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«Reiter haben kein Interesse daran, ein Pferd zu stark zu sedieren»

Ein totes und ein verletztes Pferd sowie mehrere Unfälle beim Umritt des Böögg. Wieso kam es am diesjährigen Sechseläuten zu solch tragischen Vorfällen? Dazu Tierarzt und Zünfter Michael Hässig.

Helfer greifen am Sechseläuten ein: Ein Pferd bricht beim Umritt um den Böögg zusammen.
Helfer greifen am Sechseläuten ein: Ein Pferd bricht beim Umritt um den Böögg zusammen.
Urs Jaudas

Herr Hässig, am diesjährigen Sechseläuten ist ein Pferd gestorben, eines ist mit einem Auto zusammengestossen, mehrere Reiter sind beim Ritt um den Scheiterhaufen vom Pferd gestürzt, in einem Fall ist das Ross sogar auf den Reiter gefallen. Das ist kein besonders gutes Fazit. Es stimmt, in diesem Jahr gab es eine aussergewöhnliche Häufung solcher Zwischenfälle. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass das Zürcher Sechseläuten der grösste alljährlich stattfindende Reitanlass in der Schweiz ist. Über 550 Pferde kommen jeweils zusammen. Bei einer solchen Masse kann es einfach vorkommen, dass etwas passiert. In den vergangenen Jahren ist demgegenüber sehr wenig vorgefallen. So gab es in den sieben Jahren, in denen ich als Wagenchef am Sechseläuten mitgearbeitet habe, gerade mal einen Fall, bei dem ein Pferd akut erkrankte und nicht verunfallte.

Können Sie sich diese plötzliche Häufung von Unfällen erklären? Es könnte mit dem Wetter zusammenhängen. In der Woche davor war es noch kalt und viele Pferde konnten nicht auf die Weide. Dieser plötzliche Witterungsumschwung, der leichte Wind und die warmen Temperaturen machen auch die Pferde aktiver. Sie werden lustig, wie wir Reiter es nennen.

Alles Wurst: Sind die Zünfter weg, geht es um die Wurst.
Alles Wurst: Sind die Zünfter weg, geht es um die Wurst.
Urs Jaudas
Vermummt wie am 1. Mai: Ein hungriger Besucher schnappt sich eine Schaufel voller Glut.
Vermummt wie am 1. Mai: Ein hungriger Besucher schnappt sich eine Schaufel voller Glut.
Urs Jaudas
Hast du mal Feuer? Noch qualmt erst Watterauch aus der Pfeife des Böögg, doch ab 18 Uhr dürfte es ungemütlich werden für den Hauptdarsteller des Zürcher Sechseläutens.
Hast du mal Feuer? Noch qualmt erst Watterauch aus der Pfeife des Böögg, doch ab 18 Uhr dürfte es ungemütlich werden für den Hauptdarsteller des Zürcher Sechseläutens.
Urs Jaudas
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Seit drei Jahren findet der Umritt des Böögg auf dem neuen Sechseläutenplatz statt. Könnte der neue Bodenbelag der Grund für diese Unfälle gewesen sein? Das glaube ich nicht. Wir haben den Belag genauestens getestet. Er ist sogar besser als die frühere Wiese. Das sagen alle Reiter. Der Belag besteht aus sieben verschiedenen Sandtypen, die auf dem Valserquarzit ausgestreut werden. Es ist dasselbe Granulat, das auch an anderen Pferdesportveranstaltungen wie dem CSI Zürich verwendet wird.

In einem Beitrag von TeleZüri wird die Vermutung geäussert, dass die Pferde falsch gesattelt sein könnten. Was sagen Sie dazu? Es ist tatsächlich so, dass man den Sattel vor dem Umritt des Böögg löst, damit es den Pferden während der Wartezeit wohl ist. Unsere Zunft ist an zweiter Stelle im Umzug geritten, also mussten wir zwei Stunden auf den Umritt warten. Unser Reitchef ist aber ein sehr vorsichtiger Mensch. Er hat uns alle dazu aufgerufen, nochmals nachzusatteln. Wenn man das vergisst, kann es den Sattel im Ritt drehen.

Also eine Unachtsamkeit der Reiter? Auch für einen Reiter ist das Sechseläuten eine aussergewöhnliche Sache. Es kann daher schon passieren, dass man vor Anspannung vergisst, nachzugurten. Reiter haben keine Checkliste wie Piloten.

In diesem Jahr ist die Ausgangslage aussergewöhnlich. Einige Zünfter konnten am Vortag den Sieg in den kantonalen Wahlen feiern. Waren die Reiter etwas lustiger unterwegs als in anderen Jahren? Das wäre mir nicht aufgefallen. Bei allen war wie jedes Jahr eine gewisse Anspannung auszumachen. Man ist sich der Verantwortung durchaus bewusst, die man als Reiter an einem solchen Anlass trägt. Schliesslich will niemand einen Unfall verursachen und damit das Pferd, die Zuschauer oder sich selbst gefährden.

Die Zünfter stehen im Ruf, ihre Pferde mit Beruhigungsmitteln zu sedieren, damit es nicht zu Unfällen kommt. Ist das so? Ich kann nicht für alle reden, aber in unserer Zunft wird rund die Hälfte der Pferde sediert. Da ich Tierarzt bin, nehme ich diese Sedierung vor.

Wie läuft das ab? Ich verwende ein medizinisch anerkanntes Sedativum, das wir am Sechseläuten den Pferden in Pastenform verabreichen. Die Paste wird dem Tier ins Maul gestrichen, sodass die Wirkstoffe über die Schleimhäute rasch ins Blut übergehen können. Das Mittel hat keinerlei Nebenwirkungen und ist seit über 40 Jahren im Einsatz. Wir brauchen es auch, wenn wir die Zähne der Pferde kontrollieren wollen oder wenn die Hufe bei widersetzlichen Pferden beschlagen werden müssen. Es muss nicht zwingend vom Tierarzt verabreicht werden. Der Pferdebesitzer kann es dem Tier selbst gemäss Dosierungsangabe des Tierarztes abgeben.

Kann eine zu starke Sedierung zu den Problemen am diesjährigen Sechseläuten geführt haben? Bei einer korrekten Handhabung des Medikaments – die Dosierung ist relativ einfach – ist das nicht möglich. Ganz ausschliessen lässt sich das aber nicht. Ein Pferd kann bei einer falschen Dosierung leichter stolpern. Aber es müsste eine übergrosse Menge Beruhigungsmittel verabreicht werden, bis ein Pferd daran stirbt. Reiter haben aber kein Interesse daran, ein Pferd zu stark zu sedieren. Es soll weiterhin reittüchtig und trittsicher bleiben.

Der Chefarzt der Pferdeklinik am Zürcher Tierspital, Anton Fürst, der die Betreuung der Pferde während des Sechseläutens seit mehreren Jahren leitet, sagt, dass der Stressfaktor für die Pferde am Sechseläuten nicht sehr gross sei. Teilen Sie diese Meinung? Ja. Es gilt zu bedenken, dass jedes Pferd tagtäglich Stresssituationen ausgesetzt ist. Denken Sie nur an das Überqueren einer stark frequentierten Strasse bei einem normalen Ausritt. Leider hören wir da auch immer wieder von Unfällen mit Pferd und Reiter. Jedes Tier reagiert anders auf eine solche Situation. Darauf muss man achten. Besonders schreckhafte Pferde gehören einfach nicht an ein Sechseläuten.

Die meisten Zünfter haben keine eigenen Pferde und müssen sich die Tiere extra fürs Sechseläuten mieten – zum Teil von Stallungen ausserhalb des Kantons. Kann man unter solchen Umständen überhaupt wählerisch sein? Es stimmt, dass etwa die Hälfte der Pferde, die am Sechseläuten mitlaufen, aus Reitschulen stammen und nicht den Reitern persönlich gehören. Für die Reitlehrer sind diese Tiere aber ihr grösstes Kapital. Sie werden keines der Pferde in Gefahr bringen und geben nur jene ab, die diesem Anlass gewachsen sind. Und sie prüfen ganz genau, ob der Reiter zum Ross passt.

Sind die Zünfter denn sattelfest genug, wenn sie nur gerade zum Sechseläuten aufs Pferd steigen? Wir haben seit zehn Jahren ein Abkommen mit der Stadt, dass alle Reiter am Sechseläuten auf Reitbrevet-Niveau reiten müssen. In unserer Zunft hat ein 80-Jähriger, der schon seit 40 Jahren unfallfrei am Sechseläuten mitgeritten ist, dieses Brevet des Pferdesportverbandes noch nachgeholt. Natürlich gibt es immer bessere und schlechtere Reiter. Aber alle können reiten. Abgesehen davon würde niemand jemandem ein Pferd geben, der nicht reiten kann. Das wäre viel zu gefährlich – und zu kostspielig abgesehen vom Tierschutzgedanken.

Und wie sieht es mit der Gesundheit der Pferde aus. Gibt es vor dem Sechseläuten einen Gesundheitscheck? Nein, ein genereller Check-up findet nicht statt. Aber man merkt ja, wenn es einem Tier nicht gut geht und es nicht gesund ist. Mit einem solchen Pferd geht niemand ans Sechseläuten. Da würden die Kameraden einen vom Ross holen. Das wäre ein absolutes No-go. Einen sich anbahnenden Herzstillstand oder Herzinfarkt kann jedoch niemand ohne klinische Untersuchung beim Mensch oder Pferd voraussehen.

Wird man nach den gestrigen Vorkommnissen die Abläufe am Sechseläuten verändern oder genauere Checks vornehmen? Für solche Auskünfte ist es noch zu früh. Aber ich kann ihnen versichern, dass man das alles ganz genau analysieren und gemeinsam mit allen Beteiligten durchgehen wird. Wenn wir etwas verbessern können, werden wir es sicher tun. Es ist in unserem Interesse, dass es keine solchen Zwischenfälle mehr geben wird. Das Sechseläuten soll ein fröhlicher Anlass bleiben. Ein Restrisiko bei so vielen Pferden bleibt aber immer bestehen.

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