Renn um dein Leben!

Der Verkehr bei uns ist nicht eine Frage der planerischen Fantasie, sondern der politischen Kräfteverhältnisse.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor dem Bahnhof in Genf muss früher ein grauenhaftes Chaos geherrscht haben. Der grosse Platz, der die Gäste aus aller Welt empfangen sollte, war verstellt von Taxis Trams, Bussen, Privatautos, Fussgängern, die sich im Weg standen. Eines Tages meldete sich ein Mann bei der Stadtverwaltung. «Ich hätte eine Idee», sagte er. Er betrieb einen kleinen Kiosk in einer Ecke vor dem Bahnhof. Jahrelang hatte er dem Treiben zugeschaut, dem Gefluche, dem Gehupe, dem Stau. Bis er wusste, wie man das Chaos entwirren könnte. Der neue Platz vor dem Bahnhof sei nach seinen Plänen konzipiert worden, hat mir ein Genfer Journalist erzählt. Ich weiss nicht, vielleicht ist die Geschichte eine urbane Legende.

«Geh mal zu Fuss über die Hardbrücke!», «Fahr mal mit dem Velo übers Bellevue!» – die Leute überbieten sich mit Geschichten von Scooter-Rowdys und Elektrovelo-Taliban.

An den sagenhaften Kioskbetreiber habe ich kürzlich gedacht. Ende Woche sind die nationalen Wahlen, aber wenn ich ein Thema nennen müsste, das meine Freunde beschäftigt, wenn wir zusammensitzen, sind es die Trams, Autos, Velos, Trottis in unserer Stadt. «Geh mal zu Fuss über die Hardbrücke!», «Fahr mal mit dem Velo übers Bellevue!» – die Leute überbieten sich mit Geschichten von Scooter-Rowdys und Elektrovelo-Taliban. Die Kurve der Unfallzahlen gibt ihnen recht.

«Wir sind halt keine Grossstadt», sagt dann meistens jemand in die Diskussion hinein: Wir haben keine Alleen und breite Trottoirs, bei uns wird es räumlich schnell eng. Der Verkehr bei uns ist nicht eine Frage der planerischen Fantasie, sondern der politischen Kräfteverhältnisse. Die Hierarchie der Verkehrsteilnehmer wird ausgehandelt mit Druck, mit Beziehungen, muss erkämpft und erobert werden. Und was ich in den Diskussionen höre, ist Unzufriedenheit und Resignation. Denn die Kräfteverhältnisse wären gut für eine Neuordnung des Verkehrs – ein alternativer Tiefbau-Stadtrat und eine grüne Polizeichefin, was will man mehr?

Aber irgendwie geht es nicht vorwärts und nicht zurück wie einst auf dem Genfer Bahnhofplatz. Wenn, dann nur mit ganz kleinen Schritten. Vielleicht sind wir einfach zu ungeduldig. Vielleicht sind wir aber zu sehr mit unseren kleinen Vorteilen beschäftigt, so wie die Bankenkönige der Credit Suisse, und sehen nicht über den Tellerrand hinaus. Ich habe alle Artikel über die Streithähne vom Paradeplatz gelesen und nirgendwo einen Hinweis gefunden, dass die CS zum Beispiel bis zum Hals in einen Bestechungsskandal in Moçambique verwickelt ist. Big time! Eine Milliarde Dollar stehen auf dem Spiel. Und der gute Ruf der ganzen Schweiz. Der Fall CS und Moçambique ist eine Zeitbombe.

Übrigens, kürzlich war ich in Genf. Stand vor dem Bahnhof und versuchte, über den Platz zu kommen. Nicht einfach. Autos, Trams, man rennt um sein Leben.


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 13.10.2019, 20:40 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Schwingt das Tanzbein: U2-Sänger Bono Vox während eines Konzerts im australischen Brisbane. (12. November 2019)
(Bild: Chris Hyde/Getty Images) Mehr...