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Rasende E-Biker an der Sihl

An der Zürcher Sihlpromenade ist zu viel Betrieb auf zu wenig Platz. Das Hauptroblem: Elektrovelos. Die Polizei ist machtlos.

Sind den gleichen Regulierungen wie normale Velos unterworfen: Die zum Teil deutlich schnelleren E-Bikes.
Sind den gleichen Regulierungen wie normale Velos unterworfen: Die zum Teil deutlich schnelleren E-Bikes.
Hauke-Christian Dittrich, Keystone

Kaum ein Ort in Zürich, wo sich auf so engem Raum so viele Menschen begegnen: Auf knapp zwei Meter Breite kreuzen sich auf der Sihlpromenade Fussgänger, Velofahrende mit und ohne Anhänger, Mountain- und Elektrobiker, Kinderwagen und Jogger. Und rechts vom Weg, der vom Bahnhof Selnau die Sihl entlang zur Sihlcity führt, fällt das Bord steil zur Sihl hinab.

«Es ist einfach grauenhaft. Zu Fuss ist es noch schlimmer als mit dem Velo», sagt Katja Venturini, die im Kreis 2 arbeitet und seit Jahren morgens und abends zu ihrem parkierten Auto Richtung Sihlcity unterwegs ist. Jeden Tag habe sie Angst, in die Sihl gestossen zu werden, derart schnell und aggressiv würden die verschiedensten Verkehrsteilnehmenden auf diesem schmalen Weg rasen. Eine Mutter mit Kinderwagen und weitere Fussgänger bestätigen Venturinis Aussagen: «Im Vollkaracho kommen sie einem entgegen.»

Kein Tacho – keine Busse

Auch die Zürcher Stadtpolizei bestätigt: «Wir sehen die Problematik und können die Meldungen nachvollziehen.» Bei hoher Frequentierung könne es an der Sihlpromenade zu bestimmten Zeiten zu heiklen Situationen kommen. «Wir prüfen entsprechende Schritte», sagt Marco Bisa, Mediensprecher bei der Stapo. Es gebe diverse Schwerpunkte im Kreis 3, wo die Polizei explizit Velokontrollen durchführt, auch aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung oder eigener Feststellungen. Dies seien die Schmiede Wiedikon, die Kalkbreitestrasse, die Birmensdorferstrasse und generell in Parkanlagen.

Das Problem sind rasende Velofahrer – allen voran die Elektrobiker. Doch der Polizei sind die Hände gebunden, obwohl den Behörden nicht entgangen ist, dass Mischflächen, die von Velofahrenden und Fussgängern benutzt werden, «Konfliktsituationen auslösen können». Denn bezüglich Geschwindigkeiten von E-Bikes sagt die Zürcher Stadtpolizei: «E-Bikes werden von Gesetzes wegen wie Velos oder Mofas behandelt, und die allgemeinen und signalisierten Höchstgeschwindigkeiten sind nicht direkt anwendbar.»

Velo-, Mofa- und Elektrobike-Fahrer müssten Fahrverhalten und Geschwindigkeit an die gegebenen Verkehrs- und Witterungsverhältnisse anpassen. «Wir können diese Velofahrer lediglich wegen Nichtanpassens der Geschwindigkeit verzeigen und nicht wegen eines zu hoch gemessenen Tempos, da diese Velos nicht mit einem geeichten Tachometer ausgerüstet sind», sagt Mediensprecher Bisa. Mit anderen Worten: Kein Tacho – keine Busse.

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Bildstrecke: Getunte Elektrovelos

Jedes vierte verkaufte Velo in der Schweiz hatte im vergangenen Jahr einen Elektromotor.
Jedes vierte verkaufte Velo in der Schweiz hatte im vergangenen Jahr einen Elektromotor.
Urs Jaudas
Etlichen Velofahrern genügt die Leistung ihrer E-Bikes allerdings nicht. Sie tunen – «frisieren» –  ihr Fahrrad.
Etlichen Velofahrern genügt die Leistung ihrer E-Bikes allerdings nicht. Sie tunen – «frisieren» – ihr Fahrrad.
Adrian Moser
Die Stadtpolizei Zürich erwischt monatlich solche getunten E-Bikes. (Symbolbild eines Velochecks am Limmatquai)
Die Stadtpolizei Zürich erwischt monatlich solche getunten E-Bikes. (Symbolbild eines Velochecks am Limmatquai)
Adrian Moser
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Gibt es in der Stadt Zürich Massnahmen, wie zum Beispiel Tempolimiten für E-Biker? Martin Guggi, stellvertretender Direktor und Leiter Recht & Bewilligungen bei der Dienstabteilung Verkehr (DAV): «Bezüglich Festsetzung einer Geschwindigkeitslimite für E-Bikes gilt es zu berücksichtigen, dass auch konventionelle Velos schnell unterwegs sein können.»

Ausserdem teile der Bundesgesetzgeber Elektrovelos in zwei Kategorien ein, in Leicht-Motorfahrräder (langsame E-Bikes) und Motorfahrräder (schnelle E-Bikes). Für diese Kategorien würden zwar bei gewissen Signalisationen unterschiedliche Verkehrsregeln gelten, doch «die Kontrolle und Durchsetzung einer solchen Regelung erscheint als sehr schwierig angesichts der Tatsache, dass zum Beispiel bei einem Fahrverbot für Motorfahrräder schnelle E-Bikes mit ausgeschaltetem Motor als normale Velos gelten und das Fahrverbot deshalb nicht beachten müssen», so die DAV.

Gefährlich schnell unterwegs

Auf die Strasse müssen die Raser nicht, denn «der Weg ist mit der Signalisation 2.63.1 signalisiert». Dies bedeutet: Gemeinsamer Rad- und Fussweg, und somit ist es gemäss Strassenverkehrsgesetz obligatorisch, dass auch E-Bikes, sei es mit Höchstgeschwindigkeit 25 km/h oder auch mit 45 km/h, die Sihlpromenade benützen müssen.

Christian Thomas, Mitglied des Vorstandes des Fussgängervereins Zürich, der sich für die Interessen des Fussgängers als schwächstes Verkehrsmitglied einsetzt, meint dazu: «Das grösste Problem ist die Gleichstellung der schnellen E-Bikes bis 45 Stundenkilometern mit den Velos.» Diese gehörten nicht in Erholungsanlagen, sondern wie die anderen Motorräder und die Mofas auf die Autofahrbahnen. «Die Kategorieneinteilung der E-Bikes war ein schwerwiegender Fehler des Bundesamtes für Strassen (Astra), der sich nun in der ganzen Schweiz negativ auswirkt», sagt Thomas.

Auch Dave Durner von Pro Velo Kanton Zürich kennt das Problem mit den schnellen E-Bikes: «E-Biker sind auf Velowegen gefährlich schnell unterwegs, zumal diese Wege betreffend Kurvenradien und Sichtweiten schlicht nicht für solche Geschwindigkeiten ausgelegt sind.» Deshalb setze sich Pro Velo auch dafür ein, dass zumindest für schnelle E-Bikes, «und überhaupt für schnelle Velos wie Rennfahrer, die Benutzungspflicht aufgehoben wird», so Durner.

Im Ausland andere Regeln

Bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) ist das Problem bekannt: «Wir sehen einen Handlungsbedarf bei der Regelung bezüglich schneller E-Bikes», sagt der Medienverantwortliche Nicolas Kessler. Die Regelung, nach der ein E-Bike auf Velospuren fahren darf und oft sogar muss, sei den Leuten oft nicht bekannt. Zudem gebe es in der Schweiz unterschiedliche Signalisationen. Zum Beispiel Radwege, auf denen Mofas nicht zugelassen seien, noch schnellere E-Bikes aber schon. «Da sollte eine Vereinfachung ausgearbeitet werden.» Schlecht sei auch, dass im Ausland eine andere Regelung für schnelle E-Bikes gelte als in der Schweiz.

Allerdings schränkt Kessler ein. Es sei unklar, was passieren würde, wenn man die Benutzungspflicht von Radwegen für schnelle E-Bikes aufheben würde. «Dies kann zu neuen Konflikten und gefährlichen Unfällen führen.» Tatsächlich haben die «Ereignisse mit Beteiligung schneller E-Bikes» in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Wurden bis 2013 jährlich nie mehr als vier Ereignisse gemeldet, waren es im letzten Jahr bereits 55. Handlungsbedarf bezüglich der Infrastruktur sieht die BfU deshalb vor allem «bei schmalen Velowegen sowie bei Rad- und Fusswegen mit hohem Verkehrsaufkommen und reduzierten Sichtweiten.»

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