auf das Prostitutionsverbot angesprochen, wird sie energisch und sagt: «Hört auf, uns zu belehren! Lasst uns einfach unsere Arbeit machen.»

Karin (29), Schweizerin

Als Karin beschloss, Prostituierte zu werden, ging sie äusserst akribisch vor. Sie studierte Zürcher Bordelle, klickte sich durch deren Websites, verglich Angebote und Preise, Lage und Grösse. Sie wählte ein Etablissement als Arbeitsort, das im Zürcher Bankenviertel liegt, in der Nähe des Paradeplatzes. Es war ein Bordell, wo Diskretion sehr wichtig ist, sich Freier auf dem Gang nicht begegnen, wo Karin ihr Bild nicht auf eine Internetsite stellen musste. So vermied sie, von einer Bekannten oder einem Verwandten entdeckt zu werden.

«Ich hatte genug vom Arbeitsamt und wollte nicht mehr um Stellen betteln.»Karin (29) Prostituierte in
der Zürcher Innenstadt.

Karin ist Prostituierte, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Jetzt arbeitet sie abends auf dem Zürcher Strassenstrich in Altstetten, 25 Stunden pro Woche. Sie schätzt, pro Monat 8000 Franken zu verdienen. Karin erzählt ruhig und detailliert, raucht mehrere Zigaretten. Sie ist eine kleine Frau mit einem gewinnenden Lächeln, meist ungeschminkt unterwegs. Ein Prostitutionsverbot hiesse für sie: «Ich müsste meine Selbstständigkeit und meinen gut bezahlten Job aufgeben.» Das will sie nicht. Karin ist ihr Arbeitsname, ihren richtigen will sie nicht in der Zeitung lesen. Er tönt aber ebenso bodenständig. Sie ist Schweizerin, 29 Jahre alt und hat eine solide Ausbildung. Karin zahlt Steuern und achtet darauf, dass ihr Jahreseinkommen nicht höher steigt als 100’000 Franken. Sonst müsste sie als Einzelfirma Mehrwertsteuern zahlen.

8000 Franken ist fast doppelt so viel Geld, wie sie als Angestellte verdient habe, bevor sie Prostituierte wurde, sagt sie. Seit der Lehre sei sie von drei Firmen wegen Reorganisationen entlassen worden, vor die Tür gestellt aus wirtschaftlichen Gründen. Beim dritten Mal hatte sie genug vom Arbeitsamt, wollte nicht mehr Dutzende Bewerbungen schreiben und um eine «Stelle betteln». Im Bordell, sagt sie, frage niemand nach einem Arbeitszeugnis. Jetzt habe sie einen Job, mit dem sie ihr Leben gut finanzieren könne. Spass haben müsse sie an einer Arbeit nicht. Aber es gebe auch immer wieder schöne Momente mit Freiern. Prostituierte will Karin bleiben, zumindest bis Mitte 30. Bis dann, hofft sie, genügend Geld für Wohneigentum gespart zu haben.

Gäbe es ein Prostitutionsverbot, würde Karin aufhören. Auch wenn, wie im Fall von Schweden, Freier bestraft würden und nicht sie als Prostituierte. Sie wolle aber nicht Geld verdienen mit einer Dienstleistung, die ein Freier gar nicht beanspruchen dürfte, sagt sie. Sonst wäre sie ja Teil eines illegalen Geschäfts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2018, 19:53 Uhr

Das Problem sind die Dumpingpreise

Die Stadt hat vor fünf Jahren umfangreich geregelt, wann und wo Prostitution erlaubt ist. Sie hat für 2,4 Millionen Franken Strichboxen in Altstetten geschaffen und Zonen in der Stadt, wo Prostitution auf der Strasse erlaubt ist. Zürich hat das Thema damals vorangetrieben wegen der unhaltbaren Zustände auf dem Strich am Sihlquai.

2017 gab es in Zürich knapp 200 bewilligte Strassenprostituierte, dazu rund 140 bewilligte Salons. Kleinstsalons, in denen nur eine Frau arbeitet, brauchen keine Bewilligung mehr. Diese Zahlen erhebt die Stadtpolizei. Sie macht hingegen keine Schätzungen dazu, wie gross die Zahl der Prostituierten in Zürich insgesamt ist. Das Sicherheitsdepartement von Karin Rykart (Grüne) hält in seinem jüngsten Bericht fest: Die Situation in Zürich habe sich entspannt.

Die Probleme sieht das zuständige Sozialdepartement von Raphael Golta (SP) zurzeit in den Preisen. Diese seien in den letzten Jahren gesunken, sagt Sprecherin Heike Isselhorst. Eine Folge des Preisdumpings sei, dass Frauen ihre Dienstleistungen vermehrt ohne Kondom anbieten würden. Das Risiko, sich mit einer Krankheit anzustecken, sei so gestiegen. Isselhorst bezeichnet auch die Gewalt als Problem, vor allem ausserhalb des Strichplatzes. Auf dem Platz selber sei es bisher zu keinen schweren Gewaltvorfällen gekommen wegen der Präsenz der Sicherheitsleute von SIP Zürich und der Beratungsstelle Flora Dora. (meg)

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