Rekurs verzögert Baustart für günstigen Wohnraum im Kreis 4

Die Stadt Zürich hat die 90-jährige Pioniersiedlung Seebahn aus dem Schutzinventar entlassen. An ihrer Stelle sollen 145 neue Wohnungen entstehen. Der Heimatschutz wehrt sich.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

90 Jahre alt sind die Häuser der Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals (BEP) an der Seebahnstrasse. Eine Sanierung wäre wegen technischer und gesetzlicher Bestimmungen unverhältnismässig teuer, hat eine Analyse der bestehenden Bauten ergeben. Höchste Zeit also für Ersatzneubauten, fanden die Genossenschafter und stimmten an ihrer Generalversammlung vom 12. Juni 2015 einem Baukredit von 62 Millionen Franken deutlich zu. 145 neue Wohnungen sollen anstelle der alten Siedlung entstehen. Platz für doppelt so viele Menschen wie bisher.

Doch der Erneuerungswille der Genossenschafter wird bereits seit Jahren gebremst. Das 1930 erbaute Gebäudeensemble, an dessen Stelle dereinst die Seebahnhöfe entstehen sollen, ist im kommunalen Inventar der schützenswerten Bauten, Anlagen und Gärten der Stadt Zürich aufgeführt. Um bauliche Änderungen vornehmen zu können, muss dieser Schutz überprüft werden. Ein langwieriger Prozess, der erst am 24. August 2016 ein vorläufiges Ende fand, als der Zürcher Stadtrat die Siedlungen an der Seebahnstrasse aus dem Inventar entliess. Heute Mittwoch ist die entsprechende Ausschreibung im «Tagblatt der Stadt Zürich» erfolgt, womit der Entscheid auch amtlich vollzogen ist.

Rekurs verzögert Projekt um zwei Jahre

Gegen den Verzicht auf die Unterschutzstellung und die Entlassung aus dem Inventar kann innert 30 Tagen beim Baurekursgericht rekurriert werden. Der Vorstand des Stadtzürcher Heimatschutzes hat bereits beschlossen, gegen den Abriss zu rekurrieren, wie Präsidentin Barbara Truog auf Anfrage bestätigt. Über die Gründe und die Argumente für den Rekurs will sie allerdings noch keine Auskunft geben. «Diese wird das Baurekursgericht erfahren.»

Damit verzögere der Heimatschutz den Bau von bezahlbarem Wohnraum, den die Genossenschaft sehr sorgfältig geplant habe, sagt der Medienbeauftragte des Projekts Seebahnhöfe, Mike Weibel, zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Wir haben bei einem anderen Projekt die Erfahrung gemacht, dass es rund zwei Jahre dauern kann, bis Rekursverfahren durch alle Instanzen ausgefochten sind. Die Leidtragenden sind in erster Linie Wohnungssuchende in der Stadt Zürich.»

Trotz Rekurs will die Baugenossenschaft laut Weibel Ende Jahr den Gestaltungsplan für das Bauprojekt in Angriff nehmen. Diesen wird sie gemeinsam mit der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich erstellen, welche ebenfalls Liegenschaften an der Seebahnstrasse besitzt, die sie erneuern will. Aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft haben die beiden Genossenschaften sich bei der Planung und Umsetzung der Projekte zusammengeschlossen.

Architekturprojekte haben den Stadtrat überzeugt

Ein Gestaltungsplan ist nötig, um die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Realisierung der Seebahnhöfe zu schaffen. Darin sind übergeordnete Fragen wie beispielsweise die Gebäudevolumen, die Verkehrserschliessung oder die Aussenraumgestaltung zu klären. Anschliessend muss der Gemeinderat darüber entscheiden. Sobald dieser den Gestaltungsplan bewilligt hat, können die Genossenschaften ihre Baugesuche einreichen. Ist die Baubewilligung rechtskräftig, kann auch die Unterschutzstellung definitiv aufgehoben werden und eine Baufreigabe erfolgen.

Die Architekturprojekte für die Ersatzneubauten liegen bereits vor. Die BEP hat unter der Leitung der Stadt Zürich bereits 2013 einen Wettbewerb durchgeführt und das bereinigte Siegerprojekt dem Stadtrat vorgelegt. «Auf dieser Grundlage hat er den Entscheid gefällt, die Siedlungen an der Seebahnstrasse aus dem Inventar der schützenswerten Bauten zu entlassen», sagt Weibel.

Minimale Unterhaltsarbeiten bis Baustart

In der geplanten Blockrandsiedlung sollen dereinst neben 145 neuen Wohnungen auch eine Doppelkindertagesstätte, Ateliers und Gewerbeflächen sowie Waschsalons im Erdgeschoss entstehen. Die Genossenschaft hat bewusst auch kleine 4-Zimmer-Wohnungen mit einer Fläche von lediglich 82 Quadratmetern in der Siedlung vorgesehen, damit dort möglichst vielen Menschen kostengünstiger Wohnraum zur Verfügung gestellt werden kann.

Bei der BEP rechnet man aufgrund des komplexen Verfahrens damit, dass frühestens 2021 erste Mieter einziehen können. Derzeit werden die seit 1970 nicht mehr renovierten Wohnungen nur minimal unterhalten, damit sie bewohnbar bleiben. «Bauliche Übergangslösungen lassen sich fast immer finden», sagt Weibel. Die BEP hat ihre Siedlung zur Zwischennutzung an das Jugendwohnnetz vergeben, das die Wohnungen an Studierende vermietet. Genossenschafter leben derzeit nicht dort.

Erstellt: 21.09.2016, 13:08 Uhr

Das geplante Projekt der BEP: An der Seebahnstrasse soll Wohnraum für doppelt so viele Menschen wie bisher entstehen. (Bild: PD)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...